Wer wird bei den Oscars am Sonntag wohl als Verlierer dastehen? Volker Koepp bringt einen neuen Film ins Kino; Richard Linklater zeigt in „Nouvelle Vague“ den jungen Jean-Luc Godard bei der Arbeit: der „Freitag“-Blick auf den Tag
Hallo,
es ist selbst schon ein Klischee: sich für das Interesse an den Oscars zu entschuldigen, während rundherum Wichtigeres passiert. Die deutschen Feuilletons streiten weiter über Kulturstaatsminister Weimer – mein Kollege Philipp Haibach fasst hier noch mal die Lage vor der Buchmesse in Leipzig zusammen.
Bis Montagfrüh, wenn nach unserer Zeit feststeht, wer nun die letzte Goldstatuette in den Händen hält, gilt meine Aufmerksamkeit aber dem eitlen Getue in Hollywood. Die Anzahl der Filme, die für Preise in Frage kommen, ist in diesem Jahr leider sehr klein, dafür ist das Rennen selbst spannend wie selten: Die Experten können sich zwischen Sinners und One Battle After Another kaum entscheiden. Im Lager von Sinners darf man wohl Slavoj Žižek vermuten, der in unserer aktuellen Ausgabe eine seiner furiosen Interpretationen liefert.
So viel Spaß das Mitfiebern auch macht, versuche ich jedes Jahr mich auch schon auf mögliche Enttäuschungen einzustellen. Dass Timothée Chalamet wahrscheinlich wieder leer ausgehen wird zum Beispiel, weil es Männer unter 30 bei den Oscars immer schon schwer hatten. Ein paar dieser „Verliererregeln“ habe ich hier aufgeschrieben – natürlich in der Hoffnung, dass es dieses Jahr mal ganz anders kommt.
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1. Heute wichtig
2. Made My Day
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➜ Land und Leute: Als ich Herrn Zwilling wiedersah, ging mir das Herz auf. Zum einen aus Nostalgie, weil ich mich an das ferne Jahr 1999 erinnerte, als Volker Koepps herrlich lakonischer Herr Zwilling und Frau Zuckermannein Publikumshit wurde und die Feuilletons sich über die Popularität eines spröden Dokumentarfilms wunderten. Zum anderen, weil mir die Kluft zwischen den Hoffnungen damals und den Zuständen heute schmerzhaft deutlich wurde.
Genau davon handelt Koepps neuer Film, Chronos, in dem er altes Material mit neuen Erkundungen nicht nur der Bukowina zusammenschneidet, sondern des ganzen „Sarmatien“, wie er den zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, Weichsel und Wolga gelegenen Landstrich nennt, der zugleich so etwas wie seine Seelenlandschaft ist.
Die drei Stunden und zwanzig Minuten vergehen fast zu schnell, so bereichernd ist dieses Eintauchen in die Gegend mit ihrer reichen, aber auch bedrückenden Geschichte und in Koepps Lebenswerk, der seit bald 60 Jahren darüber Filme macht. Chronos startet heute in ausgewählten Kinos; eine Liste mit Daten, wann und wo Koepp selbst anwesend sein wird, finden Sie hier.
3. Kultur-Tipp
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➜ Gut zu sehen:
Wie sich Monty Python die „Nouvelle Vague“ so vorstellten, zeigten sie in ihrem French Subtitled Film genannten Sketch von 1970: Aufgenommen von einer wackligen Kamera flaniert da ein Mann mit Sonnenbrille, Zigarette und weißer Hose vor einer Müllhalde herum und belästigt in geradebrechtem Französisch eine Blondine.
In manchen Momenten erinnert Richard Linklaters neuer Film Nouvelle Vague an solche Parodien, schreibt unsere Autorin Jenni Zylka in ihrer Kritik. Was in keiner Weise gegen Linklaters Unterfangen spricht, mit lauter jungen französischen Darstellern nachzustellen, in welch inspiriertem Angeber-Gestus Jean-Luc Godard seinen Klassiker Außer Atem drehte.
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4. Lese-Empfehlung
➜ Mehr als nur Biopic auf der Theaterbühne Unser Autor Ralf Krämer war in Meiningen, wo das Stück Biermann – Drachentöter uraufgeführt wurde. Der „Deutschlandabend mit Liedern und Texten von Wolf Biermann“ ist in seiner Beschreibung nicht nur Hommage, sondern macht auf widersprüchliche Aspekte der deutsch-deutschen Geschichte aufmerksam.
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Es beginnt damit, dass Wolf Biermann die Zunge rausstreckt. Das ikonische Schwarz-Weiß-Foto vom legendären Kölner Konzert am 13. November 1976 zeigt den Liedermacher im Halbprofil. Riesengroß prangt er auf dem Vorhang des Meininger Staatstheaters und schaut auf das eintretende Publikum herab. Als das Saallicht erlischt, bilden schattenhafte Gestalten am Bühnenrand mit Papp-Elementen die Fratze eines fauchenden Drachen.
Damit ist das Thema des Abends gesetzt. Biermann – Drachentöter ist ein gut dreistündiger Ritt durch Wolf Biermanns bewegtes Leben, eine turbulent verspielte, aber auch immer wieder todernste Mischung aus Dokumentartheater und Revue.
Der Titel geht auf eine Inszenierung von Jewgeni Schwarz’ Stück Der Drachezurück, zu dem der junge Biermann 1965 einige Lieder beisteuern sollte. Aufgrund des im selben Jahr verhängten Auftrittsverbots in der DDR, feierten sie erst sechs Jahre später im Stück Der Dra-Dra an den Münchener Kammerspielen Premiere.
Das Meininger-Stück folgt in größten Teilen seiner Autobiografie Warte nicht auf bessre Zeiten! von 2017. Darin ließ Biermann einen Helden namens Hans Folk sagen: „Ich bekehre die Drachen – nie. Ich töte sie halt.“
Das wär’s für heute – das Wochenende steht bevor, ich wünsche eine gute Zeit, ob im Kino, vor dem Fernseher oder in der hoffentlich weiter frühlingshaften Natur!
Viele Grüße,
Ihre Barbara Schweizerhof
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