1. Mit feministisch-queerem Twist: „Die große Hitze“ von Denise Mina
Von keinem Menschen, bescheinigte ihm sein Erfinder, würde er „schmutziges Geld“ annehmen, und wer seinen Stolz nicht respektiere, dem werde es „bald leidtun, ihn kennengelernt zu haben“. Die Rede ist von Philip Marlowe, dem aufrechten Ermittler aus den Romanen Raymond Chandlers, der längst zum Mythos geworden ist. Und zu einer Marke, deren Nutzung von den Nachlassverwaltern des 1959 verstorbenen Schriftstellers akribisch kontrolliert wird.
So erscheinen seit vielen Jahren lizenzierte neue Abenteuer des ritterlichen Privatschnüfflers, unter den Autoren literarische Schwergewichte wie der Ire John Banville als Benjamin Black. Dennoch stoßen Franchise-Unternehmen dieser Art nicht immer auf das Wohlwollen der Kritik.
Das war auch Denise Mina klar, die als erste Frau den Auftrag zu einem Marlowe-Roman erhielt. „Vielleicht hätte ich das Buch besser nicht geschrieben“, erklärte sie in einem Interview. Schließlich sei sie Schottin und nur ein Fan. Die Ironie ist nicht zu überhören. Denn die selbstbewusste Autorin zeigte sich der Aufgabe mehr als gewachsen. Die große Hitze ist klassischer Marlowe mit einem feministisch-queeren Twist.
Der Detektiv soll in Los Angeles die verschwundene Tochter eines sadistischen Millionärs finden und nach Hause bringen. Ersteres stellt sich als sehr leicht heraus, die zweite Aufgabe ist nicht so leicht zu bewältigen. Was nicht nur mit Marlowes Gewissen zu tun hat. Die junge Frau ist in einen mörderischen Plot um einen österreichischen Maler mit Nazi-Sympathien und seine eher stümperhaften, aber gewinnträchtigen Kunstwerke verwickelt. Aber wichtiger als die Handlung ist wie beim Original allemal die Sprache. Denise Mina beherrscht das bilderreiche Kunstidiom Chandlers aus vermeintlichem Straßenslang und Gangsterjargon perfekt.
Und hat in ihrer Übersetzerin Elsa Laudan eine adäquate deutsche Stimme gefunden. Doch über zweifellos unterhaltsame Klassikerpflege dieser Art hinaus scheint die Figur des hartgesottenen Privatermittlers in der aktuellen Kriminalliteratur keine große Rolle mehr zu spielen.
2. Mit viel sarkastischem Humor: „Tödliche Freundinnen“ von Tess Sharpe
Anders sieht es bei seinem weiblichen Pendant aus. Sara Paretskys populäre Detektivin V. I. Warshawski beispielsweise ist noch längst nicht im Ruhestand. Aber auch jüngere Autorinnen gewinnen dem alten Rollenmuster spannende neue Facetten ab. Eine davon ist die Amerikanerin Tess Sharpe, laut Klappentext als Tochter einer Punkrockerin in einer Berghütte geboren.
Nach Büchern für Kinder und junge Erwachsene liegt nun mit Tödliche Freundinnen ihr Krimidebüt vor, eine dunkle Mischung aus ländlichem Thriller und dramatischer Liebesgeschichte. Die 24-jährige Mel Tillman hat sich trotz ihres jugendlichen Alters einen Namen als Privatdetektivin gemacht. Das ist kein Wunder, schließlich ist sie von einer Meisterin des Fachs ausgebildet worden.
Denn anders als Marlowe und Kollegen sind die jungen Ermittlerinnen von heute keine Naturtalente. Der Auftrag allerdings ist klassisch: Die seit sechs Jahren vermisste Chloe Harper, Tochter reicher Eltern, soll gefunden werden. Auch die Detektivin wüsste aus persönlichen Gründen gerne den Grund für ihr Verschwinden. Denn Chloe und sie waren als Teenager ein Paar. Außerdem verbindet sie ein Geheimnis, das auch eine ortsansässige Familie einflussreicher Bösewichte gerne gelüftet hätte. Was bedeutet, dass weniger recherchiert als geschossen wird. Und getroffen werden in der Regel die Richtigen.
