„Es ist die größte Freihandelszone, an dieser Europa je beteiligt war“

Hamburgs Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD) reist mit einer großen Delegation nach Indien. Im bevölkerungsreichsten Land wollen die Elbhanseaten ihre Chancen für umfassendere Beziehungen ausloten und nutzen.

Am Sonntag reist Hamburgs Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD) mit einer Delegation von 60 Personen für eine Woche nach Indien. In Delhi, Mumbai und Bangalore sollen Wirtschaftskontakte auf- und ausgebaut werden. Leonhard sieht eine wachsende Rolle Indiens und anderer Regionen für Hamburgs Außenhandel.

WELT AM SONNTAG: Frau Leonhard, Indien steht als Handelspartner für Europa, Deutschland und Hamburg hoch im Kurs. Dabei gibt es durchaus auch Dissens mit Indien, etwa in der Haltung gegenüber Russland.

Melanie Leonhard: Grundsätzlich ist es wichtig, dass sich Europa diverser und breiter aufstellt, was Außenhandels- und Außenwirtschaftsbeziehungen betrifft. Indien ist ein spannendes Land, es ist einer der größten Wirtschaftsräume, mit einer sehr jungen Bevölkerung, sehr interessiert an technischen Innovationen und an unseren Erfahrungen, was Transformationsthemen betrifft. Indien spielt heute schon eine große Rolle, wenn wir zum Beispiel auf die Luftfahrtindustrie schauen – auch und gerade für den Luftfahrtstandort Hamburg. Durch das jüngst geschlossene Freihandelsabkommen spielt Indien künftig eine Rolle als wichtiger Partner im regelbasierten Handel. Und deswegen ist das eine attraktive Region.

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WAMS: Das Freihandelsabkommen mit Indien – dem bevölkerungsreichsten Land mit mehr als 1,4 Milliarden Menschen – wurde unspektakulär besiegelt, verglichen mit dem langen Kampf um das Mercosur-Abkommen. 

Leonhard: In den vergangenen Jahren ist ganz deutlich geworden, wozu wechselseitige Freihandelsabkommen gut sind. Die Abkommen sichern nämlich beide Seiten ab, auch gegen kurzfristig politische Spannung und gegen nicht vorhersehbare Handlungen im Bereich von Zoll und Handelspolitik. Die Debatte um das Mercosur-Abkommen läuft seit mehr als 20 Jahren. Ich bin mir sicher, sie wäre anders verlaufen, hätte man die Verhandlung erst vor zwei Jahren begonnen, angesichts dessen, was heutzutage im internationalen Handel geschieht. Wirklich alle haben jetzt vor Augen, welche hohe Bedeutung ein regelbasierter globaler Handel hat. 

WAMS: Welche konkreten Anknüpfungspunkte hat Hamburg in Indien?

Leonhard: Hamburg versteht sich als logistische Drehscheibe und auch als Eingangspunkt für den Handel nach Europa. Der Indienhandel über Hamburg hat jüngst zugenommen. In Indien wiederum finden gegenwärtig viele Entwicklungen statt, beim Thema Hafeninfrastruktur, in der Logistik, aber auch bei der Energietransformation. Und Indien hat große Erfahrungen und Innovationskraft in der Informations- und Kommunikationstechnologie. All das wollen wir gemeinsam mit Indien enger zusammenzubringen, darin liegt für uns in Hamburg ein großes Interesse.

WAMS: Gibt es konkrete Erwartungen für Vertragsabschlüsse von Unternehmen während Ihrer Reise?

Leonhard: Hamburg und Indien verbinden zahlreiche Liniendienste in der Schifffahrt. Es gibt Erfahrungen in der Hafenkooperation und der Logistik. Wir reisen mit einer großen Wirtschaftsdelegation, darunter sind etliche Unternehmen, die mit dem indischen Markt schon Anknüpfungspunkte haben und die das vertiefen wollen. Und wir besuchen Unternehmen aus Hamburg, die in Indien schon Niederlassungen haben. 

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WAMS: Das Volumen des Hamburger Außenhandels mit Indien – Airbus-Flugzeuge herausgerechnet – umfasst derzeit etwa vier Milliarden Euro, Indien steht auf Rang sieben in der Außenhandelsstatistik der Stadt. Für ein so großes Land ist das recht wenig.

