Mit der OAZ liegt eine neue ostdeutsche Zeitung am Kiosk – und sorgt für Gesprächsstoff. Zwischen Freiheitsrhetorik, AfD-Porträt und Opel-Pathos stellen sich Fragen nach Anspruch und Richtung. Dazu: KI und A8
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herzlich willkommen zu Endlich Freitag! Ich bin Michael Angele, leite das Debatten-Ressort beim Freitag und schreibe die Freitagsausgabe dieses Newsletters.
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Nun ist die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung also am Kiosk. In der Berliner Journalistenblase wurde das Ereignis gespannt erwartet. Auch wir fieberten ihm entgegen. Der Chefredakteur der OAZ ist unser ehemaliger Kollege Dorianz Baganz. Für die OAZ hat Baganz den von der EU sanktionierten Schweizer Offizier a.D. Jacques Baud interviewt. Ein kleiner Scoop. Dafür hätte er nicht zur OAZ wechseln müssen. Das hätte er doch locker auch bei uns machen können!
Etwas schwieriger wäre es vermutlich gewesen, das Porträt von Tino Chrupalla bei uns zu drucken. Es will verstehen, wie der AfD-Bundessprecher in seinem Habitat Weißwasser tickt, nicht ihn kritisieren. Weitere erste Eindrücke, unsortiert: Ein bisschen Neues Deutschland-Flair versprüht das Interview mit dem Opel-CEO Daniel Cremer: „Eisenach ist eine stolze Automobilstadt“.
Titelthema der ersten Ausgabe ist die Freiheit, natürlich. Denn vielen Menschen, die sich laut Umfragen nicht mehr trauen, ihre Meinung zu sagen, will die OAZ Mund und Augen öffnen. Mal schauen. Es ist tatsächlich eine sehr ostdeutsche Zeitung geworden, die wie in einer Matrjoschka auch noch ein eigenes Buch Ostdeutschland hat, in dem dann Michael Kretschmer interviewt wird. Eigentlich gibt es nur ein Element, das aus dem Osten herausweist. Das ist der Abdruck des Fernsehprogramms der (viel gehassten) öffentlich-rechtlichen Sender. Hat beinahe was Subversives.
Hier erstmal soviel. Später mehr.
Ohne die Zeitung schon zu kennen, hat der Ostberliner Journalist und Medientheoretiker Holger Kuttner bei uns schon mal seine Grundsympathie für das Projekt von Holger Friedrich aufgeschrieben.
1. Heute wichtig
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2. Made My Day
➜ Zeitungstag. Habe nicht nur die OAZ besorgt, sondern gleich noch die Bild-Zeitung. Seit ewigen Zeiten nicht mehr in der Hand gehalten. Was für ein Retro-Gefühl, am liebsten hätte ich zur Zigarette gegriffen. Wollte natürlich wissen, wie sich Harald Martenstein schlägt. Sein täglicher Brief ist an Thorsten Schlief gerichtet, den bekannten Jugendrichter, der unser Justizsystem vor die Hunde gehen sieht. Das sind Kassandrarufe ganz nach dem Gusto von Martenstein. Da muss die schräge Poesie seines Vorgängers Franz Josef Wagner auf der Strecke bleiben. Blättere weiter zu den Kaufland-Angeboten. Schlemmer-Filet à la Bordelaise statt 4,49 nur 2,49. Made my day!
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3. Kultur-Tipp
➜ Gut zu lesen: Der britische Schriftsteller Julian Barnes begleitet mich seit langer Zeit. Wie ich wird er immer älter und nichts hilft dagegen. Barnes ist jüngst achtzig Jahre alt geworden und leidet unter einer seltenen, wenngleich nicht unbedingt tödlichen Form von Blutkrebs. Darüber, unter anderem, schreibt er in seinem neuesten Buch, das zugleich sein letztes sein wird, „Abschied(e)“. Es geht um das große Abschiednehmen, aber in einem völlig unsentimentalen, sein eigenes Leben nicht zu wichtig nehmenden und gerade deshalb berührenden Ton. Nach 256 Seiten vergießt man dann schon mal eine Träne.
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4. Lese-Empfehlung
➜ Künstliche Intelligenz: Die KI kommt in unsere Leben nicht mit einem großen Knall, sondern unterschwellig, nimmt uns immer mehr in den Griff. Sie verhält sich ein wenig wie die Pest in Albert Camus’ gleichnamigem Roman, sagt unser Autor Stephan Weichert. Für Weichert liegt das größte Risiko nicht in einer vermeintlichen Superintelligenz, sondern in der Delegation von Verantwortung und Urteilskraft an die Maschine.
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Es beginnt nicht mit einem lauten Urknall im Medienlabor. Auch nicht mit einem Aufstand der Anständigen. Sondern mit Kleinigkeiten, die man für nebensächlich hält. Zuerst ein paar tote Ratten in den Straßen von Oran. Dann Verdrängung, Bürokratie, Beschwichtigung: Die Pest kommt in Albert Camus’ Roman nicht spektakulär, sondern schleichend daher. Camus zeigt, wie Gesellschaften Wendepunkte zu spät erkennen – und wie rasch der Ausnahmezustand zur neuen Normalität wird: eine scharfe Kritik an politischer und gesellschaftlicher Trägheit.
Heute sind es putzige Tools, die Texte aufpolieren. Autokorrekturen, Übersetzungen, Empfehlungssysteme, kleine Effizienzgewinne. Software, die Bilder und Stimmen generiert. Ein „Companion“, der berät. Ein „KI-Agent“, der Entscheidungen „unterstützt“ – inzwischen Reisen bucht, Hundefutter bestellt oder Social-Media-Postings publiziert. Kontrollierbar, harmlos, bequem. Nichts, was uns Sorgen macht. Nichts, was man nicht auch morgen regeln könnte.
Was halten Sie von der „OAZ“? Schreiben Sie mir gerne.
Viele Grüße,
Ihr Michael Angele
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