Dass sich eine Protestwelle über Tage hinzieht, passiert nicht zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte Irans. 2009 erschütterte die grüne „Where is my vote“-Bewegung nach der offensichtlich manipulierten Wiederwahl des radikal-populistischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad die Islamische Republik in ihren Grundfesten. 2022 sah sich das Regime mit Demonstrationen der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung nach dem gewaltsamen Tod der Aktivistin Mahsa Amini konfrontiert.
Beide Male stand – zumindest in der medialen Wiedergabe – das Ende der Mullah-Herrschaft zur Debatte, doch fiel ein Machtwechsel jeweils aus, weil der Aufruhr unterdrückt und ausgesessen wurde.
Worin besteht der Unterschied zu dem, was jetzt im Iran passiert? Das Internet ist gesperrt, die Nachrichtenlage unsicher, aber das Land nicht völlig isoliert. Es gibt Flugverkehr, die Grenzen sind passierbar, auch Telefonverbindungen sind möglich. Daher weiß man, dass die Proteste noch nicht das Ausmaß von 2022 erreicht haben. Aber das kann sich schnell ändern, trotz martialischer Warnungen aus der Teheraner Führung.
Der Schah-Sohn brauchte mindestens ein Mandat der USA und Israels
Der Sohn des von der Islamischen Revolution 1979 gestürzten Schahs hat auch 2009 und 2022 aus seinem US-Exil zum Widerstand aufgerufen. Im Unterschied zu damals, finden die royalen Appelle aus Maryland heute weltweit Gehör und mediale Aufmerksamkeit. Warum? Weil es eine schöne Geschichte wäre? Ganz sicher.
Zugleich, weil es im Iran derzeit keine politische Führungsfigur oder geistig-moralische Instanz gibt, hinter der sich der Widerstand auf kleinstem gemeinsamen Nenner zum Sturz des Mullah-Regimes versammeln könnte.
Rezah Pahlevi jr. wäre für diese Rolle durchaus prädestiniert. Gerade weil er zu Hause keine Machtbasis hat. Aber er könnte, anders als der einstige Revolutionsführer Ayatollah Khomeini am 1. Februar 1979, nicht als „normaler“ Passagier per Linienflug in Teheran landen und die Stadt mit offenem Konvoi im Triumphzug erobern. So wiederholt sich Geschichte ganz sicher nicht.
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Im Gegenteil. Der Schah-Sprössling käme nur mit ausländischer Hilfe als politische Übergangsfigur in Frage. Und das wohl auch nur, wenn die Lage im Iran so eskaliert, dass aus dem historischen Pahlevi-Malus ein Bonus wird und Pahlevi jr. in scheinbar aussichtsloser Lage aus Washington, Tel Aviv – und vielleicht auch aus Brüssel – den Segen zur deeskalierenden Vermittlung bekäme.
Interessant ist, dass Präsident Trump es bisher abgelehnt hat, sich mit dem Pahlevi-Erben zu treffen und dies auch ausdrücklich kundtun ließ. Weil er von dem Mann und seiner möglichen Rolle nichts hält? Oder ist das doch eher eine Nebelkerze und der Versuch, das schiitische Gebot der politischen Täuschung (Taqiyya) gegen die Mullah-Führung zu wenden?
Dass Trump im Iran aktiv werden will, hat er nicht nur bei den Luftangriffen im Sommer vergangenen Jahres gezeigt. Daran lässt er auch in der gegenwärtigen Krise keinen Zweifel. Und seit dem Kommando-Unternehmen in Venezuela sind Freund und Feind gut beraten, die Option eines US-Eingreifens ernst zu nehmen. Auch wenn es auf den ersten Blick so gar nicht zu Trumps America-first-Versprechen zu passen scheint und ein relevanter Teil der MAGA-Bewegung in den USA solchen Auslandsmissionen mehr als skeptisch gegenübersteht.
Was bleibt vom Gottesstaat, wenn der Revolutionsführer getötet wird?
Doch im Licht der neuen, von Trump erstrebten Big-Power-Weltordnung macht diese aggressive Politik gegenüber dem Iran durchaus Sinn. Zum einen, weil ein politischer Wechsel in Teheran tatsächlich ganz oben auf der Agenda in Washington steht.
Denn solange Iran regionale Machtambitionen nicht zügelt, werden die USA ihr kostspieliges Engagement in der Nahost-Region kaum reduzieren können. Ohne ein Arrangement mit Teheran bleibt dieser Raum ein latentes Pulverfass. Und weil mit den derzeitigen Mullah-Hardlinern kein Deal zu machen ist, setzt die Trump-Administration auf „regime change“. Die Szenarien freilich sind überschaubar.
