Als Kind von Gastronomen wurde Ilija Matusko gemobbt, wenn er nach Pommesfett roch. 2023 hat er darüber ein Buch geschrieben: Verdunstung in der Randzone. Matusko gelang der „Aufstieg“. Was denkt er heute über die Politik von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), die genau diesen Aufstieg immer schwerer macht? Und über das Versagen der SPD, die all die sozialen Schandtaten mitträgt? Ein Gespräch über die Klassenpolitik von Schwarz-Rot und die neuen alten Feinde der Arbeiter.
der Freitag: Herr Matusko, Sie beschreiben Ihren eigenen Werdegang als einen „vom Tellerwäscher zum Autor, der übers Tellerwaschen schreibt“. Eine klassische Aufstiegsgeschichte?
Ilija Matusko: Klassische Aufstiegsgeschichten lassen sich meist auf eine einfache Formel bringen: „Da komme ich her, ich habe mich angestrengt, jetzt bin ich hier.“ Sie folgen der Logik der Leistungsideologie, nach der Erfolg allein aus individueller Anstrengung entsteht. Gesellschaftliche Bedingungen, die viel entscheidender sind als Wille und Leistung, werden dabei ausgeblendet. Selbst dort, wo Aufstiegserzählungen aus einer linken Perspektive erzählt sind, verfallen sie meiner Ansicht nach oft einem Widerspruch: Sie wiederholen die Abwertung gegenüber der eigenen Herkunft, gegen die sie eigentlich anschreiben. Mir ist es wichtig, dem Ort, von dem ich komme, mit Verständnis und Wertschätzung zu begegnen – ohne ihn zu verklären oder Härten auszublenden. Ich spreche deshalb lieber vom Übergang als vom Aufstieg.
Die Abkehr vom Gastronomiebetrieb Ihrer Eltern hin zum Studium der Soziologie und zum damit einhergehenden Übertreten in intellektuelle Milieus hat in Ihnen gemischte Gefühle ausgelöst. Sie berichten von einem Gefühl der Fremdheit – davon, dass Sie sich weder am Stammtisch noch in Kunstgalerien wohlfühlen. Wird sich das je ändern?
Nein. Ich denke, diese doppelte Haltung wird sich nie ganz auflösen lassen. Das ist ja, wer ich bin. Man kann seiner Herkunft vielleicht entwachsen, aber man kann ihr nie ganz entfliehen. Das Intellektuelle hatte für mich immer einen großen Reiz. Ich wollte dazugehören, Bücher lesen, mich über Filme, Theater und Theorien unterhalten. Trotzdem ist das nicht die Welt, aus der ich komme. Ich habe zwar gelernt, die nötigen Codes zu beherrschen, um mich in gebildeten Milieus zurechtzufinden, allerdings schwingt immer auch die Angst mit, enttarnt zu werden, sich mit Wein, Literatur oder Kunst nicht wirklich auszukennen – und dann auf einmal raus zu sein. Was mir hilft, ist, darüber zu reden und zu schreiben und meinen Hintergrund nicht als Defizit zu betrachten.
Wenn ein Manager zu spät kommt, ist das ein Zeichen von Wichtigkeit. Wenn ein Arbeitssuchender zu spät kommt, wird es sofort als moralisches Versagen interpretiert
Was hält Ihre Familie von Ihrem Klassenwechsel?
Ich glaube, man wird den Eltern als jemand, der seinen Herkunftsort verlässt und einen anderen Weg einschlägt, immer in gewisser Weise unheimlich. Ich habe zu spüren bekommen, dass für meine Familie die Gefahr bestand, mich zu verlieren. Dass ich eine Art Klassenverrat begehe und in akademisch-intellektuelle Milieus abdrifte, die von meiner Familie mit Skepsis betrachtet werden. Es gibt aber von beiden Seiten immer wieder das Bedürfnis, aufeinander zuzugehen und Nähe herzustellen.
Der Geruch von Pommes und die damit einhergehenden Zuschreibungen als Essen der „Unterschicht“ ziehen sich als roter Faden durch Ihr Buch. Warum sind Pommes kulturell so aufgeladen?
