Mario Adorf gehörte zu den bedeutendsten deutschen Charakterdarstellern. Seine Karriere umspannte sechs Jahrzehnte. Adorfs frühen Rollen machten ihn zum gefragten Bösewicht, dem er mit Feingefühl Tiefe und Leben verlieh.
Die Rolle des Frederick Santer in der Karl-May-Verfilmung „Winnetou“ sollte bis zuletzt das schauspielerische Profil von Mario Adorf prägen: kraftvoll und bedrohlich, ein Schurke wie aus dem Bilderbuch. Eigentlich habe er die Rolle nicht annehmen wollen, verriet Adorf in späteren Interviews. Im Drehbuch sei Santer als rein böse Figur angelegt gewesen, ihm habe der Tiefgang gefehlt.
Doch die grundlegenden Gefühlsebenen und die Menschlichkeit selbst noch aus seinen finstersten Figuren herauszuspielen, verstand Mario Adorf wie nur wenige seines Fachs. „Der Schurke ist an und für sich beim Lesen die interessante Rolle“, so Adorf. „Ich liebe ja nun nicht die Bösewichte als Charaktere, ich weiß aber, was sie hergeben. Ich leihe ihnen deswegen auch ganz gerne meinen Körper, mein Gesicht.“
Durchbruch mit lebenslanger Verantwortung
Bereits in seiner ersten großen Filmrolle trat Adorf als finstere Gestalt in Erscheinung: Im Nachkriegs-Krimi „Nachts, wenn der Teufel kam“ spielte der 27-Jährige einen psychisch kranken Serienmörder. Der Film wurde 1958 für den Auslands-Oscar nominiert, Adorf selbst erhielt den Bundesfilmpreis als bester Nachwuchs-Schauspieler.
Dass der 1944 verurteilte Bruno Lüdtke, den er im Film verkörperte, tatsächlich ein Opfer der sozialrassistischen Propaganda der Nationalsozialisten geworden war, wurde erst nach Veröffentlichung des Films bekannt. Mario Adorf distanzierte sich später von seiner Rolle und setzte sich aktiv für das Gedenken an Lüdtke ein.
Adorf verstand dies als Teil seiner Verantwortung als Schauspieler, wie er 2021 der Berliner Zeitung sagte: Durch seine Darstellung habe Lüdtke jahrzehntelang der Ruf eines Verbrechers angehaftet. Dessen Familie leide noch immer darunter. Deshalb setzte sich Adorf auch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aktiv für die Verlegung eines Stolpersteins vor dem Wohnhaus von Lüdtkes Eltern ein.
Internationale Bekanntheit durch „Die Blechtrommel“
In Volker Schlöndorffs oscarprämierter Verfilmung der „Blechtrommel“ von Günter Grass glänzte Adorf ebenso. In der Rolle des Alfred, Vater des trommelnden Oscar Matzerath, der sich mit drei Jahren dazu entschließt, nicht mehr zu wachsen, gelang Adorf das differenzierte Porträt eines kleinbürgerlichen und zwielichtigen Mannes, der sich durch die Propaganda der Nationalsozialisten korrumpieren lässt.
Adorf, der bei seiner Mutter in Mayen in der Eifel aufwuchs, konnte in dem Film seinen eigenen rheinischen Dialekt zum Einsatz bringen. Ein Stück Heimatbewusstsein, das er seinen Rollen gerne einverleibte. „Die Blechtrommel“ wurde für Adorf die Rolle, mit der er sich auf dem internationalen Parkett etablierte.
Auch in Italien und Hollywood trat Adorf im Anschluss immer wieder in Erscheinung. Francis Ford Coppola habe ihm eine Rolle in „Der Pate“ angeboten, schrieb Adorf 2015 in seiner Biografie „Schauen Sie mal böse“. Er habe sie allerdings nicht angenommen, da er die Bedeutung des Films verkannte – eine Dummheit, schrieb Adorf rückblickend.
Helmut Dietl entdeckte das Komische in Adorf
Doch neben dem Schurken, den Adorf auch 1981 als Baulöwe Schuckert in in Rainer Werner Fassbinders „Lola“ oder als tyrannischer Vater in Tom Toelles Mehrteiler „Via Mala“ von 1985 spielte, waren es ab den 1980er-Jahren auch zunehmend die komischen Rollen, in denen Adorf brillierte.
Unvergessen ist die Rolle des Klebstofffabrikanten Haffenloher, für die Helmut Dietl Adorf in „Kir Royal“ besetzte. Herausragend gelang es Adorf, dessen bedrohlichen Machismo und die ihm innewohnende Lächerlichkeit herauszustellen. So sehr, dass das breite, rheinländische „Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast“, das Haffenloher dem Boulevard-Reporter Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz) entgegenknurrt, seit über vierzig Jahren ein geflügeltes Wort der deutschen Fernsehgeschichte ist.
Ebenfalls unvergessen bleibt Adorfs Darbietung als gewiefter Restaurantbesitzer Paolo Rossini in Helmut Dietls Schickeria-Komödie „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“.
Künstlerisch blieb Adorf seiner Heimat verbunden
Seiner rheinland-pfälzischen Heimat blieb Mario Adorf zeitlebens auch künstlerisch verbunden. Es war nicht zuletzt auch seiner beherzten Initiative zu verdanken, dass im Jahr 2002 vor dem Wormser Dom die Nibelungen-Festspiele eröffneten. Adorf selbst übernahm in der ersten Aufführung unter der Regie von Dieter Wedel die Rolle des großen Schurken.
Als Strippenzieher und Heldenmörder Hagen spielte er einen Mann, der schließlich an der Bürde seiner Loyalität vergeht. Bis zuletzt blieb Adorf den Festspielen verbunden, in Worms wird zu seinen Ehren alljährlich im Rahmen der Festspiele der Mario-Adorf-Preis vergeben.
In den vergangenen Jahren nahm Adorf nur noch vereinzelt Rollenangebote an. Einer seiner letzten Auftritte war der als Santer Senior in „Winnetou – Der Mythos lebt“, eine Verneigung vor der Rolle, die ihn zum Filmstar der Bundesrepublik gemacht hatte.
Was bleibt, sind unzählige Erinnerungen an einen brillanten Beobachter, kraftvollen Darsteller und begnadeten Geschichtenerzähler, dessen vielschichtiges Werk auch lange über seinen Tod hinaus wirken wird.
Source: tagesschau.de