„Es war schöner denn Fliegen“ – Hemingways Winterabenteuer in welcher Silvretta

Vor 100 Jahren verliebte sich der damals noch unbekannte Amerikaner im österreichischen Montafon in die Berge, das Skifahren – und seine nächste Frau. Er studierte Lawinen, pokerte heimlich, soff in den Wirtshäusern. Den Einheimischen war er suspekt. Eine Spurensuche.

Hier also soll er gesessen haben, an diesem Montafoner Holztisch mit den eingelassenen Schmuckleisten und der Schieferplatte in der Mitte. Bis spät in die Nacht pokerte Ernest Hemingway im Speisesaal des „Posthotels Taube“, bei geschlossenen Fensterläden und verriegelter Tür, denn Glücksspiel war in Österreich verboten. Doch neben dem Besitzer des Hotels, einem Bankier und dem Gerichtsvollzieher spielte auch der Gendarmeriehauptmann mit – und der hob den Finger ans Ohr, wenn draußen die nächtliche Patrouille vorbeiging. Dann verstummten alle.

Hemingway passte eigentlich nicht in die Runde der Honoratioren. „Schwarzer, Kirsch trinkender Christus“ nannten die Bergbauern in Schruns den jungen Amerikaner. Sein Gesicht war sonnengegerbt, Bart und Haare ließ er wild wachsen. In den Wirtshäusern soff und rauchte er und sang mit den Männern Berglieder. Dass er früh am Morgen mit seinen Holzskiern hinauf ins Hochgebirge stieg, machte ihn nur noch suspekter.

Vor einem Jahrhundert verbrachte der US-Schriftsteller zwei ganze Winter im Montafon, einem entlegenen Tal in Vorarlberg an der Grenze zur Schweiz. Er reiste per Zug von Paris an und quartierte sich mit seiner Frau Hadley und dem einjährigen Sohn John, den sie Bumby nannten, in Schruns ein.

Heute ist das Bergdorf mit charmantem Ortskern das touristische Zentrum mit Seilbahnen, einem Skigebiet und modernen Hotels – idealer Standort für eine Spurensuche. Die sich nicht nur auf die Gasthöfe beschränken sollte, in denen Hemingway damals einkehrte und wohnte, sie sollte auch Skitouren ins Silvretta-Hochgebirge umfassen, wo der Schriftsteller vor einem Jahrhundert begeistert durch den Tiefschnee pflügte. Diese Touren unternimmt man am besten mit einem erfahrenen Guide.

Wir lebten wie die Könige

Damals ging es in Schruns ruhiger zu als heute. „Wir waren die einzigen Fremden im Dorf“, schrieb Hemingway in seinem postum veröffentlichten Buch „Paris – ein Fest fürs Leben“. Ins Montafon reiste der damals noch unbekannte Mittzwanziger vor allem, weil es billig war. Hemingway wollte dem nasskalten Winter in Paris entfliehen, wo er wohnte.

St. Moritz oder Chamonix, wo die feine Gesellschaft auf Winterfrische ging, konnte er sich als schlecht bezahlter Journalist nicht leisten. In Österreich aber genügten ein paar US-Dollar pro Tag, um sich im ersten Haus von Schruns einzuquartieren. Die Zimmer seien geräumig und komfortabel gewesen, schwärmte Hemingway. Und in der holzgetäfelten, gut geheizten Stube habe er ausgezeichnet gegessen. „Wir lebten wie die Könige.“

Kein Wunder, dass die junge Familie gleich bis Ostern blieb – und im nächsten Winter zurückkam. War das Wetter schlecht oder das Lawinenrisiko hoch, schrieb Hemingway an seinen Kurzgeschichten und seinem ersten Roman „Fiesta“. An schönen Tagen aber ging er in die Berge.

Das Skifahren hatte er zuvor in Cortina d’Ampezzo gelernt, der Skilehrer Walther Lent führte ihn nun ins Hochgebirge, „wo sonst niemand war und wo es keine Spuren im Schnee gab“: ins Gauertal, über das er in „Schnee auf dem Kilimandscharo“ schrieb; und in die Silvretta mit ihren vielen Dreitausendern, von der er in Briefen schwärmte.

