Endlich Freitag: Wolfram Weimers Buchladen, Rosa Luxemburg, Feminismus

Hallo,

tja, was tun, wenn der Staatsminister für Kultur ein paar Buchläden von einer Preisliste streicht? Wir dachten uns: Einfach mal hingehen und gucken. Ist da was Verdächtiges? Ich habe den Buchladen „Zur Schwankenden Weltkugel“ in Prenzlauer Berg besucht. Und begegnete dort überrumpelten Inhaberinnen, bunten Schals, Büchern über Kapitalismus und DDR-Literatur. Ganz schön extrem, oder? Ich kam auch mit Leuten ins Gespräch – somewheres und anywheres – die sich mit dem Laden solidarisieren wollten.

Mit der Frage, wie rechtmäßig Weimers politische Einmischung ist und welcher Druck (von rechts) dahinterstecken könnte, beschäftigen sich im Freitag ein Richter und ein Verleger. Und meine Kollegin Barbara Schweizerhof resümiert Weimers Auftreten bei der Berlinale, seine Parteilichkeit in der Kultur und sein Gut-Böse-Schema.

Mein Opa hat früher Diskussionen mit meinen Eltern über SED-Beschlüsse oft mit der Frage beendet: „Bist Du nun für den Frieden, oder nicht?“ Auch heute kommen Widersprüche und Zwischentöne immer seltener vor.

Womöglich hat es damit zu tun, dass Räume verschwinden, in denen man zusammenkommen, trinken, Musik hören, debattieren kann. Wie der legendäre Club Voltaire in Frankfurt, der vor der Schließung steht. Das Gebäude soll verkauft werden, schreibt Stephan Hebel im Freitag. An der Wand in der Kulturkneipe hängt ein Plakat mit einem Voltaire-Zitat: „Ich bin zwar nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Äußersten kämpfen, dass Sie es sagen dürfen.“

Und Weimer, hast Du Deinen Voltaire gelesen?

Zum Ortsbesuch in der „Schwankenden Weltkugel“

1. Heute wichtig

2. Made My Day

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Der Bambus lebt: Grüner wird’s nicht, diesen Spruch machte Fußballlegende Günter Netzer mal in einer Werbe-Kampagne aus dem Jahr 2000, aber er wird bis heute zitiert, zu allen möglichen Anlässen (Stichwort: Ampel). Als ich heute Morgen auf den Balkon ging und meinen Bambus betrachtet habe, der Monate mit einer Plane überzogen im Frost stand, da konnte ich es nicht fassen: Manche Blätter sind noch grün! Die Pflanze hatte den Winter überlebt. Ich hatte noch nie einen grünen Daumen, und es kommt mir vor wie ein Wunder.

Mein Kollege Benjamin Knödler hat hier neulich über Aperitivo-Kultur geschrieben und auch ich kann es kaum erwarten, am frühen Abend auf den Balkon zu gehen, mit Antipasti, Prosecco und Blick auf den Fernsehturm. Aber erstmal muss ich ja noch die leeren Blumenkästen bepflanzen. Sie halten dann hoffentlich bis Juni.

3. Kultur-Tipp

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➜ Gut zu sehen: Als wir hier im Ressort kürzlich über Hannah Arendt redeten, da fragten wir uns, welche Filme es eigentlich über sie gibt. Und sofort fiel der Name: Barbara Sukowa. Die Schauspielerin verkörperte mehrere historische Frauenfiguren. Aber eine werde ich nie vergessen: Rosa Luxemburg. Ich weiß noch, wie ich als junges Mädchen in Tränen aufgelöst war, so sehr hat sie mich berührt. Der Film von Margarethe von Trotta (hier ➜gibt es den Film in voller Länge) lief 1986 auch in der DDR. Luxemburg wird darin nicht nur als heroische Kämpferin, sondern auch als Frau gezeigt, die liebt und deren große Liebe kaputtgeht. Sie zerbricht fast daran.

Sukowa spielte nicht, sie war Rosa. Im Porträt auf 3Sat kommen auch ihre anderen Rollen vor: die Lola bei Fassbinder, die Frage, ob es moralisch verwerflich ist, Aufstieg und Luxus zu wollen in politisch aufgeladenen Zeiten. Sukowa sagt, diese Frage stelle sich auch heute – kümmert man sich nur um seine Privatsachen oder engagiert man sich in der Gesellschaft? Sie erzählt davon, wie groß ihr Respekt vor der Figur Hannah Arendt war, der großen Denkerin. Dass sie sich diese Rolle erst nicht zugetraut hat. Und dann monatelang Arendts gebrochenes Deutsch lernen musste, ihren Gang. Sukowa wirkt angenehm geerdet, ohne Star-Allüren. Ich möchte jetzt alle ihre Filme sehen.

Zum Porträt

4. Lese-Empfehlung

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➜ Westpflanze Alice Schwarzer sieht die Ostfrauen nicht: Meine Kollegin Ulrike Baureithel widmete sich aus Anlass des Frauentags dem Stand der Dinge und kritisiert Alice Schwarzers neues Häppchen-Buch zum Feminismus. Dort und in Interviews werde von der „Westpflanze Schwarzer“ das schwierige Verhältnis der ost- und westdeutschen Frauenbewegung mit keinem Wort erwähnt.

„Noch vor der Wiedervereinigung zeichnete sich ab, dass das, was heute als frauenpolitische Errungenschaften der DDR anerkannt wird, im Einheitsstrudel weggespült würde“, schreibt Ulrike, die selbst aus der westdeutschen Frauenbewegung kommt und noch genau weiß, wie bei der Gründung des Freitag Anfang der Neunziger beide Seiten aneinandergeraten sind. Ostfrauen mochten das Westwort „Feminismus“ nicht, und was erkämpft werden sollte, das lebten sie schon.

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Alle Jahre wieder: Frauentag am 8. März, der in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin mittlerweile Feiertag ist. Leider ein Sonntag. Zehn Tage zuvor hatte der Bundestag immerhin eine halbe Stunde angesetzt für das Thema Schwangerschaftsabbruch und reproduktive Rechte von Frauen, von Grünen und Linkspartei eingebracht. Ältere werden sich die Augen reiben: Hä? Immer noch der Paragraf 218 auf der Agenda?

Dieses seit 150 Jahren strafrechtsbewehrte Abtreibungsverbot, nur abgemildert durch beratungsbegleitete Ausnahmeregelungen. Und auch die stehen zur Disposition, denn es gibt immer weniger Beratungseinrichtungen und Krankenhäuser, die Abbrüche vornehmen. Der Paragraf 218 ist die Keule gegen Frauen, die kein Kind wollen, während queere Paare um Adoption kämpfen müssen oder Menschen mit Behinderung um das Recht auf ein Kind.

➜ zum ganzen Text

Das war’s von mir für heute, die Woche schwankt so langsam Richtung Ende. Gehen Sie doch mal zum Buchladen Ihres Vertrauens. Und dann mit einem Drink auf den Balkon!

Viele Grüße,

Ihre

Maxi Leinkauf

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