Energiepreise: Vom Iran-Schock zum Energiewende-Motor?

Stand: 13.03.2026 • 13:37 Uhr

Steigende Öl- und Gaspreise, teure Tank- und Heizkosten: Für viele Menschen sind das erst mal schlechte Nachrichten. Doch Energiekrisen können auch ein Push sein, wie Forschende berichten.

Von Janina Schreiber, SWR, und Kristin Kielon, MDR

Wenn Tanken plötzlich wieder teurer wird, ist das für Volker Quaschning wie ein Déjà-vu: „Das heißt, egal, was auf der Welt passiert, irgendwo eine Krise und – schwupps! – explodieren die Öl- und Gaspreise.“ Der Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin erinnert sich an die Folgen des russischen Angriffskrieges vor vier Jahren.

Ölpreis erstmals über 100-Dollar-Marke

Nun ist es der Krieg im Iran, der insbesondere den Ölpreis sprunghaft hat ansteigen lassen. Anfang der Woche kletterte er erstmals seit Beginn des Einmarschs Russlands in die Ukraine über die Marke von 100 Dollar, zeitweise waren es sogar 111 Dollar. Europa besitzt laut Quaschning knapp zwei Prozent der weltweiten Öl- und Gasvorkommen, sei also von Importen abhängig – und dadurch verwundbar.

Doch er sagt gegenüber der ARD-Klimaredaktion: „Die Krise an sich kann ein Push sein.“ Auch die Energiekrise in Folge des russischen Angriffskrieges habe ausgelöst, dass die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen und Wärmepumpen sehr stark nach oben geschossen ist.

Nachfrage nach erneuerbaren Energien

Tatsächlich hat es nicht lange gedauert, bis analog zum Ölpreis die Nachfrage nach erneuerbaren Technologien in Deutschland sprunghaft angestiegen ist. Das Energieberatungszentrum Stuttgart gibt an, dass die Nachfrage nach Energieberatungen stark angestiegen sei seit dem Angriff auf Iran.

Auf einer Informationsveranstaltung der Energieberatung erklärt Wärmepumpen-Interessent Joachim Föhringer seine Motivation zu wechseln: „Wir sind der Sklave irgendwelcher korrupter Ölstaaten.“ Und auch der größte deutsche Anbieter von Energieberatungen, die Deutsche Sanierungsberatung, berichtet Ähnliches: „Im März rechnen wir damit, 50 Prozent mehr Energieberatungen zu verkaufen als noch im Januar oder Februar.“

Verstärkte Wärmepumpen-Nachfrage erwartet

Selbst mit den geplanten Änderungen für ein Gebäudemodernisierungsgesetz, das weiterhin den Einbau von Öl und Gasheizungen erlauben würde, kann laut Energie-Experte Quaschning jeder selbst aktiv werden. Denn: Die Wärmepumpe ist nicht verboten. Auch die Förderung bleibt. Sybille Braungardt vom Öko-Institut ist Expertin für die Wärmewende und hält das für sinnvoll: „Die Wärmepumpe nutzt den Strom, nutzt aber auch Umweltwärme und ist deshalb eine sehr effiziente Technologie.“

Für jede Kilowattstunde Strom, die reingeht, komme eine Wärme von mindestens drei Kilowattstunden raus. Wenn die Wärmepumpe dann noch mit erneuerbarem Strom läuft, sei das optimal. Martin Sabel, Geschäftsführer beim Bundesverband Wärmepumpe, erwartet auch, dass sich eine gestiegene Nachfrage bald in den Zahlen zeigt: „Das Interesse ist insgesamt sehr hoch und der Ukraine-Krieg hat gezeigt, dass solche Krisensituationen und solche Unsicherheiten dann auch zu einer verstärkten Nachfrage führen.“

Ansturm bei Solaranbietern

Bei Solaranbietern ist das Bild noch deutlicher, wie E.ON-Geschäftsführer Filip Thon sagt: „Die Nachfrage hat sich im Vergleich zu den letzten Monaten fast verdoppelt.“ Auch andere große Solaranbieter berichten von einem regelrechten Ansturm.