Die zweite von vier Mrs. Hemingways

Der Weg dorthin war weit, Seilbahnen oder Lifte gab es noch nicht. „Nach Gaschurn fuhren sie vielleicht mit der Kutsche“, sagt Lukas Kühlechner, „oder sie gingen zu Fuß.“ Kühlechner ist einer jener eingangs erwähnten erfahrenen Bergführer im Montafon, er begleitet Urlauber gern auf Skitouren auf Hemingways Spuren.

Erste Station ist das „Posthotel Rössle“ in Schruns’ Nachbarort Gaschurn. Aus dem erhaltenen Gästebuch weiß der Direktor, dass Hemingway sechsmal hier nächtigte, angeblich in dem alten Bett mit geschnitztem Himmel, das im zweiten Stock auf dem Flur steht. Und offenbar nicht immer allein.

Das Nachthemd, das die Modejournalistin Pauline Pfeiffer im „Rössle“ vergaß, wurde pikanterweise an Frau Hemingway in Schruns geschickt. Der Anfang vom Ende ihrer Ehe. Ein Jahr später wurde Pfeiffer die zweite von vier Mrs. Hemingways.

Kühlechner hat auf originelle Weise versucht, sich in die Skifahrer von anno dazumal hineinzuversetzen und originale Ausrüstung besorgt: Bei einem Antiquitätenhändler hat er mehr als 100 Jahre alte Holzski gekauft, zwei Meter lang und mehrere Kilogramm schwer. Die Seehundfelle, die man früher darunter schnallte, bekam er von seinem Großvater; Lederstiefel ersteigerte er online. Auch Bambusstöcke hat er, nur eine Loden-Bundhose fehlt ihm noch.

Während seiner Skitouren trägt Kühlechner allerdings bunte Funktionsfaser. Vom „Rössle“ geht es nun über gut 1000 Höhenmeter hinauf zum Madlenerhaus. Den langen Aufstieg musste Hemingway seinerzeit zu Fuß mit schwerem Rucksack auf sich nehmen, Kühlechner kürzt heute zeitgemäß ab: Die ersten 700 Höhenmeter per Seilbahn, ab der Bergstation chauffiert ein Pendelbus Wintertouristen durch enge Stollen zum Vermuntsee und über die Hochalpenstraße bis vor die Tür des Madlenerhauses, auf 1986 Meter Höhe.

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Die Hütte, 1894 gebaut, ist eine Institution. Über der Tür hängt ein Schild „Hemingway Stube“, in „Hemingway’s Ecke“ sitzen junge Niederländer unter Schwarz-Weiß-Fotos. Die Möbel aus hellem Holz sind eher praktisch-modern, allein der weiße Kachelofen wirkt urig. Dafür haben die Gäste heute heiße Duschen und WLAN. Und abends bekommen sie Steak mit Scampi serviert.

Hemingway kam oft ins Madlenerhaus, mit Hadley blieb er im Februar 1925 eine ganze Woche. Ihr Gepäck und ein Weinfässchen schleppten „untersetzte, mürrische Bauern, die nur Montafoner Dialekt sprachen“, schrieb er. Die Hütte stand damals einsam am unteren Ende eines Trogtals, durch das die junge Ill schwungvoll floss.

Heute ist die Kulisse nicht mehr ganz so idyllisch. Ein Betondamm überragt die Hütte, das Große Ried dahinter versank 1943 in einem Stausee. Nebenan stehen noch die Holzhütten der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die beim Bau des Damms schufteten.

Des Schriftstellers Furcht vor Lawinen

Als Basislager bleibt das Madlenerhaus dennoch beliebt. Von hier ließen sich 15 Tagestouren starten, sagt Kühlechner. In der Schlucht nebenan kraxelt er manchmal mit Gästen an einem 25 Meter hohen Eisfall. Welche Touren Hemingway genau ging, weiß Kühlechner nicht. Sicher ist aber, dass er zur Wiesbadener Hütte ging. Der Weg dorthin führt heute vorbei an einem Ausflugslokal, zwei Hotels und Kunstinstallationen.

