„Es gibt Diebe, die mit ganzen Netz- und Taschensystemen unter welcher Kleidung kommen“

Die Zahl der Diebstähle in Supermärkten steige deutschlandweit gewaltig, moniert Edeka-Inhaber Björn Fromm. Besonders irritiere ihn, wie unverfroren viele Täter ihr Handeln begründeten – und wie wenig Konsequenzen sie zu fürchten hätten.

Björn Fromm, 41, ist Inhaber von drei Edeka-Filialen in Berlin sowie Präsident des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels und Vizepräsident des Handelsverbands Deutschland.

WELT: Herr Fromm, Sie haben öffentlich beklagt, dass die Zahl der Ladendiebstähle stark zugenommen habe. Von welchem Ausmaß sprechen Sie da?

Björn Fromm: Ladendiebstahl gehört seit jeher zum Alltag jedes Händlers. Bis vor wenigen Jahren war das zwar ärgerlich, aber ein notwendiges Übel. Seit zwei bis drei Jahren steigen die Zahlen aber sehr stark, und auch die Gewaltbereitschaft nimmt zu. Ein gewisses Stadt-Land-Gefälle besteht – aber das Problem haben wir deutschlandweit.

Dabei sind die offiziellen Statistiken sehr unvollständig: Schon seit Jahren bringen viele Händler Diebstähle nicht mehr zur Anzeige – weil sie überwiegend viel zu wenig juristisch verfolgt werden. Ich zeige aus voller Überzeugung weiter an. Deswegen steigen meine Diebstahlzahlen stärker als die allgemeine Statistik. Mittlerweile verlieren wir deutlich mehr als ein Prozent unseres Jahresumsatzes – vor zehn Jahren waren das noch 0,5 Prozent.

Aber nicht nur die Zahl der Diebstähle frustriert und macht fassungslos – sondern auch die Menge der Waren und die Art und Weise, wie die Menschen reagieren, wenn sie erwischt werden. Früher konnte ein Dieb einem oft nicht einmal in die Augen schauen, so peinlich war ihm das. Heute sind die meisten völlig abgeklärt. Dann heißt es: „Ich muss mir halt zurückholen, was der Staat mir an Steuern wegnimmt.“

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WELT: Wer sind die Täter?

Fromm: Es gibt zwei Profile: die Mitte der Bevölkerung und die Banden. Die Gelegenheitstäter waren früher klassisch Grundschüler und Jugendliche bei einer Mutprobe. Das gehörte dazu, so sind wir Menschen halt. Mittlerweile klauen Menschen jedes Alters und sagen: „Der Alltag ist zu teuer geworden, deswegen klaue ich“ – als wären wir die Staatskasse. Es herrscht kein Unrechtsbewusstsein dafür, dass das fremdes Eigentum ist.

Wenn ein Dieb erwischt wird, frage ich gerne: „Wieso haben Sie genau das geklaut?“ Ganz häufig lautet die Antwort: „Ich kann mir nichts mehr leisten.“ – „Und kaufen Sie sonst auch immer die Edel-Salami mit Trüffel?“ – „Nein, aber ich dachte, jetzt leiste ich mir mal etwas.“ Aber das sind nur Schutzbehauptungen – in Deutschland muss niemand stehlen, um seinen Alltag bestreiten zu können.

Hinzu kommen die Banden, meist aus Osteuropa oder Nordafrika. Wenn die 30 Packungen Kaffee klauen, kann mir niemand erzählen, das sei Mundraub und diese armen Menschen müssten doch irgendwie durchs Leben kommen. Auch das würde aus meiner Sicht nur bedingt Ladendiebstahl legitimieren. Es würde mein Herz berühren, wenn jemand aus Hunger ein Brötchen klauen würde – aber nicht 30 Packungen Kaffee.

WELT: Gibt es Waren, die besonders stark betroffen sind?

Fromm: Prinzipiell wird alles geklaut. Mehrere Sortimente verstecken wir heute schon hinter Glasvitrinen. Dem Großteil unserer Kunden erschweren wir damit den Einkauf, nur weil Andere Diebstähle begehen. Beim Auftragsdiebstahl sind vor allem Kaffee, Drogerieartikel und Alkohol gefragt. Das lässt sich am besten weiterverkaufen. Wirtschaftlich macht das den größten Teil aus.

WELT: Wie groß ist der Schaden, der dadurch entsteht?

Fromm: Es ist richtig, dass der Wert der gestohlenen Waren auch schlicht deswegen gestiegen ist, weil Lebensmittel teurer geworden sind – aber das erklärt nur einen Teil der Dramatik. Laut Handelsforschungsinstitut EHI wurden in Deutschland 2024 Waren im Wert von fast drei Milliarden Euro entwendet. Der Dieb wird keine Steuererklärung machen, nachdem er die Ware weiterverkauft hat. Die Mehrwertsteuer geht dem Staat also verloren. Der volkswirtschaftliche Schaden ist nicht zu unterschätzen.