Wer Pommes abwertet, wertet auch die Menschen ab, die sie essen. Geschmack ist eben ein Distinktionsmerkmal. Über ihn wird verhandelt, wer zu welcher Klasse gehört. Pommes sind übrigens in jeder Klasse essbar. Ich habe einmal in einem gehobenen Restaurant Pommes gegessen – die Klassenreise hat ihnen nicht gutgetan: vier längliche Streifen, zu einer Raute geschichtet, innen mehlig, außen weich, in Öl getaucht. Es war das Gegenteil von Pommes.
Schwarz-Rot hat härtere Sanktionen für Arbeitslose durchgesetzt. Was halten Sie davon?
Ganz ehrlich: gar nichts. Anstatt über die großen Fragen zu reden, die den wirtschaftlichen Umbau und den Arbeitsmarkt betreffen und wirkliche Veränderungen bringen würden, diskutiert ganz Deutschland darüber, was passieren soll, wenn man zwei Termine im Jobcenter verpasst. Das ist vollkommen absurd. Dass in der Realität nur ein sehr geringer Anteil von Arbeitslosen Arbeitsverweigerer ist, ist bekannt. Die allermeisten nehmen wirklich sehr viele Unzumutbarkeiten auf sich, die als zumutbar deklariert werden: Sie arbeiten unter schlechten Bedingungen, für niedrige Löhne und unterhalb ihrer Qualifikationen. Unter der ständigen Drohkulisse des sozialen Abstiegs tun sie alles, um in Beschäftigung zu kommen oder darin zu bleiben.
Dass bildungsferne Menschen die AfD wählen, ist ein Klischee, das oft bemüht wird, um den Rechtsruck in unserer Gesellschaft zu erklären
Sind Sie überrascht von der Härte, mit der diskutiert wird?
Überrascht nicht, erschreckt ja. Diese Erbarmungslosigkeit, andere Menschen zu sanktionieren und zu bestrafen, ohne dass es Kosten spart oder der Allgemeinheit etwas bringt, ist für mich schwer erträglich. Das Bild vom faulen, frechen Arbeitslosen, der auf Kosten anderer lebt, ist tief in der deutschen Gesellschaft verankert und für viele sofort abrufbar. Ich kam selbst einmal zu spät zu einem Termin im Jobcenter. Da wurde mir sofort gesagt: Wenn Sie nicht einmal pünktlich sein können, wie wollen Sie dann ein normales Leben führen? Ich habe diesen Moment als sehr übergriffig, moralisierend und abwertend erlebt. Wenn ein Manager zu spät kommt, ist das ein Zeichen von Wichtigkeit. Wenn ein Arbeitssuchender zu spät kommt, wird es sofort als moralisches Versagen interpretiert. Das arbeitet mit dem neoliberalen Narrativ: Wer sich anstrengt, schafft es schon. Alle anderen Bedingungen – wie gesellschaftliche Umstände, Konjunktur, Arbeitsmarkt, Sozialstruktur – spielen keine Rolle. Das stigmatisiert und zerstört Empathie.
Was halten Sie von Friedrich Merz als Bundeskanzler?
Bei Merz laufen verschiedene Linien zusammen, würde ich sagen. Vom Habitus her wirkt er wie ein Kanzler aus verstaubter BRD-Vergangenheit – mit seinem trockenen Auftreten, seinen sexistischen Aussagen, seinem ständigen Hardliner-Gerede. Gleichzeitig ist er aber auch ein Populist neuester Prägung: wirtschaftselitär, offen rassistisch, verächtlich gegenüber Zivilgesellschaft und Rechtsstaat. Ich glaube, in 50 Jahren wird im Geschichtsbuch stehen, dass er der erste Bundeskanzler war, der mit Rechtsextremen zusammengearbeitet hat.
Wie kann es sein, dass ausgerechnet Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), die selbst aus der Arbeiterklasse stammt, heute eine Politik befürwortet, die viele als Abkehr von sozialdemokratischen Grundwerten empfinden?