Durch das enge Bieltal spurt Kühlechner sanft bergauf. Ein Bach plätschert zwischen Schneepolstern, vereinzelte Felsblöcke tragen weiße Hauben. Über die Hänge ziehen sich Spuren von Fuchs, Hase – und kleinen Lawinen. Die Furcht vor ihnen verfolgte Hemingway besonders im ersten Winter, als im Montafon viele Menschen verschüttet wurden und starben.

„Wir wurden zu großen Lawinenforschern“, schrieb er, „lernten, welche verschiedenen Typen von Lawinen es gibt, wie man sie vermeidet und wie man sich verhält, wenn man in eine hineingerät.“ Geräte zum Aufspüren von Verschütteten gab es noch nicht, „statt Sonde und Schaufel hatten sie wahrscheinlich Wein und Speck im Rucksack“, sagt Kühlechner.

Für die Wiesbadener Hütte war das sicher eine gute Idee. Vor 100 Jahren war sie noch winzig und stand auf einem Felspodest neben dem Gletscher, wie man auf Schwarz-Weiß-Fotos an den holzvertäfelten Wänden sieht. Heute versammelt sich hier auf 2430 Meter Höhe die Internationale der Skibergsteiger. In der Stube ist es laut und trubelig, am Tisch nebenan sitzen Italiener, man hört Französisch, Englisch, Polnisch. Die Gesichter glühen von Höhensonne und Bier. Dem jungen, kosmopolitischen Ernest würde es wohl gefallen.

Anders als zu Hemingways Zeiten wird aber wenig getrunken, die Gäste gehen zeitig zu Bett und stehen früh auf. Die meisten wollen auf den Piz Buin, mit 3312 Metern höchster Gipfel Vorarlbergs. Kühlechner meidet den prominenten Berg bewusst. An der Südflanke bahne sich seit Jahren ein großer Felssturz an, erklärt er und schlägt für den letzten Teil der Skitour auf Hemingways Spuren stattdessen die 3197 Meter hohe Dreiländerspitze vor. Beim Aufstieg müsse man weniger Gletscherspalten ausweichen, und das Klettern über den Felsgrat zum Gipfel sei viel schöner.

Kurz nach dem Aufbruch ist die Nacht sternenklar und kalt, doch sobald die Sonne über die Kuppen steigt, glitzert diamantengleich ein weißer Schneeteppich, die Zunge des Ochsentaler Gletschers mit den überhängenden Eistürmen leuchtet hellblau. Zu Hemingways Zeit vereinte er sich noch mit dem Vermuntgletscher.

Höher hinaus als Hemingway

Kühlechner spurt flott voran, denn parallel steigt eine Karawane von Skitouristen auf. „Wir wollen auf jeden Fall vor denen am Grat sein“, sagt er. „Sonst gibt’s Stress und Chaos.“ Über die Reste des Vermuntgletschers geht es gleichmäßig zur Ochsenscharte, unterhalb derer Kühlechner quert. Spitzkehre um Spitzkehre steigt er einen steilen Hang hinauf, bis er plötzlich stoppt, die Ski abschnallt und in den Schnee rammt.

Für die finale Kraxelei über den Felsgrat schlüpft der Bergführer in den Klettergurt, schnallt Steigeisen unter die Skistiefel und klettert am Seil voraus. Mal bohren sich die Stahlzacken in den Schnee, mal krallen sie sich in den rotbraunen Gneis. „Bleib stehen“, ruft Kühlechner mehrmals und klettert bis zum nächsten Bohrhaken voraus, wo er das Seil mit Karabiner einhängt. Derart gesichert, ist das Klettern über den schmalen Grat wesentlich entspannter.

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Ein paar entgegenkommende Skibergsteiger machen höflich Platz und grüßen. Am Gipfelkreuz aber, 3197 Meter über dem Meer, ist man allein. Es ist vollkommen still, nichts stört den fantastischen Rundblick über tief verschneite Bergketten und weite Gletscherbecken.

Ein Abenteuer nach Hemingways Geschmack, könnte man meinen. Doch auf die Gipfel der Silvretta ist der notorische Hasardeur wahrscheinlich nicht gestiegen, sagt Kühlechner. Mit den langen Skiern und den schweren Rucksäcken sei es anstrengend genug gewesen, auf die Scharten zu steigen, wo er südseitig über Firn und nordseitig durch Pulverschnee abfahren konnte.

