Oft gefallen und immer wieder aufgestanden: In „Der Liebe zuliebe“ erzählt der Liedermacher und Schriftsteller Konstantin Wecker von Abgründen und Hoffnung. Er verschweigt dabei nichts – weder Alkohlräusche noch Gefängnisaufenthalte
Konstantin Wecker
Foto: Francesco Luongo
Er kam von ganz unten: Drogenexzesse, nächtliche Alkoholräusche, Entgleisungen. Lange wussten die wenigsten, welches Leben der von vielen hochgeachtete Liedermacher Konstantin Wecker im Schatten seiner Tourneen führte, bis er sich nun dazu entschloss, die eigenen Abgründe offenzulegen. Der Liebe zuliebe lautet der Titel seines just veröffentlichten Buches, in dem er schonungslos Bilanz zieht und eben nichts verschweigt, nicht einmal den fast einjährigen Gefängnisaufenthalt wegen eines Diebstahls in seiner Jugend.
Dass der 1947 in München geborene Künstler aus dem Tal der Tränen wieder herausfand, verdankt sich nicht zuletzt seiner unerschütterlichen Sinnsuche. Der Fall, so lässt sich die Moral seiner autobiografischen Prosa zusammenfassen, dient nur dazu, um wieder aufzustehen. Und wie schreibt er doch in einem seiner Lieder? – „Ich war nie perfekt. Wie könnte ich auch. / Ihr kennt meine Kunst zu scheitern“.
Konstantin Wecker ist jetzt trocken
Im Sinne dieses Umdenkens stand nach Jahren der Selbstvernichtung fest: Er muss in den Entzug und findet mitunter bei den Anonymen Alkoholikern Halt. Ein Rückfall blieb erwartbarerweise nicht aus. Und doch gelingt es Wecker im Laufe der Dekaden, Ventile für sich zu entdecken. Er beginnt mit Meditationen, beschäftigt sich intensiv mit buddhistischen Lehren und begibt sich auf eine inwendige Reise und Suche nach dem Göttlichen.
Jetzt ist er seit drei Jahren trocken. Hilfreich erscheint ihm dabei die Mystik. Sie „ist für mich die Spiritualität der Zukunft, eine ‚Anarchieform der Religion‘, undogmatisch“. Wo keine Regeln und Gesetze den Geist einengen, findet Wecker das, was für ihn ans Metaphysische reicht, nämlich das Loslassen. Im Reigen spirituell relevanter Begriffe wie Glück, Sinn und Freude nimmt es eine Spitzenposition im Buch ein, auch weil der Autor dessen Bedeutung in zahlreichen anderen Texten der Kulturgeschichte ausmacht.
Von Richard Rohr über Augustinus und Blaise Pascale bis hin zu Rainer Maria Rilke, ohne den nach Angaben des Musikers kein Tag vergeht, reichen die Zitate, die er seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Vita beistellt.
Der Liedermacher klagt Europa an
In ihren Werken entdeckt er eine längst verloren geglaubte Wahrheit. Sie zeigen ihm, dass gerade die Kunst zu einer tieferen Erkenntnis des Realen beitragen kann. „Seht doch“, ruft er uns in einer seiner Elegien entgegen: „wie die Wirklichkeit fern ist / von all dem Getön und Getue, / wie wir sie neiden.“
Es gilt also gerade in Zeiten der digitalen Verführungen, zu den Ursprüngen zurückzukehren. Darunter fällt auch die aufmerksame Wahrnehmung gesellschaftlicher und politischer Missstände. Wecker klagt sowohl ein reiches Europa an, das sich hinter Zäunen abschottet und den Tod Unzähliger auf der Flucht billigend in Kauf nimmt, als auch eine gigantische Aufrüstung.
Denn „heute wird auch hierzulande daran gearbeitet, wie man Menschen auf den Krieg vorbereiten kann. Hochintelligente Menschen, Generäle und Taktiker überlegen, wie man uns darauf einstimmen kann, kriegstauglich, durchaus auch kriegerisch zu werden. Das nennt man kognitive Kriegsführung – schrecklich.“
Nur was hilft dagegen? Zum einen plädiert der Liedermacher – anknüpfend an den Philosophen Ernst Bloch – für eine Reaktivierung des utopischen Bewusstseins. Es bildet den Nährboden der Hoffnung in einer allzu düsteren Epoche. Zum anderen verrät der Titel des Werks das entscheidende Programm: Wecker besinnt sich und uns auf die Liebe und versteht sie als eine Haltung der Zugewandtheit zum anderen. In ihr liegt die Kraft, das Schicksal der Unterdrückten und Schwachen zu ertragen.
Im Sturm nicht einknicken
Mehr noch: „es ist so wichtig, auch das Leid anderer zu sehen, so vieler Milliarden von Menschen, die am Leben leiden müssen. Sie leiden auch deshalb, weil wir (…) vieles zerstört haben. Daran, dass wir Menschen unterdrückt und versklavt haben, dass wir Tiere schlecht behandeln. Dieses Leid von so unzählig vielen Menschen auch mal in sich zu spüren, ist so unendlich wichtig.“
Indem wir Mitgefühl kultivieren, werden wir uns der von Wecker mehrfach betonten Allverbundenheit mit Flora und Fauna genauso wie mit unserem direkten Gegenüber gewahr. Diese Einsicht veranschaulicht die humane Verantwortung für den Planeten und den momentan kaum vorstellbaren Frieden. Für beides ist Konstantin Wecker eingetreten, seitdem er kritisch die Welt betrachtet und Gedichte und Lieder schreibt.
Sein aktuelles Buch liefert nun die Chronik dazu. Es will für Mut werben, dazu motivieren, selbst im Sturm nicht einzuknicken. Das Trotzdem speist sich dabei voll und ganz aus der Musik, die man hier und da sogar innerlich beim Lesen vernimmt.
Der Liebe zuliebe Konstantin Wecker bene! 2025, 272 S., 24 €