Janik Nolden verkauft mit seinem Unternehmen Solarhandel24 unter anderem Balkonkraftwerke und große Photovoltaikanlagen für Privatdächer. Für ihn waren es ertragreiche Tage: „Das ist, als hätte jemand den Schalter übers Wochenende umgelegt, und die Verunsicherung ist in extremen Tatendrang umgeschwenkt.“ Allein in der letzten Woche habe er 50.000 Solarmodule verkauft und einen achtstelligen Umsatz damit erzielt. Dazu: 1.500 telefonische Beratungen pro Tag, eine Verdreifachung.

Forschung: Energiesystem mit EEs

Dieser Push der Energiewende lässt sich historisch anhand von früheren Energiekrisen belegen. Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) verweist etwa auf die Ölkrise in den 1970er-Jahren: „Es gibt einen Lerneffekt durch die Krisen, und der kann jetzt auch einen Turbo bekommen.“ In vielen Ländern seien im Zuge dessen Energieeffizienzprogramme gestartet, die Gebäude seien besser gedämmt, alternative Technologien stärker gefördert worden.

Auch eine aktuelle Studie der New Economics Foundation kommt zum Schluss, dass gezielte Investitionen in erneuerbare Energien, den öffentlichen Nahverkehr und Anpassung an extremes Wetter die Wirtschaft eines Landes langfristig stärker und widerstandsfähiger macht. Auch Forschungen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme belegen, dass erneuerbare Energien langfristig effizient sind.

Mehr Investitionssicherheit

Doch damit der Hype nicht wieder verpufft, fordern Fachleute politische Rahmenbedingungen. Die Menschen seien schon dabei, die Energiewende umzusetzen. Der Weg sei also der richtige. Doch Volker Quaschning von der HTW Berlin sagt auch: „Mit dem aktuellen Tempo brauchen wir weit über 50 Jahre, um wirklich am Ende komplett klimaneutral und unabhängig von Öl, Kohle und Gas zu sein.“ Die Politik müsse die Energiekrise jetzt nutzen, um Tempo in die Energiewende zu bringen. Deshalb fordert auch DIW-Expertin Kemfert: „Wir brauchen da klare Regeln, um Investitionssicherheit zu gewährleisten.“

Hohe Kosten der Energiewende

Beide halten die politischen Diskussionen über vermeintlich hohe Kosten der Energiewende für unangebracht. Das Stromnetz müsse zwar dringend ausgebaut werden. Aber die Netzkosten seien auch wegen Faktoren hoch, die leicht zu verändern seien.

Beispiel: Deutschland hat derzeit eine gemeinsame Strompreiszone. Das heißt: Strom wird im ganzen Land zum gleichen Preis gehandelt. Wie Energieexperte Quaschning erklärt, kann deshalb zum Beispiel ein Stromhändler in München Windstrom aus Flensburg kaufen, auch wenn die Leitungen in dem Moment gar nicht genug Strom transportieren können.

Dann müssen Netzbetreiber eingreifen. Dieses Eingreifen ins Stromsystem nennt man Redispatch – und es verursacht Kosten. Quaschning plädiert deshalb dafür, Deutschland in mehrere Strompreiszonen aufzuteilen. Dann würde Strom dort günstiger, wo besonders viel erneuerbare Energie produziert wird, und teurer, wo sie knapp ist. Studien zeigen: Das könnte helfen, Netzengpässe zu reduzieren und das Stromsystem effizienter zu machen.

Geld für Investitionen sei da, nur falsch priorisiert

Die Energiewende brauche Investitionen. Das Geld dafür sei grundsätzlich da, es werde derzeit nur falsch priorisiert, sagt Quaschning: „Wir ballern jedes Jahr 80 bis 100 Milliarden Euro für Öl, Kohle und Gas raus. Seit dem Jahr 1990 haben wir zwei Billionen Euro ausgegeben. Man muss ja nur in die Golfstaaten gucken, die schönen Hochhäuser, die dicken Autos: Die kommen ja nicht von ungefähr, die sind von uns bezahlt.“ Da sei es wesentlich sinnvoller, das Geld in Deutschland zu investieren.

Source: tagesschau.de