Bis heute sind das die klassischen Skitouren in der Silvretta. Wobei moderne Ski mit Stahlkanten die Abfahrt enorm erleichtern – und natürlich ein Bergführer, der die unverspurten Pulverhänge aufspürt. Im fluffigen Tiefschnee wird das Wedeln so zum mühelosen Genuss.

Für Hemingway waren diese Gletscherabfahrten im Frühjahr die Krönung, für die er den ganzen Winter trainierte. „Die Knöchel aneinandergedrückt, liefen wir ganz tief geduckt, überließen uns der Geschwindigkeit und glitten endlos, endlos im stillen Zischen des körnigen Pulverschnees“, schrieb er. „Es war schöner als Fliegen.“

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Mit dem ICE etwa aus Frankfurt/Main bis Bludenz oder aus München bis Bregenz, weiter per Regionalbahn nach Schruns. Mit dem Auto über die Rheintalautobahn A14 bis Bludenz/Montafon und weiter auf der L188 bis Schruns.

Wo wohnt man gut? Das 1840 gegründete „Posthotel Taube“ in Schruns ließ ein Milliardär aus der Schweiz von 2021 bis Ende 2023 renovieren und auf 100 Betten erweitern. Wo einst Hemingways Zimmer war, ist heute passenderweise die Bar. Im neuen Haus gibt es Sauna und Dampfbad, im Garten einen beheizten Außenpool samt Jacuzzi. Doppelzimmer im Winter ab 456 Euro (posthotel-taube.at).

Das „Josefsheim“ nebenan zählt zu den schönsten Hostels der Alpen. Nachdem die Bergbahnen das frühere Pflegeheim 2021 renoviert haben, schläft man in modernen Doppel- und Mehrbettzimmern ab 45 Euro pro Person. Die kojenartigen Stockbetten haben Vorhänge für etwas Privatsphäre, es gibt auch Doppelzimmer und sogar eine Hauskapelle. Im Restaurant speist man unter einer der ältesten Gondeln des Skigebiets (sanktjosefsheim.at).

Traditionsreich ist das „Posthotel Rössle“ in Gaschurn, seit fünf Generationen im Besitz der Familie Kessler. Das Haus bietet 60 Zimmer sowie Hallenbad, Sauna und Dampfbad; Doppelzimmer mit Halbpension ab 160 Euro pro Person (posthotel-roessle.at). Wer höher hinauswill, übernachtet im Madlenerhaus mit 75 Schlafplätzen, bekannt für seine ausgefallene Küche (Doppelzimmer ab 92 Euro, Lager ab 35 Euro; madlenerhaus-silvretta.com). Die Wiesbadener Hütte ist im Winter von Mitte Februar bis Ende April geöffnet, Mehrbettzimmer ab 28 Euro, Lager ab 23 Euro, Halbpension plus 45 Euro (wiesbadener-huette.com).

Essen & Trinken: Im historischen „Gasthof Löwen“ in Tschagguns gibt es eine Hemingway-Ecke mit typischem Montafoner Tisch mit Schieferplatte für die Pfanne. An der holzvertäfelten Wand hängen Schwarzweiß-Porträtfotos des Autors, auf der Karte steht auch der Zwiebelrostbraten, den er gern aß – allerdings gibt es nicht Hemingways Lieblinsgvariante mit Kapern und Speckbohnen (loewen-tschagguns.at).

Skitouren & Skigebiet: Lukas Kühlechner, seit 15 Jahren Bergführer, bietet Einsteigerkurse sowie ein- und mehrtägige Skitouren (kuehlechner.at). Skitouren in der Silvretta führen meist in Südtäler, so dass man über Nordhänge im Pulverschnee abfahren kann. Das Skigebiet Silvretta-Montafon bietet 140 Pistenkilometer, die Wintersaison dauert bis Mitte April, Tagesticket ab 61,50 Euro (silvretta-montafon.at).

Weitere Infos: montafon.at/hemingway; vorarlberg.travel; austria.info

Die Recherche wurde unterstützt von Montafon Tourismus und der Österreich Werbung. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

Source: welt.de

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