Erste personelle Konsequenzen in Berlin-Neuköllner Jugendclub

Nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung in einem Neuköllner Jugendclub gibt es erste personelle Konsequenzen. Das bestätigte die zuständige Bezirksstadträtin Juliane Nagel (Linke) auf Nachfrage von WELT bei einem Hintergrundgespräch im Neuköllner Rathaus am Dienstag.

Demnach wird eine Mitarbeiterin im Jugendamt versetzt. Näher wollte Nagel darauf nicht eingehen. Gleichzeitig sagte die Linken-Politikerin, dass die Aufklärung damit noch nicht abgeschlossen sei. Es werde weitere Konsequenzen geben. Die Linke-Politikerin erklärte, der Jugendclub bleibe vorerst geschlossen, wahrscheinlich bis zu den Sommerferien. „Eine Wiedereröffnung wird nur unter anderen Bedingungen und mit verändertem pädagogischen Konzept möglich sein“, sagte Nagel weiter. Aktuell finde auch eine Prüfung weiterer personeller Konsequenzen statt.

In dem kommunalen Jugendzentrum soll im vergangenen Jahr ein Mädchen vergewaltigt worden sein. Von der Tat soll es von den Tätern angefertigte Videoaufnahmen geben. Mit diesen Videoaufnahmen sollen das Mädchen und auch ihre Schwester von den Tätern unter Druck gesetzt worden sein. Zuerst hatte die „Bild“-Zeitung über die Tat berichtet und damit eine breite Debatte ausgelöst, auch weil die Zeitung berichtete, dass keine Anzeige erstattet worden sei, weil es sich bei den Tätern um arabische Jugendliche handeln soll. So sollte eine Stigmatisierung der Täter verhindert werden.

In der eidesstattlichen Versicherung, deren Inhalt WELT bekannt ist, schildern Mitarbeiterinnen des Mädchentreffs detailliert den Umgang der Behörden mit den Vorwürfen. In einem Fall habe ein Mädchen etwa geschildert, über einen längeren Zeitraum in den Räumlichkeiten des Jugendzentrums sexuell missbraucht worden zu sein. Zudem habe das Opfer angegeben, dass die Täter Videos von den Taten angefertigt hätten, mit denen es regelmäßig erpresst werde.

Die Mitarbeiterin des Mädchenzentrums versichert zudem, dass die zuständige Sozialraumkoordinatorin, die für den Fall zuständig sei, eine Anzeige abgelehnt habe, unter anderem aus Sorge vor einer möglichen „Marginalisierung der Tätergruppe“. Sinngemäß soll die geäußert haben, dass die muslimischen Jungen bereits genug im Visier der Polizei seien und man einen Generalverdacht verhindern möchte.

WELT hatte zuvor die interne Akte des Jugendclubs enthüllt. Aus den Unterlagen geht der Ablauf der Vorgänge hervor. Die Dokumente legen den Verdacht nahe, dass es ein strukturelles Problem in der Einrichtung gibt. Demnach soll es bereits am 28. November des vergangenen Jahres in den Abendstunden zu der Vergewaltigung auf dem Gelände des städtischen Jugendzentrums gekommen sein.

Bezirk will unabhängige Experten in Aufarbeitung einbinden

Zunächst habe sich die Jugendliche Mitarbeitern eines Mädchenzentrums anvertraut, das sich das Gelände mit dem Jugendclub teilt. Am 27. Januar habe das Mädchenzentrum dann den Jugendclub zunächst per Mail informiert, einen Tag später persönlich. Am 29. Januar wurden dann die Jugendamtsleitung und die Kinderschutzkoordinatorin des Jugendamtes in Kenntnis gesetzt. Am 11. Februar soll das Mädchenzentrum dem Jugendamt geraten haben, Anzeige gegen Unbekannt zu stellen. Jugendstadträtin Nagel erfuhr nach eigener Aussage erst am 2. März von dem Vorfall und erstattete wenig später selbst Anzeige gegen Unbekannt.

Am Dienstag sagte Nagel, dass bei der Aufarbeitung „gravierende fachliche Fehler“ gemacht worden seien. Sie sagte, dass das Jugendamt sofort hätte nachhaken und eine Gefährdungsbewertung erstellen müssen. Beides sei nicht passiert. Nun arbeite man den Fall systematisch auf. Man wolle unter anderem eine Gruppe von unabhängigen Experten mit der Begleitung der Aufarbeitung beauftragen. Erste Zwischenergebnisse sollen Ende Mai vorliegen.

Nagel sagte, die Arbeit des Jugendamtes müsse verbessert werden, es müsse aber auch aufgeklärt werden, was tatsächlich passiert sei. Schon jetzt würden Meldeketten überarbeitet, Leitfäden erstellt, Schutzkonzepte überprüft und Mitarbeiter geschult.

Nagel selbst steht dabei unter Zugzwang. Aus politischen Kreisen heißt es, dass auch ihr Stuhl wackle, weil das Krisenmanagement „Luft nach oben“ habe. So fordert etwa die Neuköllner CDU die Abwahl der Jugendstadträtin.

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Source: welt.de

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