„Es geht um verdongeln Egozentriker, welcher es nicht rafft“

Thomas Ostermeier ist einer der erfolgreichsten deutschen Theatermacher. Jetzt bringt er „Der Geizige“ mit Lars Eidinger auf die Bühne. Molières Stück, in dem Geld und Liebe gleichgesetzt werden, passe perfekt ins Heute, sagt er. Ein Termin im Direktionsbüro.

Vom Bahnhof Zoo muss man fast bis ans Ende des Kurfürstendamms gehen, um bei der Schaubühne zu landen. Hier, kurz vorm S-Bahn-Ring, gibt es kaum noch Geschäfte mit Luxuswaren, dafür Fitnessstudios und Supermärkte. Die Schaubühne liegt fast am Stadtrand von Berlin, scherzt Thomas Ostermeier. Seit 1999 ist er ihr künstlerischer Leiter. Damals galt er als junger Radikaler, der sich mit Stücken wie „Messer in Hennen“ und „Shoppen & Ficken“ als große Regiehoffnung profilierte. Heute ist Ostermeier einer der bekanntesten deutschen Theaterregisseure weltweit und die Schaubühne eines der erfolgreichsten Häuser der Republik.

Ostermeier steckt gerade mitten in den Proben für „Der Geizige“, mit Lars Eidinger in der Hauptrolle. Ostermeier und Eidinger, das ist wie Martin Scorsese und Robert De Niro. Ein Duo, das für jahrelange Zusammenarbeit und riesige Erfolge steht. Das, ob man es nun mag oder nicht, Maßstäbe setzt. Ihr „Hamlet“ steht seit 18 Jahren auf dem Spielplan und feiert demnächst die 500. Vorstellung, „Richard III.“, die letzte Zusammenarbeit vor „Der Geizige“, immerhin schon seit elf Jahren. Die Vorstellungen sind immer innerhalb von kürzester Zeit ausverkauft. Dazu kommen Gastspiele auf der ganzen Welt, wie im vergangenen Herbst in China. Das Bühnenbild von „Richard III.“ gibt es in dreifacher Ausführung: eines für Berlin und zwei in Containern verpackt auf Schiffen unterwegs.

Lesen Sie auch

Heute ist es kaum vorstellbar, wie schwer der Anfang für Ostermeier war, damals noch im Viererteam unter anderem mit Sasha Waltz. An der Schaubühne, in den 1960ern in Kreuzberg gegründet und am Beginn der 1980er-Jahre nach Wilmersdorf gezogen, beerbte man die Regielegende Peter Stein. Von Steins großer Zeit war im wiedervereinigten Berlin jedoch nur noch wenig zu spüren. „Die Schaubühne hatte Ende der 90er-Jahre, hier im verschlafenen West-Berlin, nicht so viel Publikum. Das haben wir uns erkämpft“, erzählt Ostermeier. „Und das ist für mich ein echtes Wunder.“ Was ist das Wunder von Wilmersdorf? „Wir zeigen keine leichte Kost. ‚Richard III.‘ zum Beispiel gilt in der klassischen Theaterkultur als absolutes Kassengift. Dass ein Stück trotzdem so erfolgreich ist, verdanken wir dem Ensemble und unserem Ringen um Qualität.“

So wie die Schaubühne früher eine Stein-Bühne war, ist sie heute eine Ostermeier-Bühne. 13 Inszenierungen von ihm sind im Repertoire: Klassiker wie „Hamlet“ und „Richard III.“ mit Eidinger, „Die Möwe“ mit Joachim Meyerhoff oder „Professor Bernhardi“ mit Jörg Hartmann, aber auch Zeitgenössisches wie „Das Leben der Vernon Subutex“ nach Virginie Despentes, „Rückkehr nach Reims“ nach Didier Eribon oder „Im Herzen der Gewalt“ und „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ nach Édouard Louis. Er macht pro Spielzeit in der Regel einen Klassiker und ein aktuelles Stück, erfährt man auf dem Weg durch die schmalen Gänge ins Direktionsbüro im oberen Stockwerk.

