Engpass an Halbleitern: Nexperia setzt die Lieferungen an eigenes Chinawerk aus

Die Turbulenzen um den Chiplieferanten Nexperia erreichen eine neue Stufe. Wie das Unternehmen am Freitag bestätigte, hat es die Lieferung von Vorprodukten an sein chinesisches Werk ausgesetzt. Darüber informierte das niederländische Unternehmen in einem Brief an Kunden, der vom kommissarischen Unternehmenschef Stefan Tilger unterzeichnet ist.

Es geht um Wafer, also bratpfannengroße Siliziumscheiben, welche als Grundplatte für Zehntausende bis Hunderttausende Chips dienen. Das europäische Hauptwerk in Hamburg stellt diese Scheiben her, lässt sie aber anderswo weiterverarbeiten, und zwar großenteils im chinesischen Dongguan. Dieses Werk zerschneidet die Wafer mit Diamantwerkzeugen, verklebt die einzelnen Chips je nach Anwendung in bestimmten Kombinationen zu einer Struktur und kapselt sie in Miniaturgehäuse ein.

Den Transport nach China hat Nexperia nun eingestellt, und zwar schon vor einigen Tagen – womit die Lieferkette auch in dieser Richtung zerrissen ist. Zuvor hatte China ein Exportverbot dort gefertigter Endprodukte verhängt, als Vergeltung auf Schritte der niederländischen Regierung gegen den Nexperia-Eigentümer Zhang Xuezheng und seine Gesellschaft Wingtech.

Industrieunternehmen bangen um ihre Produktion

Nexperia begründete seine Entscheidung damit, dass sich „das örtliche Management nicht an seine Zahlungsverpflichtungen gehalten hat“. Wenn es diese Verpflichtungen wieder erfülle, würden die Lieferungen wieder aufgenommen. Um die Versorgung der Kunden sicherzustellen, arbeite man an alternativen Lösungen.

Industrieunternehmen bangen um ihre Produktion; extrem betroffen ist die Autobranche. In einem Auto stecken bis zu 500 Nexperia-Chips, verglichen mit typischerweise acht in einem Mobiltelefon. Grob die Hälfte des Geschäfts erzielt Nexperia mit der Autoindustrie.

Kurzarbeit könnte nun anstehen. Als erstes prominentes Beispiel galt das Bosch-Werk in Salzgitter, das Steuergeräte für Antriebstechnik herstellt. Tausend Mitarbeiter wären nach früheren Angaben betroffen, wenn keine Chips mehr geliefert würden. Der Autozulieferer ZF bereitet wegen der Probleme mit Nexperia Kurzarbeit an einzelnen Standorten vor und hat die Arbeitsagentur präventiv informiert. Entsprechende Informationen der F.A.Z. bestätigte ein Sprecher: „Das Unternehmen hat das als Instrument parat und an einzelnen Standorten vorsorglich angemeldet.“

Zur möglichen Zahl der Betroffenen sagte er nichts, außer dass sie im Moment „noch überschaubar“ sei. Der Sprecher wies gleichzeitig Meldungen zurück, wonach Schichten in Schweinfurt wegen des Nexperia-Problems zurückgefahren würden. „Geänderte Schichtpläne in Schweinfurt haben aktuell nichts mit der Chipmangellage zu tun, sondern mit schwankender Kundennachfrage.“

Der Streit um Nexperia begann in seinem jetzigen Ausmaß vor einem Monat, als das Wirtschaftsministerium in Den Haag sich über ein Notgesetz Vetorechte in dem Unternehmen mit Sitz in Nijmegen gab. Es sah Anzeichen für einen Coup des Mehrheitseigners und Vorstandschefs Zhang, in dem Expertise und Produktion nach China abgeflossen wären. Dies spielt sich vor dem geopolitischen Hintergrund ab, dass die USA chinesische Unternehmen zunehmend mit Restriktionen belegen: Das traf Ende 2024 Wingtech und Ende September auch Nexperia als mehrheitliche Wingtech-Beteiligung.

Diese Woche einigten sich die Vereinigten Staaten und China auf eine Deeskalation ihres Handelskonflikts. Dabei setzen die USA nun für ein Jahr die gerade erst verhängten Sanktionen auf mehrheitlich chinesisch kontrollierte Tochtergesellschaften aus.

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