Leonhard: Wir sehen erhebliche Potenziale für eine Entwicklung. Da ist sehr viel Dynamik. Diese Reise aus Hamburg schließt damit an die Verhandlungen über das Freihandelsabkommen und auch den jüngsten Besuch des Bundeskanzlers in Indien an. Und es gab viel beachtete Abschlüsse indischer Fluggesellschaften, zum Beispiel mit Airbus.  Das neue EU-Indien-Abkommen schafft eine Freihandelszone für rund zwei Milliarden Menschen – es ist die größte, an der Europa je beteiligt war. 

WAMS: Wohin könnte Hamburgs Handelsvolumen mit Indien wachsen? 

Leonhard: Wir rechnen mit einem signifikanten Wachstum. Aufgrund von Schätzungen der EU ist ein Wachstum des Handelsvolumens auf sechs Milliarden Euro und mehr bis 2030 durchaus denkbar. Indien würde sich damit unter den Top Ten unserer Außenhandelspartner einen Platz in der ersten Hälfte erarbeiten. Hier geht es nicht nur um Wettbewerb, sondern um Perspektiven für echte Zusammenarbeit etwa im Bereich Energietransformation, bei der Künstlichen Intelligenz und beim Thema Transport und Logistik. 

WAMS: Rechnen Sie damit, dass indische Unternehmen auch in Hamburg sichtbarer werden?

Leonhard: Ja, Hamburg ist für Indien heute schon ein relevanter Standort, beispielsweise auch in der Aus- und Weiterbildung und für Studierende. Wir haben zudem eine große Community rund um technische Berufe hier in Hamburg. Ich bin sehr sicher, dass das gute Anknüpfungspunkte sind– auch künftig für indische Unternehmen – hier noch sichtbarer zu werden. Hamburg ist eine Stadt mit großem Potenzial, mit einer hohen Internationalisierung. Das ist sicherlich auch für Indien interessant.

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WAMS: Ihre Indienreise findet in einer Zeit eines insgesamt eher unsicheren Außenhandels statt. Vor allem der Umgang mit Hamburgs wichtigstem Handelspartner, den USA, ist derzeit für Unternehmen sehr schwierig.

Leonhard: Im Umgang mit den USA werden derzeit Maßnahmen politisch in Aussicht gestellt, die sich mitunter dann doch ganz anders ergeben. Für Unternehmen ist das ein schwieriger Kontext. In die Abfederung dieser Friktionen müssen derzeit alle, die Geschäftsbeziehungen mit den USA haben, viel Aufmerksamkeit investieren. Man ist in der Außenwirtschaft und im Außenhandel auf sehr verlässliche, stabile Rahmenbedingungen angewiesen. In der Wirtschaft gibt es auch deshalb ein großes Interesse daran, sich weiter zu diversifizieren. Die USA werden wichtig bleiben, ganz klar. Aber das Außenwirtschaftskonzept des Senats sieht ja nicht ohne Grund vor, für Hamburg mehrere Standbeine auch in unterschiedlichen Weltregionen zu erarbeiten. Wir sehen viel strategisches Potenzial im Ostseeraum unterwegs, in Staaten, die auch Mitglied der EU sind. Hinzu kommt nun Indien, das als großer Markt und Handelspartner für uns von Bedeutung ist. Und wir haben mit Kanada ein sehr stabiles, verlässliches Land im Nordatlantik-Raum, mit einem wachsenden Potenzial. Mit Kanada sind, nach unserer Delegationsreise im Jahr 2024, jüngst sehr spannende Partnerschaften gelungen: vom Energiemarkt – Stichwort „grünes“ Ammoniak und „grüner“ Wasserstoff – bis hin zu einer Technologie-Partnerschaft im Hamburger Hafen für die Erfassung und Speicherung von Kohlendioxid mithilfe der CCS-Technologie. 

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WAMS: Kanada ist schon lange ein enger Handelspartner der EU. 