Es ist wie überall im Leben: Wenn Kosten entstehen, die von den Verursachern nicht getragen werden, müssen sie von allen anderen getragen werden. Die daraus folgende Preissteigerung muss letztlich durch alle ehrlichen Kunden bezahlt werden.

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WELT: Welche Rolle spielen Selbstbedienungskassen bei der ganzen Sache?

Fromm: Keine Rolle. Die Zahl der Selbstbedienungskassen ist zwar gestiegen, bewegt sich im Vergleich zu den Registrierkassen aber nach wie vor auf niedrigem Niveau. Um den Anstieg der Ladendiebstähle um 20 bis 30 Prozent zu erklären, müsste an den SB-Kassen ständig geklaut werden. Das passt nicht – und das ergibt auch Sinn. Sie haben vorher hunderte Quadratmeter Zeit, den Kram in die Tasche zu stecken. Wieso sollten Sie es dort tun, wo sich am meisten Licht, Kameras, Kunden und Mitarbeiter befinden?

Was an den SB-Kassen tatsächlich passiert, sind Scan-Fehler: Weil Kunden die Kassen nicht immer gut verstehen, nicht auf den Bon schauen oder in Eile sind, kommt es manchmal zu Fehlbuchungen – egal in welche Richtung. Mal ist es ein Joghurt zu viel, mal einer zu wenig. Die modernen Kassen fangen an, das falsche Scannen zu erkennen.

WELT: Was tun Sie, um es Dieben so schwer wie möglich zu machen?

Fromm: Wir haben wie wahrscheinlich alle Märkte Überwachungs- und Kamerasysteme. Außerdem habe ich Detektive in mehreren meiner Filialen sowie klar erkennbare Securitys. Meine Filialen versorgen jeweils über 1000 Kunden täglich und sind mit über 30 Kameras ausgestattet. Ich kann gar nicht so viele Sicherheitskräfte einstellen, dass sie jeden die ganze Zeit im Blick behalten können. Besonders die Bandendiebstähle gehen schnell: rein, zum richtigen Regal, alles in die Tasche, ein freundliches Lächeln und raus.

Es gibt Waagen, die Alarm auslösen, wenn in sehr kurzer Zeit sehr viel Ware aus einem Regal entnommen wird. Außerdem gibt es KI-Kamerasysteme, die wir in Deutschland aus datenschutzrechtlichen Gründen oft nicht nutzen dürfen – die aber behaupten, einen Dieb schon am Gang erkennen zu können.

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WELT: Funktioniert das tatsächlich?

Fromm: Ehrlich gesagt denke ich, ja. Meine Kollegen und ich haben auch ein gutes Gespür dafür, wer klauen könnte, lange bevor etwas passiert. Leere Reisetasche, schneller Schritt, am besten zu zweit – da geht sofort der Alarm an. Wahrscheinlich biegt der eine gleich ab und quatscht den Sicherheitsmann an, während der andere die Regale leerräumt. Der Einzeltäter verhält sich oft auffällig, weil er ängstlich ist. Es gibt mittlerweile sogar Diebe, die mit ganzen Netz- und Taschensystemen unter der Kleidung kommen – und mit gleich mehreren verstauten Artikeln von uns erwischt werden.

WELT: Dann bringen Sie den Diebstahl zur Anzeige – was passiert weiter?

Fromm: An einem Standort hatten wir im vergangenen Jahr fast an jedem Tag eine Anzeige. In der Regel handelt es sich um Beträge unter 100, oft unter 50 Euro. Sehr viele Anzeigen werden eingestellt. Der Einstellungsgrund lautet meistens „Mangel öffentlichen Interesses“. Aber was kann ich dafür, dass ich relativ günstige Produkte verkaufe? Hinzu kommt, dass es oft keine Chance gibt, den Täter zu finden, weil dessen Aufenthaltsort ungeklärt ist.

Ich kann mir vorstellen, dass die Staatsanwälte pro Woche Hunderte unterschiedliche Fälle auf dem Tisch liegen haben und gefühlt noch mit Schreibmaschinen arbeiten müssen. Aber: Ladendiebstahl ist oft der Beginn einer weiteren kriminellen Laufbahn. Etwas tun, das nicht rechtens ist – und merken: Es passiert nichts. Daraus wird leicht irgendwann ein Überfall, Körperverletzung oder andere Straftaten.

WELT: Was müsste sich Ihrer Meinung nach verändern?

Fromm: Wenn jemand drei-, vier-, fünfmal erwischt wird, muss zwingend etwas passieren. Wir haben Diebe, die wir schon zigmal erwischt haben – diese Verfahren dürfen nicht mehr eingestellt werden. Meine Forderungen beziehen sich vor allem auf die Bandenkriminalität: Das Strafmaß muss erhöht und Verfahren dürften nicht mehr eingestellt werden. Das würde auch andere Täter abschrecken.

Politikredakteurin Uma Sostmann schreibt über gesellschaftspolitische Themen.

Source: welt.de

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