Fünf Frauen haben ein gemeinsames Interview gegeben und berichten von ihren dunkelsten Momenten auf der Ranch des Sexualstraftäters Epstein. Die Opfer glauben nicht, dass Epstein sich selbst das Leben genommen hat.
Mehrere Opfer des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein haben erstmals gemeinsam öffentlich über ihre Erfahrungen gesprochen – und schwere Vorwürfe gegen sein Umfeld erhoben. In einem Interview mit der BBC schilderten sie Missbrauch, Angst – und Zweifel an Epsteins Selbstmord. „Wir kannten ihn, wir kannten die Art von Person, die er war“, sagte Lisa Phillips. Sie glaube nicht, dass er sich selbst getötet habe. Auch die anderen Opfer äußerten ihren Unglauben.
Er starb 2019 in seiner Gefängniszelle, noch bevor es zu einer weiteren Verurteilung hätte kommen können – laut Obduktionsbericht beging er Suizid.
Phillips arbeitete als Fotomodel, als sie Epstein kennenlernte, und war auch auf dessen Ranch in New Mexico: „Ich erinnere mich, dass ich dachte: ‚Dieser Ort ist wirklich unheimlich‘.“ Sie schilderte zudem Epsteins Umgang mit Macht und Einfluss. Auf ihre Frage, warum er eine Freundin zu Sex mit Prinz Andrew (Andrew Mountbatten-Windsor) gedrängt habe, habe Epstein geantwortet: „Ich habe gern etwas gegen Leute in der Hand.“
Schon in einem Interview mit der „Taz“ hatte Philipps erzählt, dass man ihr gesagt habe: „Hör mal, wenn Jeffrey sagt, dass er von dir massiert werden will, dann musst du das machen.“ Phillips ist überzeugt, dass Angst Teil des Systems von Epstein war: „Er mochte die Angst in unseren Augen“, sagte sie nun der BBC. Und weiter: „Ich denke, er mochte es, dass wir erstarrt und verängstigt waren und nicht wussten, was wir tun sollten.“ Das habe ihn „erregt“.
Auch Chauntae Davies schilderte ihre Erlebnisse. Sie reiste mit Epstein, Ghislaine Maxwell, Kevin Spacey und Bill Clinton nach Afrika – angeblich, um Aids-Projekte zu besuchen. „Die eklektischste Gruppe von Menschen, die man zusammenstellen konnte“, erinnerte sie sich. Die Reise habe sich „fast wie ein Lager“ angefühlt – mit Snacks, Kartenspielen und Gesprächen. Zugleich sei sie überschattet gewesen: „Es war wirklich eine Reise, die man nur einmal im Leben macht, und leider wurde sie … durch das, was hinter verschlossenen Türen geschah, überschattet.“
Davies sagte, sie sei später auf Epsteins Privatinsel vergewaltigt worden. Über einen Zwischenstopp in Portugal berichtete sie, Clinton eine Massage gegeben zu haben. Er sei „bescheiden, freundlich und charismatisch“ gewesen. Dennoch habe sie ihm nichts von den Übergriffen erzählt: „Ich hätte mit niemandem darüber gesprochen.“ Rückblickend fragte sie: „Was hätte er schon wirklich getan? Hätte er es stoppen können? Ich schätze, wir werden es nie erfahren.“
Besonders belastend seien für sie die Erinnerungen an Epsteins Anwesen in New Mexico. „Dort fand die Mehrheit der Übergriffe statt“, sagte Davies. „Ich habe meine dunkelsten Erinnerungen von der Zorro Ranch.“ Die Atmosphäre beschrieb sie als „kalt, dunkel, unheimlich“. Sie habe sich „gefangen“ gefühlt.
Erstmals äußerte sich auch Joanna Harrison, deren Identität durch die Veröffentlichung der Epstein-Akten von US-Behörden bekannt wurde: „Es kommt an einen Punkt, an dem man erstickt wird und Luft holen muss, und ich habe das Gefühl, das ist mein Weg zu versuchen zu atmen.“ Sie habe das nie gewollt, sagte Harrison: „Es ist nicht normal, sechs Jahre lang jeden Tag das Gesicht seines Missbrauchstäters im Fernsehen zu sehen.“
Harrison berichtete, sie habe Epstein mit 18 Jahren kennengelernt. „Alles schien normal“, sagte sie. Doch dann sei die Situation eskaliert: „Als er begann zu masturbieren, erstarrte ich völlig.“ Auf der Heimfahrt habe sie kaum gesprochen: „Ich glaube nicht, dass ich … zwei Worte gesagt habe.“ Später sei sie von Epstein vergewaltigt worden. Heute zweifelt sie an Gerechtigkeit: „Ich habe Fragen, auf die ich nie eine Antwort bekommen werde.“
Auch die langfristigen Folgen des Missbrauchs sind für die Betroffenen bis heute spürbar. Wendy Pesante, die Epstein bereits mit 14 Jahren kennengelernt hatte, sagte: „Wenn man so etwas in so jungem Alter durchmacht, verzerrt es die eigene Realität für lange Zeit.“ Und weiter: „Man sollte mit 14 nicht die Denkweise einer Sexarbeiterin haben.“
Joanna Harrison blickte im Interview auf ein Foto ihres jüngeren Ichs zurück und zog ein bitteres Fazit: „Ich lächle nicht mehr auf die gleiche Weise.“
Und Lisa Phillips erkannte auf einem alten Bild sich selbst – aufgenommen vor Epsteins Insel. „Ich habe mein Leben genossen, und ich hatte keine Ahnung, was mir gleich passieren würde“, sagte sie. „So sah ich nicht aus, als ich die Insel verlassen habe.“
kami
Source: welt.de