Ich finde das nicht überraschend. Gerhard Schröder hat ja, mit ähnlichem Background, die Hartz-IV-Reformen durchgesetzt. Die SPD mag solche Figuren, weil sie den sozialen Aufstieg verkörpern – also die Idee, für die sie einst stand. Offenbar denkt die SPD, mit dieser Politik verlorene Wählerstimmen bei den Arbeitenden zurückzugewinnen. Statt Menschen mit hohen Einkommen und Vermögen stärker in die Verantwortung zu nehmen, also dort, wo es ohne Not möglich wäre, greift man wieder bei den Ärmsten durch.
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Bei der letzten Bundestagswahl wählten 38 Prozent der Arbeiter die AfD. Sie war in dem Milieu die stärkste Partei. Dabei vertritt sie stark wirtschaftsliberale Positionen. Wie erklären Sie sich das?
Dass bildungsferne Menschen die AfD wählen, ist ein Klischee, das oft bemüht wird, um den Rechtsruck in unserer Gesellschaft zu erklären. Mit diesem Klischee muss man vorsichtig sein, da sich die AfD-Wählerschaft durch alle Milieus zieht. Wenn man betont, dass Arbeiter entgegen ihren Interessen gewählt haben, schwingt da indirekt die Annahme mit: Ihr seid doch dumm. Damit kommen wir nicht weit. Menschen, die die AfD wählen, fühlen sich von ihr gesehen, verstanden und in ihrer Sprache angesprochen. Da geht es nicht direkt um das, was im Wahlprogramm steht.
In Ihrem Buch „Verdunstung in der Randzone“ schreiben Sie, dass „die Arbeiter-, Gastro- und Unterschichtskinder“ einmal durch den Literaturbetrieb gescheucht werden, weil das Thema Klassismus gerade en vogue sei. Ihre Befürchtung ist, dass die Aufmerksamkeit bald auf ein nächstes Thema fallen wird. Nun ist die Erscheinung des Buches bald zwei Jahre her. Ist das Thema immer noch „im Trend“?
Ja, es ist immer noch ein Trendthema, dessen Hebelwirkung man aber sehr gut nutzen kann. Meine Skepsis ist, dass es gewissermaßen für ein bildungsbürgerliches Publikum passiert. Dass eine Art Voyeurismus betrieben wird, bei dem Menschen sich mit der sogenannten Unterschicht befassen möchten, um sich dann damit zu brüsten, dass sie sich auch mit dieser Diskriminierungsform auseinandergesetzt haben. Die grundsätzlichen Ungleichheiten werden dadurch nicht verändert. Wenn Bücher wie meines zum Hinterfragen von Privilegien führen, ist das aber trotzdem wichtig, da daraus auch institutionelle Veränderungen entstehen können. Die gesellschaftlichen Bedingungen haben wir dadurch zwar noch nicht verändert, aber wir haben sie zumindest in Schwingung gebracht.
Manche Menschen tragen ironisch Camp-David-Kleidung oder laufen mit Aldi-Tüten als Tasche herum. In Hipster-Kreisen kommt das vor. Was halten Sie davon, wenn das Bürgertum sich den Stil der Arbeiter aneignet?
Das Spiel um Distinktion und kulturelle Auf- und Abwertung ist sehr, sehr komplex. Ich will das eigentlich gar nicht bewerten und finde es okay, wenn man Sachen ironisch bricht. Mich interessieren eher die Bereiche hinter diesen kulturellen Oberflächen. Mit Markern von Armut zu kokettieren, weil es zur Selbstinszenierung zählt – obwohl die Eltern ein Haus am Starnberger See haben –, das finde ich allerdings schwierig. Denn manche Menschen tragen Aldi-Tüten, weil sie keine andere Wahl haben.
Ilija Matusko (geboren 1980) wuchs in einer Familie in Bayern auf, deren Leben vom Gastronomiebetrieb bestimmt war. Über Umwege fand er zu Soziologie, Politikwissenschaft und schließlich zum Schreiben. In seinem Debüt Verdunstung in der Randzone (Suhrkamp 2023, 238 S., 17 €) spürt er den Spannungen zwischen Herkunft und Aufstieg nach. 2020 wurde er mit dem Literaturpreis „Irseer Pegasus“ ausgezeichnet.