„Es ist doch zum Totlachen, welches ihr da macht“ – Stuckrad-Barre tadelt offene Briefe von Künstlern

Bei „Hotel Matze“ beklagt sich Autor Stuckrad-Barre über Künstler-Kollegen, die sich in offenen Briefen politisch engagieren. Dabei handele es sich um „Selbstgespräche unter ähnlich Meinenden“, bemängelte er. Ein Künstler leide besonders an „eirigem Gepredige“.

Benjamin von Stuckrad-Barre blickt missmutig auf die eigene Zunft. Im Podcast „Hotel Matze“ äußerte er scharfe Kritik an Künstlern und Schriftstellern, die sich mit politischen Forderungen auf Podien setzen oder in offenen Briefen an Bundeskanzler Friedrich Merz wenden. „Was ist das eigentlich für ein eitles Gewichse?“, beanstandete er. „Und danach wird dann gestritten, weil dann plötzlich jemand dabei war, den man nicht dabeihaben wollte. Und dann spalten sich die offenen Briefschreiber in zwei Lager.“ Aus seiner Sicht handele es sich dabei um eine Form der Selbstbeschäftigung. „Es ist doch zum Totlachen, was ihr da macht.“

„Das ist eine Grandiositätsempfindung, die man einfach wirklich mal mit einem Therapeuten besprechen sollte“, gab Stuckrad-Barre weiter zu Bedenken. Auch er sei bereits in persönlichen Begegnungen dazu aufgefordert worden, offene Briefe zu unterschreiben. Doch die Rolle eines Predigers anzunehmen und „mit sich selbst komplett einverstanden zu sein, ist ein Hauptsymptom von Dummheit“, hielt er dagegen. „Du wirst von bestimmten Figuren, von Podiumsdiskutanten oder den sehr lauten blauen Haken, die überall mal kurz reinwichsen, nie hören: Das weiß ich nicht, das kann ich nicht beurteilen.“

Unter internationalen Künstlern leide etwa Bono, der Frontmann der irischen Rock-Band U2, an Selbstüberschätzung. Bei diesem verkämen selbst Konzerte zu Podiumsdiskussionen. Stuckrad-Barre warf dem Sänger zudem Heuchelei vor. Dieser verdiene viele Millionen mit seinem „eirigen Gepredige“, zahle aber nur einen geringfügigen Steuersatz. Wahrscheinlich reiche er auch Quittungen ein. „Mit Bill Gates essen, Anlass der Bewirtung Malaria – 146 Euro“, malte sich der Autor aus. Bono solle zunächst Steuern zahlen, um Bushaltestellen und Spielplätze in seinem Heimatland zu finanzieren, bevor er sich um die Wasserversorgung in Afrika kümmere. „Vorher halt’s Maul einfach.“

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Letztlich beschädigten die „Selbstgespräche unter ähnlich Meinenden“ das Werk der Beteiligten. „Das Tolle an der Kunst ist ja im allerbesten Fall, dass sie für verschiedene Menschen auch Verschiedenes bedeuten kann. Aber wenn es ein Aufruf an die Gesellschaft oder ein Forderungskatalog wird, dann verlassen wir den Bereich der Kunst“, mahnte der Autor. „Das Problem ist die Eindeutigkeit – und Eindeutigkeit ist für mich das Gegenteil von Kunst.“

Die Mechanismen ließen sich auch online in den Kommentarbereichen beobachten, wo Auseinandersetzungen mit Bots stattfänden. „Man streitet in jedem Fall mit Maschinen, auch wenn es ein anderer Mensch ist, weil wir uns alle dort wie Maschinen verhalten“, beklagte der Autor. „Wir werden zu beschissenen Monstern.“ Auch im analogen Raum störten ihn die Debatten. „Dieser Selbstgenuss in diesen politisch genannten Gesprächen. ‚Sag mal was zu Gaza‘“, schilderte Stuckrad-Barre. „Also, Entschuldigung? Auf dem Level jetzt? Mache ich nicht mit, ist mir zu blöd.“ Sich nebenbei mit einem Halbsatz zu solchen Themen zu äußern, empfinde er als Zynismus.

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Stuckrad-Barre empfahl, den Meinungsstreit zu erlernen, so wie es in Debattierclubs trainiert werde. „Du musst jetzt ein Referat halten: Du bist für Steuererhöhungen. Danach bist du plötzlich in der Gruppe gegen Steuererhöhungen – und lernst einfach nur Diskutieren“, führte er aus. Ziel sei es die andere Seite zu verstehen oder zumindest Beweise zu sammeln, mit denen sich die eigene Position schärfen ließe. „Meine Meinung ist besser als deine – verpiss dich, du Arschloch“, sei keine zielführende Einstellung. „Dann ist man nicht fähig, an Gesellschaft teilzunehmen.“

Source: welt.de

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