Ostermeier sitzt locker zurückgelehnt im Sessel zwischen Besprechungs- und Schreibtisch, vor sich eine Tasse grünen Tee. Durch die Fenster kann man in den abendlichen Himmel hinauf- und auf den im Licht der Laternen liegenden Ku’damm herabschauen. Mit der offenen Hemdjacke und dem Basecap wirkt der 57-Jährige noch immer so, als sei er der junge Wilde, der gerade erst im verschlafenen West-Berlin angekommen ist. Als wäre seine Zeit an der Schauspielschule noch nicht lange her.

Lesen Sie auch

Ostermeier, aufgewachsen in der tiefsten Provinz der Lüneburger Heide und im niederbayerischen Landshut, kam 1992 nach Berlin an die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Damals waren Weststudenten an der renommierten Ostschule noch eine Seltenheit. Ostermeier tauchte auch in die Untergrundkultur der wilden Umbruchsjahre ein. Er inszenierte auf alternativen Hinterhofbühnen, die heute wohl als verfassungsschutzrelevant geführt würden, wenn sie ein Buchladen wären.

Lesen Sie auch

Wie viel von den wilden Jahren steckt heute im Erfolgsmodell Schaubühne? Mehr als man denkt, wenn man Ostermeier fragt. „Wir sind nicht die Klassikerbude, die den einfachen Weg geht, wie man uns oft unterstellt. Wir machen hier modernes Autorentheater, mit Édouard Louis, Annie Ernaux, Yael Ronen, Falk Richter, Marius von Mayenburg, Maja Zade und Alexander Zeldin! Bei uns haben viele verschiedene Handschriften einen Raum, die wir für unbestechlich und großartig halten.“ Ostermeier hat auch eine selbstbewusste Erklärung, warum es an seinem Theater besser läuft als anderswo: „An der Schaubühne glauben wir an jedes einzelne Projekt. Wir machen nicht 22 Premieren nach dem Prinzip Schrotflinte und hoffen dann, dass eine zum Theatertreffen eingeladen wird“, sagt er. „Wir glauben an Schauspiel, an Ensemble und an Nachwuchs. Wir wollen Leute auf der Bühne zum Strahlen bringen.“

Lesen Sie auch

Man spürt im Gespräch den energischen und ehrgeizigen, ja den perfektionistischen Theaterleiter Ostermeier. Für den die Arbeit mit dem Premierenabend längst nicht aufhört. „Unser Anspruch ist, dass die Zuschauer jeden Abend eine Vorstellung sehen, die im besten Falle besser ist als die Premiere“, sagt Ostermeier. 

Seit seinen frühen Regiejahren eilt ihm der Ruf voraus, etwas wie der letzte psychologische Realist des deutschen Theaters zu sein, der noch die alten Lehren von Konstantin Stanislawski, aber auch Wsewolod Meyerhold in Ehren hält, während die Theaterwelt um ihn herum geschlossen einer Ästhetik des Performativen frönt. Der sich am Kanon großer Dramatik statt an Textflächen abarbeitet. Diesen Ruf hat Ostermeier selbst kultiviert, indem er sich immer wieder als post-postmoderner Theatermacher positioniert hat. Als Regisseur, der den Scherbenhaufen der Dekonstruktion aufsammelt und wieder zusammensetzt, wie er es in Interviews ausgedrückt hat.

Ist das Theater heute zerrissen zwischen Dekonstruktion und der oft beklagten postdramatischen Belastungsstörung einerseits und guten alten Klassikern andererseits? So einfach sei es nicht, sagt Ostermeier. „Wenn ich beispielsweise in Spanien bin, höre ich, dass mein ‚Hamlet‘ als ein Meilenstein der Shakespeare-Interpretation im europäischen Theater gilt. Kurioserweise deshalb, weil sie glauben, dass niemand vor uns das Stück dekonstruiert hat. Und mittlerweile, 18 Jahre später, werden wir wieder eingeladen, weil der Abend als ein Klassiker der Klassiker-Dekonstruktionen gilt“, erzählt Ostermeier. „Die Frage also, wie sehr ein Regisseur dekonstruiert, hängt immer auch von dem Blickwinkel ab. Und der ist in Theaterlandschaften außerhalb Deutschlands anders. Den Diskurs der performativen Wende und der postdramatischen Dekonstruktion gibt es in keinem anderen Land. Den gibt es nur im deutschen Theater.“

