Bei seinem Werben um berühmte Wissenschaftler verfolgte Jeffrey Epstein mehrere Ziele. Auf einem Dinner in Harvard wetterte er einmal gegen die politische Unterstützung von Armen, er wollte nicht, dass sie die Welt weiter mit ihrem Erbgut verschmutzen. Der Evolutionspsychologe Stephen Pinker habe ihn darauf hingewiesen, dass Armut die Gebärfreudigkeit nicht senke, berichtet die „New York Times“, was Epstein sichtlich verärgert habe. Er habe sich gerade um eine Einladung auf Epsteins Insel geredet, habe ein Dinnergast Pinker bedeutet.
Andere waren auf der Insel gern gesehen, wie Marvin Minsky, einer der Begründer der KI-Forschung. Victoria Giuffre, die sich später umbrachte, musste ihn dort laut eidesstattlicher Aussage sexuell befriedigen. Minsky, der 2016 starb, hatte auch eine Idee zur Begrenzung der Überbevölkerung. Man könne die Menschheit in ein Computerprogramm hochladen, das sei billig und platzsparend. Epstein setzte seine diesbezüglichen Hoffnungen bekanntlich auf den Klimawandel.
Epstein waren seine eugenischen Phantasien ernst. Auf seiner Ranch in New Mexico wollte er dutzendweise Frauen schwängern, um den menschlichen Genpool zu verbessern. Manche Gäste vermuteten, die Diners könnten Rekrutiermessen für attraktive Wissenschaftlerinnen mit hochwertigem Erbgut gewesen sein. Bis heute ist aber unklar, wie weit das Züchtungsprojekt gedieh. Epstein war wie Minsky Transhumanist, er war besessen von der Idee, die Menschheit mit neuer Technologie zu veredeln.
Er förderte Wissenschaftler, die seine Mission mit ihrer Forschung voranbrachten, wie den Evolutionsbiologen Martin Nowak, dem er noch vor seiner Verurteilung ein Institut in Harvard finanzierte, oder den Genetiker George Church, der an der Vererbbarkeit manipulierten Erbguts und der Wiederbelebung des Wollhaarnashorns forscht. Mit Church hatte Epstein noch engen Kontakt, nachdem die Harvard-Leitung 2008 die finanzielle Verbindung zu dem verurteilten Sexualstraftäter abbrechen wollte. Die Epstein-Files dokumentieren, wie beide gemeinsam Firmen planten, als Epsteins Vergehen längst bekannt waren. Martin Nowak verschaffte Epstein sogar ein eigenes Büro auf dem Campus. Man sah ihn in Harvard oft mit jungen, schönen Frauen, die sich Notizen machten und von denen man nicht genau wusste, was sonst noch zu ihren Aufgaben gehörte.
Die neue Synthese der Dritten Kultur
Von der Eliteuniversität aus konnte Epstein sein Netzwerk erweitern. Seit seiner Verurteilung hatte der Kontakt zu Wissenschaftlern den Nebenzweck, seinen lädierten Ruf aufzupolieren. Die Hinweise auf die Straftat sollten im Google-Ranking nach hinten rutschen, was aber nicht wunschgemäß funktionierte. Den geförderten Wissenschaftlern schien das egal, solange das Geld kam. Epstein stellte keine Bedingungen. Manche hielten ihn für einen genialen Kopf, andere für einen intellektuellen Aufschneider. Der Physiker Lawrence Krauss suchte seinen Rat in einer Missbrauchsaffäre. Lawrence Summers, Ex-Harvard-Präsident und ehemaliger amerikanischer Finanzminister, wollte von ihm wissen, wie er sich in einer romantischen Affäre zu einer Protegé verhalten sollte. Krauss organisierte 2006 eine Konferenz auf den Jungferninseln, mit der Option zur Stippvisite auf die Privatinsel des Konferenz-Geldgebers Jeffrey Epstein.
Es fällt schwer, sich die Motive vorzustellen, die einen berühmten Wissenschaftler wie Stephen Hawking auf die Insel trieben, und es fällt schwer, sich vorzustellen, dass er nicht bemerkte, was dort vor sich ging. Epstein sammelte Wissenschaftler wie Trophäen. Der Mann, der sie mit ihm bekannt machte, war der Literaturagent John Brockman. Brockman, der aus der New Yorker Kunstszene kam, rief in den Neunzigerjahren auf der Plattform Edge die Dritte Kultur aus, eine neue Synthese von literarischer und wissenschaftlicher Intelligenz unter der Führung der Naturwissenschaften. Der zeitgemäße Intellektuelle war für Brockman nicht mehr der Schriftsteller oder Philosoph, sondern der Biologe, Physiker oder Informatiker.
Brockman machte Naturwissenschaftler wie Stephen Pinker, Richard Dawkins oder Jared Diamond zu Beststellerautoren. Auf Edge rief er die klügsten Köpfe jedes Jahr zur Diskussion einer großen Frage auf. Was ist ihre gefährlichste Idee? Was ist die Idee, die alles ändert? Die Beiträge kamen von berühmten Wissenschaftlern wie Daniel Kahnemann oder Daniel Dennett oder von Künstlern wie Marina Abramović, Brian Eno oder Ian McEwan. Die Diskussionen waren auf hohem Niveau und hatten oft einen szientistischen Einschlag. Brockman wollte Wissenschaftler, die die Welt nicht nur beschreiben, sondern gestalten.
