Infolge der Causa Epstein bricht eine Welle unverhohlenen Antisemitismus auf Instagram los. Eine Untersuchung stellt fest, dass „Hitler-Verehrung“ ein Millionenpublikum finde. Der Skandal um den Missbrauchstäter Epstein könne eine Antisemitismus-Welle wie nach dem 7. Oktober auslösen.
Hans Landa, genannt „der Judenjäger“, zielt mit einer Pistole in die Kamera. „Es gibt nur einen Ermittler, der die Epstein Liste in weniger als einer Woche Hops nehmen könnte“, wird die Szene in einem Instagram-Video überschrieben. Landa ist ein fiktiver SS-Offizier aus dem Film „Inglourious Basterds“ des Regisseurs Quentin Tarantino, gespielt wird der Nazi von Christoph Waltz. Im besetzten Frankreich sucht Landa nach Juden, die sich vor der nationalsozialistischen Verfolgung verstecken. Landa will sie ermorden.
Das Video wurde von Instagram-Nutzer „ozzybossborn“ hochgeladen, ordnet den Skandal um sexuellen Missbrauch von Kindern und jungen Frauen allein Juden zu – und formuliert eine Vernichtungsfantasie. „Schade, dass er nur eine fiktive Figur war“, schreibt der Nutzer, der mit seinen mehr als 52.000 Followern sonst vor allem Fitness- oder Ernährungstipps teilt.
Offen ausgelebter Antisemitismus ist nach Veröffentlichung der sogenannten Epstein-Dokumente ein Massenphänomen in sozialen Medien. Dies zeigt eine Untersuchung des Recherche-Vereins Democ, die WELT vorliegt. Demnach folgte auf die Veröffentlichung der Ermittlungsunterlagen zum Epstein-Fall durch das US-Justizministerium ein Anstieg judenfeindlicher Inhalte, beispielsweise auf Instagram.
Die mehr als drei Millionen Seiten umfassenden Unterlagen, in denen zahlreiche Foto- und Videoaufnahmen enthalten sind, geben sowohl Einblick in das Missbrauchs-Netzwerk rund um den verurteilten und mittlerweile verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein als auch in dessen berufliche wie private Korrespondenz mit Geschäftspartnern und Bekannten. Zahlreiche Prominente tauchen in den Dokumenten auf, die nicht im Zusammenhang mit den Missbrauchsermittlungen stehen.
Dass Epstein Jude war, nehmen Antisemiten laut der Democ-Untersuchung zum Anlass, Judenhass offen zu zeigen. Demnach sind allein 55 ausgewählte Instagram-Reels, also Kurzvideos, mit explizit antisemitischer Deutung des Epstein-Skandals in den ersten zehn Tagen nach Veröffentlichung der Dokumente ganze 114,4 Millionen Mal angesehen worden. Die Untersuchung lief vom 30. Januar bis zu 9. Februar. Die betreffenden Videos hätten mehr als 6,7 Millionen Likes erhalten und seien mehr als 82.000 Mal kommentiert worden. Und dies sei lediglich ein beispielhafter Auszug.
„Auf Instagram erleben wir ein bisher ungeahntes, schier endloses Ausmaß an antisemitischen Videos zur Epstein-Affäre“, sagt Grischa Stanjek, Geschäftsführer von Democ, WELT. Es handele sich um ein internationales Phänomen, Videos und Zuspruch kämen unter anderem aus den USA, Pakistan, Spanien oder Deutschland. Stetig kämen neue Videos und Hasskommentare hinzu, teilweise mit unverhohlener Sympathie für NS-Diktator Adolf Hitler.
Die massive Verbreitung sei alarmierend. „Die Aufrufzahlen einzelner explizit antisemitischer Videos oder Hitler-Kommentare übersteigen die Reichweite großer Medienhäuser“, so Stanjek. „Der Epstein-Skandal könnte eine ähnliche Welle des Antisemitismus auslösen wie Corona oder der 7. Oktober.“ Hierbei werde ein reales Ereignis, an dem jüdische Einzelpersonen beteiligt sind, zu einer Verschwörungserzählung über vermeintliche jüdische Kontrolle oder Macht instrumentalisiert.