Leonhard: Ich sehe für Hamburg, Deutschland und die gesamte EU enorme Möglichkeiten. Durch das Handelsabkommen Ceta haben wir bei Kanada schon einen verlässlichen Rahmen, den Unternehmen ja brauchen. Auch das zeigt, wie wichtig es ist, solche Abkommen tatsächlich zum Abschluss zu bringen. Kanada hat ein großes Interesse daran, die Beziehung zu Europa zu vertiefen – und umgekehrt. 

WAMS: Kann Deutschland, kann Hamburg seine Beziehungen in die EU weiter deutlich ausbauen?

Leonhard: Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass noch mehr geht. Ich sehe insbesondere im Bereich der Ostsee und des Baltikums große Chancen, übrigens beidseitig, für die baltischen Staaten wie auch für Norddeutschland und Nordeuropa. Da sind jetzt spannende Infrastrukturprojekte in Umsetzung wie Rail Baltica und dergleichen mehr, die sicherlich auch Warenströme und Handelsverbindungen weiterwachsen lassen können. Die politische Hinwendung in den Ostseeraum ist im Moment sehr stark, auch mit gegenseitigen Investitionen und Technologiepartnerschaften.

WAMS: Der Fehmarnbelttunnel könnte für die Entwicklung des Ostseeraums zusätzliche Impulse bringen.

Leonhard: Wenn die Querung über den Fehmarnbelt fertiggestellt ist, voraussichtlich zu Beginn des kommenden Jahrzehnts, wächst der skandinavische Raum noch enger mit uns zusammen. Norddeutschland und Nordeuropa werden dadurch auch insgesamt noch mal ein größerer, zusammenhängender, logistisch gut zu erschließender Wirtschaftsraum. Das ist gerade für die baltischen Staaten, für die Anrainer der Ostsee, aber auch für Hamburg und Norddeutschland eine große Chance. 

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WAMS: Wie sehen Sie die aktuelle Blockade des Mercosur-Abkommens durch das Europäische Parlament?

Leonhard: Wir haben seit Jahrzehnten intensive Verbindungen nach Südamerika, auch zu den konkreten Mercosur-Staaten. Die Verzögerung kommt aus Hamburger Perspektive absolut zur Unzeit. Offenbar ist noch nicht in allen Teilen des politischen Raums angekommen, welche hohe Bedeutung diese Freihandelsabkommen und diese Partnerschaftsabkommen eigentlich haben, in diesen geopolitisch sehr bewegten Zeiten. Wir brauchen auch neue Partnerschaften, wenn wir uns nicht in Abhängigkeiten begeben wollen, und zwar am besten mit unterschiedlichen Regionen der Welt. Das heißt aber ja nicht, dass man in jedem Punkt mit einer anderen Region vollständig politisch einig sein muss. Partnerschaft ermöglicht auch Unterschiedlichkeiten.

WAMS: Welche anderen Regionen der Welt könnten für den Hamburger Außenhandel in den kommenden Jahren interessanter werden?

Leonhard: Das ist auch weiterhin der asiatische Raum, Länder wie Vietnam und Südkorea bieten Potenziale. Ich bin auch überzeugt, dass China ein Handelspartner bleiben wird, trotz aller Ambivalenzen, die es derzeit gibt. Und ich bin sehr sicher, dass wir auch im Nordseeraum noch Potenziale für Partnerschaften heben können. Das betrifft Großbritannien, das diesbezüglich eine größere Rolle spielen kann. Und mit Blick auf die Themen der Energiewirtschaft und der erneuerbaren Energien auf jeden Fall vor allem Schottland.

Die gebürtige Hamburgerin Melanie Leonhard, 48, ist – neben dem Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher – das einflussreichste Mitglied im rot-grünen Senat der Hansestadt. Seit 2022 leitet sie die Wirtschaftsbehörde, zu der auch die Themen Arbeit und Innovation zählen. Von 2015 bis 2022 führte Leonhard die Sozialbehörde, die damals auch für den Arbeitsmarkt zuständig war. Seit 2018 ist sie Landesvorsitzende der SPD Hamburg, seit 2021 gemeinsam mit Nils Weiland.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit vielen Jahren auch über den Hamburger Außenhandel und über die internationalen Wirtschaftsbeziehungen der Hansestadt.

Source: welt.de

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