Tess Sharpe arrangiert die turbulente Handlung ausgesprochen effektiv, Rückblenden und Cliffhanger inklusive. Dabei spart sie nicht an sarkastischem Humor zulasten der männlichen Schurken. Was Tödliche Freundinnen zu einer mitreißenden Lektüre von hohem Identifikationspotenzial macht.
3. Mit erzählerischem Geschick: „Die schlafenden Hunde von Dublin“ von Ellen Dunne
Eine Vergangenheit, die nicht vergehen will, überschattet auch Ellen Dunnes fünften Fall für die deutsch-irische Polizistin Patsy Logan. Eigentlich arbeitet die Kommissarin bei der Münchner Kripo, doch der gewaltsame Tod eines alten Freundes ihres Vaters lässt sie in Dublin auf eigene Faust ermitteln. Schließlich geht es auch um die Geschichte ihrer Familie. Und um Organisierte Kriminalität und irisch-republikanischen Terrorismus.
Doch Patsy Logan lässt sich davon nicht ins Bockshorn jagen. Die schlafenden Hunde von Dublin, so der Titel dieses vielschichtigen Kriminalromans, lieber nicht aufzuschrecken, käme ihr nicht in den Sinn. Dass die gebürtige Österreicherin und Wahl-Irin Ellen Dunne große Sympathien für ihre Heldin hat, überrascht nicht. Weniger selbstverständlich ist das erzählerische Geschick, mit dem sie die langsam ans Licht kommende Wahrheit durch Perspektiv- und Zeitenwechsel in die Romanhandlung integriert. So geht gekonnte Krimiunterhaltung.
4. Mit einem Schuß Agatha Christie: „Fair Play“ von Louise Hegarty
Was allerdings auch geht, sehr gut sogar, ist die metafiktionale Aneignung traditioneller Erzählmuster, wie sie die irische Autorin Louise Hegarty betreibt. In ihrem Debütroman Fair Play nimmt sie sich den seit jeher als Spiel konzipierten Detektivroman britischer Prägung vor und lässt eine als Krimidinner inszenierte Party mit dem rätselhaften Tod des Geburtstagskindes enden. Dessen Schwester Abigail betraut den berühmten Privatdetektiv Auguste Bell mit den Ermittlungen. Das Ergebnis ist eine überraschend ernsthafte Parodie, die nicht nur die Werke von Agatha Christie und Co. aufs Korn nimmt, sondern das selbstreferenzielle literarische Experiment gleich mit.
Wir bekommen es mit Figuren zu tun, denen bewusst ist, dass sie in einem fiktiven Raum agieren. Derweil bleibt die in immer neuen Varianten präsentierte Auflösung unbefriedigend. So soll es auch sein. Denn während Bell in 28 Kapiteln das vermeintlich strenge Regelwerk der Detektivgeschichte ad absurdum führt, erlebt Abigail in einem parallel erzählten Handlungsstrang reale Trauer, für die es kein heilendes Narrativ gibt.
5. Mit erschreckend aktueller Thematik: „Mord in der Pension Möwennest“ von Jess Kidd
Dieses Versagen spürbar zu machen, ist vielleicht die Absicht dieser ungewöhnlichen epischen Versuchsanordnung, die gleichwohl auf die ungebrochene Popularität des Genres setzt. Titel wie Mord in der Pension Möwennest, so der just erschienene Auftakt zu einer neuen, in den 1950er Jahren spielenden Krimireihe mit einer ehemaligen Nonne als Amateur-Ermittlerin, scheinen für sich zu sprechen. Doch die englische Schriftstellerin Jess Kidd zu unterschätzen, wäre trotz dieser Beweislage falsch.
Das historische Ambiente ist alles andere als gemütlich, der Plot gut durchdacht, die realistische Erzählweise subtil bis krass. Und die Thematik erschreckend aktuell. Denn es geht, wie auch in Denise Minas Marlowe-Roman, nicht zuletzt um Geschlechterverhältnisse. Jess Kidd zeigt, dass auch eine oberflächlich altmodisch erscheinende Detektivgeschichte keineswegs „ein ermüdendes Häkelwerk aus öden Indizien“ (Raymond Chandler) sein muss.
Joachim Feldmann lebt in Recklinghausen und war 32 Jahre lang Lehrer für Deutsch und Englisch. Seit vielen Jahren schreibt er über Kriminalliteratur, unter anderem für das CrimeMag und die Literaturzeitschrift Am Erker. Er ist Mitglied in der Jury des Deutschen Krimipreises.