Offene Hitler-Glorifizierung
Die Beispiele im Bericht zeigen vielfältige Formen des Antisemitismus. In einem mehr als 17,8 Millionen Mal geklickten Video beispielsweise wird Epstein fälschlicherweise als Israeli bezeichnet – und dabei eine Verbindung und Relevanz zu seinen Taten suggeriert. Der Instagram-Nutzer „ian_byington“ durchsucht in einem mehr als eine Million Mal geklickten Video die Epstein-Unterlagen nach Suchbegriffen wie „Israel“ oder referiert über den vermeintlich überwältigenden Einfluss darin enthaltener jüdischer Persönlichkeiten. Er suggeriert zudem einen Zusammenhang zwischen Religionsritualen und der Opferung von Kindern. Schon im christlichen Antijudaismus wurde Juden in der sogenannten Ritualmord-Legende unterstellt, christliche Kinder für rituelle Zwecke zu töten.
Das Publikum greift die Anspielungen auf – und reagiert teilweise mit der Glorifizierung Hitlers. „Wenn der österreichische Maler gewonnen hätte, wären wir nicht in dieser Timeline“, schreibt ein User auf Englisch – und erhält dafür 127.772 Likes (Stand 15. Februar). Der Kommentar wird deshalb prominent angezeigt. Der am zweithäufigsten unterstützte, ebenfalls englischsprachige Kommentar ist noch expliziter: „Der Maler hatte mit allem recht“ – 30.190 Likes. Hitler strebte ursprünglich eine Laufbahn als Künstler an.
Hitler als „den Maler“ zu bezeichnen, dient laut Democ auch der Umgehung automatischer Filter- und Erkennungsprogramme der Netzwerkbetreiber. Andere Nutzer umgehen die direkte Verbreitung von Hakenkreuzen, indem sie diese aus anderen Symbolen zusammenfügen – sogenannte ASCII-Art. „Das ASCII-Art-Phänomen gibt es seit der Entstehung des Internets, eine technische Erkennung ist simpel einzurichten“, erklärt Stanjek. Doch die Plattformen schienen das technisch nicht umsetzen zu wollen.
Mordaufrufe nur marginal verschleiert
Mehrere Videos sind mit einer englischen Übersetzung einer Hitler-Rede unterlegt, wie die Democ-Recherche zeigt. In einem schnell geschnittenen Instagram-Reel des Nutzers „its_me_robiyed“ werden dazu Fotos von Epstein mit mutmaßlichen Kindern, jüdische Unternehmer sowie US-Präsident Donald Trump neben dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu oder an der Klagemauer in Jerusalem gezeigt – zudem wird schnell zwischen einem Davidstern und einem satanischen Symbol gewechselt. In den Kommentaren hierzu finden sich Hakenkreuz-Bilder oder marginal versteckte Mordaufrufe wie „Jill Kews“ – ein codiertes „Tötet Juden“.
In der Hitler-Rede von 1940 wird behauptet, dass das intellektuelle, ökonomische oder politische Leben durch eine „satanische Macht“ übernommen worden sei und die Nation kontrolliere – ein klassisch judenfeindlicher Verschwörungsmythos. Jenes Video wurde mehr als 28.000 Mal angeschaut; die Rede wurde laut Democ in den untersuchten zehn Tagen in mehr als 500 Videos verwendet und erreichte jeweils teilweise mehr als 300.000 Personen.
Democ sei in seiner Recherche mit der „Walk-through-Methode“ vorgegangen, erklärt Stanjek. Auf Instagram habe man sich Epstein-bezogene, antisemitische Inhalte angeschaut, sie angeklickt, mit ihnen interagiert. Anschließend sei immer mehr entsprechender Inhalt angezeigt worden. „Der Algorithmus nahm das Interesse an antisemitischen Interpretationen des Skandals wahr – und bedient es“, berichtet Stanjek. „Es wurde immer mehr: Epstein als Teufel, Hitler als Held.“
Der Democ-Geschäftsführer fordert ein entschiedeneres Vorgehen der Plattformen gegen antisemitische Inhalte – etwa durch Löschung. „Meta will mehr ‚freie Meinungsäußerung‘ zulassen und hat Moderatoren-Teams entlassen“, sagt Stanjek. „Doch die Angst vor Überregulierung darf nicht dazu führen, dass offener Judenhass und Hitler-Verehrung ein Millionenpublikum finden.“
Politikredakteur Kevin Culina berichtet für WELT über Gesundheitspolitik, die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht.
Source: welt.de