Auf Milliardärsbanketten brachte er Wissenschaftler mit Hightech-Milliardären wie Elon Musk und Jeff Bezos an einen Tisch. Auch Epstein zählte zu den Gästen. Man teilte den libertären, disruptiven Geist und den Glauben, alle Menschheitsprobleme ließen sich durch neue Technologie lösen. Evgeny Morozov hat beschrieben, wie Brockman nach einem ganz auf die Wissenschaft ausgerichteten Dinner, das ihn gelangweilt hatte, im nächsten Jahr wieder auf das Motto „Geld, Sex und Macht“ umschwenkte. In dieser Atmosphäre verschwammen die Grenzen.
Die Wissenschaft als weltgestaltende Macht war auch Epsteins Devise. Nach dem Vorbild der Milliardärsbankette lud er Wissenschaftler in sein Appartement in Manhattan. Dort saßen sie neben jungen, hübschen Frauen, die Epstein den Nacken massierten, die Konversationsbahnen kreuzten sich nach Augenzeugenberichten nur selten. Das letzte Milliardärsdinner fand 2015 statt, nachdem Jeffrey Epstein sein finanzielles Engagement beendet hatte. Epstein war der Hauptfinanzier von Edge, im Ganzen soll er der Plattform mehr als 600.000 Euro überwiesen haben.
Mehr als zweitausend Nachrichten hat Brockman mit Epstein ausgetauscht, viele davon nach dessen Verurteilung. Brockman schrieb Wissenschaftler an, wenn Epstein sich mit ihnen zum Lunch treffen wollte. Manche lehnten ab, wie Evgeny Morozov. Andere freuten sich, wie David Gelernter, ein hochrangiger Computerwissenschaftler, Erfinder und Technikhumanist, der Epstein als „den witzigsten und klügsten Menschen“ empfand. In einer Nachricht kündigt sich Epstein mit dem Helikopter an, andere Wissenschaftler ließ er mit dem U-Boot auf seine Insel verfrachten. Offenbar machte das auch auf Wissenschaftler Eindruck, die in ihrem Fach schon alles erreicht hatten. Epstein beschaffte ihnen eine Aura von Weltläufigkeit, die sie selbst nicht erreichen konnten.
Sicher war Edge in all der Zeit mehr als ein Sammelbecken moralischer Bankrotteure. Viele Wissenschaftler, die dort diskutierten, haben von dem finanziellen Hintergrund der Plattform anders als Brockman wohl nichts gewusst. Manche fühlten sich von Epsteins Ansichten unangenehm berührt, grenzten sich aber nicht deutlich ab, wie der Harvard-Jurist Alan Dershowitz oder der deutsche KI-Forscher Joscha Bach, den Epstein besonders intensiv förderte. Es mag eine Schnittmenge zwischen Epsteins Transhumanismus und der szientifischen Weltanschauung gegeben haben, die Brockman populär machte und die Menschen als manipulierbares Material betrachtet. Am Ende ist es aber eine Frage der Moral.
Es bleibt die Frage, wie Universitäten mit Milliardenvermögen so leicht in die Abhängigkeit eines dubiosen Finanzinvestors geraten konnten. Am MIT Media Lab führte man den offiziell unerwünschten Epstein unter dem Namen „Lord Voldemort“. Solche Tricks erklären aber nur die wenigsten Fälle. Es ist jetzt die Zeit der Schadensabwicklung. In Harvard stellte Lawrence Summers seine Lehrtätigkeit reumütig ein. Auch andernorts gibt es Rücktritte und Suspendierungen. In den wenigsten Fällen geht es um strafrechtliche Ermittlungen. Es steht einem Wissenschaftler frei, sich mit einem verurteilten Sexualstraftäter zum Lunch zu treffen. Das Skandalöse ist, wie leicht es Epstein gelang, die höchsten Kreise der Wissenschaften für sich einzunehmen.
Auch David Gelernter wurde in Yale für die Zeit der Untersuchung von seinen Aufgaben entbunden. Im Unterschied zu den meisten anderen Wissenschaftlern will Gelernter, der wohl kein Geld von Epstein nahm, kein Büßerhemd tragen. Er hatte Epstein 2011 eine „blonde gut aussehende“ Frau für einen Sommerjob in dessen Privatbank empfohlen. „Sie war smart, charmant und wunderschön. Hätte ich das verschweigen sollen. Niemals!“, verteidigt sich der Professor. Wie jeder heterosexuelle Mann sei Epstein verrückt nach Frauen gewesen, der Hinweis auf ihre körperlichen Vorzüge habe die Chancen der potentiellen Bewerberin nur erhöht. Von seiner kriminellen Vorgeschichte, auf die Epstein ihn zuvor selbst hingewiesen hatte, will Gelernter nichts gewusst haben.
Source: faz.net