Joshua Operschall war vor drei Wochen noch ein unbekannter Indie-Pop-Künstler aus Wien. Doch ein flirty Refrain und eine ausgebuffte Instagram-Strategie bringen seinen Song „Engelsblick“ auf den Plan der ganz großen Labels.
Er trinkt Ingwer-Tee, er darf nicht krank werden. Wenig Schlaf und er hat so viel vor. Joshua Pepe Operschall schnuppert in diesen Tagen an seinem Traum, ein bekannter Künstler zu werden. Die Chancen dafür stehen gar nicht einmal so schlecht. Die großen Musiklabels Universal und Warner bezirzen ihn seit Tagen, Popstars wie Nina Chuba lassen nach seiner Telefonnummer fragen. Mit Bausa, diesem Rapper aus Bietigheim-Bissingen mit tiefdunkler Stimme, war er die Tage schon Pizza essen. Er hat Joshua Pepe beruhigt, dass alles gut wird.
Vor ein paar Wochen war der 24-jährige Joshua ein Nobody, ein verspielter und lustvoller Indietyp, dessen Musik höchstens Beiwerk zu cool inszenierten Instagram-Fotos ist. Klar, er zeigte sich auch mal mit Gitarre und beim Singen, aber nach „All-in“ sah das alles nicht aus. Viele seiner Videos krebsten bei unter tausend Klicks herum. Aber manchmal braucht es nur eine Hook, einen Refrain, der die Tür zu einer neuen Welt aufstößt. Der Song „Engelsblick“ hat diese Hook. Das muss auch Joshua gespürt haben, als in den Kommentaren auf Instagram plötzlich ein Candy Storm ausbrach.
„Der Song ist über Nacht crazy gegangen“, sagt Joshua und nippt im Berliner Café am Tee. Joshua spürt das Kribbeln im Bauch, das er in „Engelsblick“ besingt. „Ich will dich die ganze Nacht, bis der Tag anbricht. Fuck, du veränderst mich, Girl!“: Wenn Joshua über den Electro-Drop hinweg diese Zeilen singt, fühlt man sich plötzlich selbst verliebt, lebendig und bereit für einen Sommer voller Begierde und Begeisterung. Der sonnige März hat dafür schon den Vorhang geöffnet.
Joshuas rasanter Aufstieg steht exemplarisch für eine veränderte Musikindustrie, die seit den sozialen Medien anders über Karrieren entscheidet. War es früher ein großes Label, das den Riecher für musikalisches Potenzial eines Künstlers haben musste und dann den PR-Plan schmiedete, setzt es sich nun in den schon fahrenden Zug – der vom Künstler selbst gefahren wird. Er muss die Instagram- und TikTok-Strategie selbst liefern. Joshua, mit 24 Jahren Digital Native, tut das ganz selbstverständlich. Dass seine Songs zum Teil noch unfertig produziert klingen, verzeihen die Anhänger.
„Habe ich einen Banger recordet oder trip ich?“, fragte Joshua vor zwei Wochen rhetorisch in seinem Instagram-Video, während er auf „Engelsblick“ tanzte und mit den Lippen Playback sang. „Fragen stellen ist wichtig“, sagt Joshua im Café lakonisch, „um die Nutzer emotional zu involvieren.“ Vorher hat er das gleiche Video schon mit anderen Überschriften ausprobiert, um zu testen, welche Überschrift am meisten zieht. Aber der Algorithmus lügt eben nicht, also eben „Habe ich einen Banger recordet?“. Die Internetnutzer finden: ja! „Hau das Ding bei Spotify sofort rein“, flehte René ihn an. Aber Joshua musste ihn enttäuschen. Der Release von „Engelsblick“ ist zu diesem Zeitpunkt noch einige Tage hin, weil er auf das überwältigende Feedback nicht vorbereitet war und der Produzent den Song noch schleifen muss.
Nun begann der harte Teil. Joshua musste den Hype um „Engelsblick“ über die Woche retten. Also neue Tanz- und Lipsync-Videos mit neuen Überschriften: „Soll ich den Job kündigen und Musik ernst nehmen?“, fragte er diesmal, wieder kokett, weil er gar keinen anderen Job hat. Joshua ist da schon längst bei „All-in“. Dutzend Kurzvideos später mit einem Dutzend neuer Überschriften – aber der immer gleichen Hook – ist der Song endlich draußen. Jetzt muss Joshua aber den Release-Hype mit Videos einsammeln, ein Abriss des Content-Stroms ist zu gefährlich: „Leute, Engelsblick hat über das Wochenende 100.000 Streams gemacht. Seid ihr wahnsinnig?“: Joshua tanzt wieder zu sich selbst.
„Wenn du Social Media nicht auch machen willst, dann willst du es nicht genug“, sagt Joshua mit entschlossenem Blick. Natürlich habe er bei manchen Videos Scham-Momente, diesen „cringe“ eben, aber nicht zu posten sei keine Option. „Ich habe mir vor zwei Monaten geschworen, dass ich durchziehe. Seitdem denke ich nicht mehr nach. 60 Prozent Musik, 40 Prozent Content. Nach jeder Studiosession nehme ich Videos des Entstehungsprozesses auf“. Dass Joshua vorher schon einen erfolgreichen komödiantischen Instagram-Kanal betrieben hat, auf dem er einen typischen Wiener Grantler parodiert, kommt ihm beim Überschreiten der Schamgrenze zugute.
Der Ingwer-Tee ist nun ausgetrunken, ein Fotograf wartet, um Joshua zu porträtieren. Vorher muss aber noch „Engelsblick“ angeheizt werden. Joshua stellt sein Handy auf die Ablage der Bushaltestelle, stellt die Kamera auf Selfiemodus und tanzt. Die Überschrift des Instagram-Videos diesmal: „Vor zwei Wochen noch zum Spaß Videos gemacht, heute schauen mir WELT-Reporter dabei zu.“
Source: welt.de