Entwicklung: 30 Jahre ist die extreme Armut gesunken – jetzt dreht sich jener Trend

Wenn man in den vergangen dreißig Jahren sehen wollte, dass die Welt immer besser wird, allen Meldungen von Krieg, Krisen und Katastrophen zum Trotz, dann genügte ein Blick auf die weltweiten Armutszahlen. Es gleicht einem Wunder, was in dieser in der Menschheitsgeschichte einmaligen Periode geschehen ist: Mehr als zwei Milliarden Menschen lebten zu Beginn der Neunzigerjahre noch in extremer Armut. Nach der Definition der Weltbank bedeutet das, dass sie mit weniger als drei Dollar am Tag auskommen müssen. Berücksichtigt sind dabei schon Inflation und Unterschiede in der Kaufkraft.

Heute gehören zu dieser Gruppe nur noch etwa 800 Millionen, also anderthalb Milliarden Menschen weniger als vor 35 Jahren. Und das, obwohl die Weltbevölkerung in dieser Zeit um drei Milliarden Menschen angewachsen ist. Für die ärmsten Menschen wurde die Welt wirklich jedes Jahr ein bisschen besser.

Doch der positive Trend nähert sich seinem Ende, wie der Ökonom Max Roser von der Universität Oxford auf Basis von Weltbank-Daten für die Plattform Our World in Data ausgewertet hat. Schon einmal, im ersten Jahr der Corona-Pandemie 2020, war die Zahl der extrem Armen auf der Welt wieder angestiegen. Dann setzte sich der Abwärtstrend fort. Doch die Weltbank prognostiziert, dass das Minimum schon im Jahr 2030 mit knapp unter 800 Millionen extrem armen Menschen erreicht sein wird. Dann steigt die Armut wieder an und könnte bis 2040 wieder über 900 Millionen liegen.

Erklären lässt sich diese traurige Nachricht mit einer geographischen Veränderung und mit der Weltlage.

Die größten Fortschritte in der Armutsbekämpfung hat in den vergangenen Jahrzehnten vor allem ein Land gemacht, die Volksrepublik China. Während in den Achtzigerjahren noch 84 Prozent der Chinesen in extremer Armut lebten, ist es heute so gut wie niemand mehr. Auch in Südasien, insbesondere in Indien, hat die extrem arme Bevölkerung stark abgenommen, sogar stärker als lange vermutet, wie eine Anpassung der Weltbank-Statistik vor Kurzem zeigte.

Süd- und Ostasien werden voraussichtlich auch weiter Fortschritte im Kampf gegen die Armut machen. Statt der heute noch knapp 100 Millionen ex­trem armen Menschen in diesen zwei Regionen werden bis 2040 nur noch knapp 30 Millionen zu dieser Kategorie zählen. Doch damit scheinen die Möglichkeiten in der Bekämpfung extremer Armut leider weitgehend ausgeschöpft. Statt in Ost- und Südasien leben die Ärmsten der Welt heute vor allem in einer Weltregion: in Afrika südlich der Sahara. Allein im bevölkerungsreichsten Land Afrikas, Nigeria, leben mehr als 117 Millionen Menschen unterhalb der Drei-Dollar-Grenze. In der Demokratischen Republik Kongo, dem Land mit der höchsten Armutsquote der Welt, sind es 89 Millionen. Von den 20 Ländern mit den meisten extrem armen Menschen liegen 16 in Subsahara-Afrika, ein weiteres, der Sudan, in Nordafrika.

Das Problem: Für eine Bekämpfung der Armut braucht es nachhaltiges Wirtschaftswachstum. So haben China und Indien weite Teile ihrer Bevölkerung aus der Armut geholt, so müsste es auch in Afrika sein. Doch die Wachstumsraten dort waren zuletzt enttäuschend. Nigerias Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum lag im vergangenen Jahr bei für ein Entwicklungsland vergleichsweise schwachen 1,3 Prozent. In Mosambik und Südafrika schrumpfte die Wirtschaftsleistung pro Kopf sogar, im Sudan fiel sie wegen des Bürgerkriegs ins Bodenlose. Selbst Äthiopien, lange Zeit eines der afrikanischen Länder mit den höchsten Wachstumsraten, steckt derzeit in der Krise. Dürren, Hungersnot und Krieg haben dem Land zugesetzt, die Armutsrate dort sei zuletzt stark gestiegen, vermutet die Weltbank.

Die Konflikte in der Region schaden den Ländern auch wirtschaftlich. Die ex­treme Armut, so formuliert es die Weltbank, ist heute „konzentriert an Orten, die von Konflikten und Fragilität betroffen sind“. Von einer „Polykrise“ spricht die Organisation, die die ärmsten Länder schwer treffe: Hohe Verschuldung, Instabilität und die Folgen des Klimawandels erschweren das Wirtschaftswachstum.

Gleichzeitig wächst die Bevölkerung in den Ländern mit den vielen armen Menschen weiter auf hohem Niveau – während in den meisten anderen Weltregionen die Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten aufgrund niedriger Geburtenraten schrumpfen wird. Pakistan, das Land mit den meisten extrem armen Menschen außerhalb Afrikas, wird bis 2050 um 120 Millionen Menschen wachsen, Nigeria um knapp 130 Millionen, Äthiopien um fast 100 Millionen, der Kongo um 110 Millionen. Nicht alle diese Menschen werden in extremer Armut leben, aber das lahmende Wirtschaftswachstum bedeutet, dass auch die Zahl der Ärmsten zunimmt.

Pessimistisch stimmen müssen auch die von Donald Trump begonnenen Handelskonflikte. Exporte haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, das Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern zu stärken und so Menschen aus der Armut herauszuholen. Das könnte in Zukunft schwieriger werden, wenn der regelbasierte Handel der Macht des Stärkeren weicht. Gerade die ärmsten Länder der Erde haben gegenüber Amerika oder China nur sehr wenig Verhandlungsmacht.

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