Lesen Sie auch

Für Textflächen kann sich Ostermeier trotzdem nicht wirklich begeistern. „Ich würde lieber Heiner Müller als Elfriede Jelinek inszenieren. Ich finde es interessanter, wie Müller den Staffelstab von Brecht übernommen und zerbrochen hat“, sagt er. Bringt er nach seinem ersten Molière nun auch seinen ersten Müller auf die Bühne? Das dürfte noch dauern. „Ich habe einen riesigen Respekt vor Müller. Außerdem habe ich noch mindestens acht Stücke, die ich vorher machen muss, darunter Shakespeare, Ibsen, Tschechow und Schnitzler, aber auch den neuen Roman von Édouard Louis.“ Da ist er wieder, der Ostermeier-Mix aus Klassikern und Zeitgenössischem, bevorzugt aus Frankreich. Ostermeier hat eine innige Beziehung zum Nachbarland, spricht fließend Französisch und inszeniert immer wieder in Paris oder beim Festival in Avignon.

Bei aller Liebe fürs Französische hat Ostermeier jedoch um Molière bisher einen Bogen gemacht, obwohl er sogar schon einen Molière erhalten hat, den berühmten französischen Theaterpreis. Ein Versäumnis? „Ich merke erst jetzt bei den Proben, wie gut ‚Der Geizige‘ in unsere Gegenwart passt“, erzählt Ostermeier. „Es geht um einen Menschen, der sich weigert, alt zu werden. Der nicht akzeptieren kann, vergänglich zu sein. Der in die gleiche Frau wie sein Sohn verliebt ist. Ein Egozentriker, der es nicht rafft. Und es geht um die Macht von vermeintlichem Reichtum, um die Hoffnung aufs Erbe. Molière hat immer Geld und Liebe gleichgesetzt. Das kennen wir später auch von Rainer Werner Fassbinder oder René Pollesch.“

Lesen Sie auch

Was Ostermeier aus „Der Geizige“ macht, wird keine ehrfurchtsvolle Klassikerandacht – im Gegenteil. „Wir nehmen Molière als Material, wir sind da sehr frei.“ Die Strichfassung bezeichnet Ostermeier als „wirklich extrem“: „Wo Molière viele Worte braucht, ist es bei uns auf einen schnellen Schlagabtausch runtergedampft.“ Dazu kommen Szenen, die während der Proben aus Improvisationen entstehen. Vor allem mit Hauptdarsteller Lars Eidinger gibt es da eine produktive Spannung. „Wir haben eine ähnliche Leidenschaft im Probenraum“, sagt Ostermeier. Eidinger spielt nicht nur Harpagon, sondern macht auch gemeinsam mit Siriusmo die Musik. Und nach „Der Geizige“ geht es für den Schauspieler nach Hollywood, für den neuen „Superman“-Film.

Ostermeier hat den Tee ausgetrunken, er muss weiter. Neben den Proben mit Eidinger castet er bereits für seine Eröffnung der neuen Spielzeit im Herbst. Man hat den Eindruck, dass er sich noch lange nicht am Ende sieht mit seiner Erfolgsgeschichte am Ende des Ku’damms. Und als Regisseur? „Wenn man so lange wie ich in dem Beruf arbeitet, kann man eigentlich nur an sich selbst scheitern“, sagt Ostermeier. Eine Sache möchte er zum Schluss aber noch richtigstellen: „Als Katholik muss ich sagen, dass mir zu Unrecht der Ruf einer verbissenen, ja protestantischen Ernsthaftigkeit nachgesagt wird. So nehme ich mich nicht wahr. Ich sage eher: Lasst uns einfach Spaß haben!“ Die Entdeckung der Heiterkeit? Auch dafür dürfte Molières Komödie die richtige Wahl sein.

Source: welt.de

EidingerJean BaptisteLarsMoliereOstermeierSchaubTheaterTheaterstile (ks)Thomasühne am Lehniner Platz (Berlin)