Als wahrscheinlich gilt ein gezielter Schlag gegen den Obersten Führer, Ali Chamenei, und seine Getreuen. Wäre damit der iranische Gottesstaat Geschichte? Und was, wenn eine solche Aktion Iran zu Reaktionen provoziert, die in der Region Wirkung hinterlassen? Das Land hat sein militärisches Arsenal nach den Angriffen im Sommer mit russischer und chinesischer Hilfe bei der Luftabwehr, bei Drohnen und Raketen deutlich verbessert.
Nicht zu vergessen: Armee und Revolutionsgarden zählen zusammen etwa 800.000 Mann unter Waffen. Allein deshalb scheidet jede Invasion mit Bodentruppen aus. Es bliebe ein gewaltiges Bürgerkriegs-Potenzial, wenn nach einem gewaltsamen Ende der Chamenei-Herrschaft ein Machtvakuum entstünde, das politisch nicht gefüllt werden kann.
Klüger wäre es daher, auf die „biologische Lösung“ zu setzen oder eine solche politisch zu beschleunigen. Chameneis Abdankung als Oberster Führer ist nur noch eine Frage der Zeit und der Druck hoch, in diesem Amt umgehend eine Integrationsfigur zu nominieren, die in der Lage ist, einen Politikwechsel zu managen, der aus der Regime-Falle führt.
Das hieße: weg vom militärischen Teil des Atomprogramms und raus aus der gescheiterten Proxy-Politik für Hisbollah, Hamas & Co. Nur so wären ein Ende der Wirtschaftssanktionen und die politische Reintegration in die Nahostregion möglich. Und nur mit einem solchen Programm ließe sich auch innenpolitisch ein solcher Kurswechsel glaubhaft versuchen.
Werden durch die USA Tanker aufgebracht, gilt das vor allem China
Viel spricht dafür, dass diese Art von Reformpotenzial in den Grenzen der Islamischen Republik längst aufgebraucht ist. Auch wenn prominente Namen kursieren, die für einen solchen Versuch stehen könnten. Wie der von Hassan Khomeini, dem Enkel des Revolutionsführers Ayatollah Khomeini. Er gilt als pragmatische Integrationsfigur, die einen solchen Transformationsprozess in letzter Minute einleiten könnte.
In der Trump-Administration wird man daher Energie in das Abwägen externer und interner Handlungsoptionen investieren müssen. Pahlevi oder Khomeini. Die Namen stünden pars pro toto für zwei unterschiedliche Optionen. Und erst danach für ein historisches Déjà-vu!
In der neuen globalen Großmachtordnung wäre ein von den USA wie auch immer erzwungener Regimewechsel im Iran vor allem ein deutliches Signal an konkurrierende Mächte. Iran liegt geopolitisch auf dem Schnittpunkt der Konkurrenzachsen zwischen den USA und China. Mit Russland und Europa an den Seitenlinien.
Wenn Trump Tanker der russischen und iranischen Schattenflotte aufbringen lässt, ist das natürlich ein Signal an die jeweiligen Herkunftsländer des Öls. Der eigentliche Adressat aber ist Peking. Und die Botschaft ist sehr klar: Es ist eine Kampfansage an die chinesische Ignoranz gegenüber Washingtoner Sanktionsregime. Ein deutlicher Vorbote künftiger Konflikte.
Die politische Ordnung in Pakistan könnte ein Muster für Iran sein
Trumps Iran-Politik hat wenig mit dem Land, dem Regime und seinen Menschen zu tun. Die sind ihm egal. Trump will eine geopolitisch gefügige Regierung in Teheran. Das sind die Mullahs nicht. Mit einer Islamischen Republik nach pakistanischem Vorbild hingegen könnte er in Washington gut leben. In einer „hybriden Demokratie“ der willfährigen Militärs wäre selbst ein Atomprogramm kein Hindernis.
Die iranischen Revolutionsgarden werden das Trumpsche Loblied für den pakistanischen Premier Shehbaz Sharif und seinen Armeechef Munir angesichts deren lauwarmer Unterstützung für den Trumpschen Gaza-Plan im September 2025 genau registriert haben. So ungefähr könnte ihre Zukunft nach dem Ende der Ära Chamenei aussehen. Ein Gottesstaat ohne göttliche Herrschaft, aber mit ihnen als Staat auch in einem neuen Staat.