Erdbeeren sind in Ägypten ein Exportschlager, in Deutschland werden sie meist tiefgekühlt verkauft. Doch der Transport und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln haben enorme Auswirkungen aufs Klima.
Erdbeeren selbst pflücken und nach Hause nehmen: Das geht auch in Ägypten. Belal Ayman ist mit seiner Frau und seiner Tochter extra zu einem biologischen Landwirtschaftsbetrieb gefahren. „Es ist ein schönes Erlebnis, die Früchte hier mit den eigenen Händen zu pflücken“, sagt er, „direkt von der Natur.“
Der Biohof ist ein beliebtes Ausflugsziel für gutsituierte ägyptische Familien. In dem Land am Nil ist er eine Ausnahme: Bio ist hier eine verschwindend kleine Nische, und die wenigsten Erdbeeren, die in Ägypten angebaut werden, werden auch dort verkauft und verzehrt.
Die meisten gehen ins Ausland: Dem Ägyptischem Exportverband für Lebensmittel zufolge hat sich ihr Exportwert im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt, auf rund 650 Millionen Dollar. Damit sind sie erstmals auf Platz eins der meistexportierten Lebensmittel des Landes – und für Ägypten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
Boom durch neue Sorten
Yasser Hammad freut sich über den Erdbeer-Aufschwung. Der Unternehmer berät mehrere Landwirte zum Anbau und der Ernte der Früchte. Der Boom der vergangenen Jahre habe auch mit neuen Sorten zu tun, sagt er: „Sorten mit hohen Erträgen, die Krankheiten besser aushalten und gut zu unseren klimatischen Gegebenheiten passen.“
Im Sommer wäre es in Ägypten für Erdbeeren viel zu heiß, deshalb ist im Winter Erntezeit für die Früchte. Auch das macht die ägyptischen Erdbeeren so attraktiv für den Export nach Europa. Ein weiterer Grund: die niedrigen Arbeitskosten in Ägypten. Sie sorgen dafür, dass die Erdbeeren trotz der Transportkosten vergleichsweise günstig sind.
Wenig Wasser in Ägypten
„Rotes Gold“ nennt Yasser Hammad die Erdbeeren. Sein Unternehmen ist im Nildelta, der fruchtbarsten Region Ägyptens. Nur auf vier Prozent der Fläche Ägyptens kann man überhaupt Landwirtschaft betreiben, vielerorts fehlt es vor allem an Wasser. Angesichts der stark wachsenden Bevölkerung Ägyptens wird es immer schwieriger, alle Menschen mit Wasser und Nahrung zu versorgen.
Trotzdem wird von dem, was angebaut wird, vieles exportiert. Ein wichtiger Abnehmer für die Erdbeeren ist Deutschland. Hier werden die ägyptischen Erdbeeren in der Regel tiefgekühlt verkauft, für frische Erdbeeren wäre der Transportweg zu weit.
„Oft gefährlichere Pestizide zugelassen“
Der Transport ist einer der Gründe, weshalb der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) vom Kauf von Erdbeeren aus fernen Ländern wie Ägypten abrät. „Erdbeeren sind sehr anfällig für Pilzkrankheiten“, sagt Corinna Hölzel, Pestizidexpertin des BUND. Frische Erdbeeren müssten daher extra für den Transport erneut mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden.
Doch auch tiefgekühlte Erdbeeren hält Hölzel nicht für unbedenklich, denn beim Anbau kommen ebenfalls Pflanzenschutzmittel zum Einsatz. „In den Ländern des globalen Südens herrscht dabei oft eine schwächere Gesetzgebung“, sagt sie: „Es sind oft gefährlichere Pestizide zugelassen, und es gibt auch weniger Kontrollen.“
Rückstände müssen unterhalb der Grenzwerte liegen
Yasser Hammad widerspricht: Er nennt verschiedene Vorschriften der ägyptischen Behörden, die den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln regeln. Der Export der Früchte sei dann aber nicht mehr seine Aufgabe.
Fakt ist: Bei der Einfuhr in die EU müssen die Rückstände der Pflanzenschutzmittel unterhalb gewisser Grenzwerte liegen. Dabei sind die Kontrollen laut Hölzel aber nur stichprobenhaft, bei Überschreitungen der Grenzwerte drohten keine allzu harten Konsequenzen. „Generell sehen wir bei Lebensmitteln, dass Importware meist stärker belastet ist und auch häufiger die Grenzwerte überschreitet als EU-Ware und insbesondere deutsche Ware“, sagt sie.
Herstellung von Pestiziden schadet dem Klima
Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sei aber nicht nur aus gesundheitlichen Gründen problematisch, sondern auch mit Blick auf das Klima. „Pestizide und auch Mineraldünger werden aus fossilen Energiequellen hergestellt“, sagt Hölzel, „aus Erdöl und Kohle.“ Der Herstellungsprozess sei sehr energieintensiv. „Auch dafür werden fossile Energieträger benötigt, in der Regel Erdgas.“
Wenn man alle Faktoren zusammennehme – den Einsatz von Mineraldünger und Pflanzenschutzmitteln, die Verpackung und schließlich den Transport nach Europa -, dann komme man zu dem Ergebnis, dass der Import von Früchten aus Ländern wie Ägypten eine hohe Belastung für das Klima bedeute.
Gutes Geld für harte Arbeit
Für die ägyptische Wirtschaft hingegen ist der Erdbeer-Boom eine Chance. Om Habiba arbeitet als Pflückerin auf einer der Plantagen im Nildelta. „Früher haben wir nur bis zum Mittag gearbeitet“, erzählt sie. „Jetzt gibt es manchmal eine zweite Schicht und dadurch einen höheren Tageslohn.“ Darüber sei sie froh, denn die Lebenshaltungskosten in Ägypten sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen.
Die Arbeit mit den Erdbeeren sei hart, das ständige Bücken zum Beispiel. „Aber Gott gibt uns Kraft.“ Mit dem Geld, das sie und ihr Mann als Erntehelfer verdienen, möchten sie ihren beiden Töchtern eine gute Ausbildung finanzieren – damit die später mit einem anderen Beruf ihr Geld verdienen können.
Source: tagesschau.de