Endlich Freitag: Grundsicherung, Buchläden, Sex in Dänemark

Gab es in der SPD Widerstand gegen die neue Grundsicherung? Wie kann man bedrängten Buchläden helfen? Warum haben die Dänen so viel Sex?

Hallo,

Sie kennen vielleicht den Spruch: „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächstenihrer Glieder verfährt“. Er stammt vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, erstmals ausgesprochen in der Agenda 2010-Zeit, als Steinmeier Chef des Bundeskanzleramts war und mahnende Worte an seinen eigenen Kanzler richtete. Er hat den Spruch gestern in einer leider kaum beachteten Rede wiederholt, nachdem die Koalition das Bürgergeld zu den Akten gelegt und die neue Grundsicherung verabschiedet hatte.

Steinmeier warnte davor, dass die Maßnahmenverschärfungen das Bild des Bedürftigen als eines arbeitsscheuen Schmarotzers zeichnen. Zwar könne man noch nicht vom Untergang des Sozialstaates sprechen, aber die Tendenz sei klar. Dann wurde er konkret und kritisierte Maßnahmen, so etwa die Verschärfung in der Übernahme der Wohnkosten. Bei den angespannten Mietmärkten in den Großstädten könne das zu einer Welle von Obdachlosigkeit führen. Seine Rede schloss Steinmeier mit für ihn ungewöhnlich scharfen Worten: „Sie treten nach unten, um oben Punkte zu sammeln.“

Alles Quatsch natürlich. Letzte Worte stammen von Timon Dzienus, einem Sozialpolitiker der Grünen (gibt es tatsächlich). Und der Spruch vom schwächsten Glied stammt von Gustav Heinemann, Bundespräsident von 1969 bis 1974, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Gestern stimmten von 120 SPD-Abgeordneten 113 mit „ja“ für die Reformen. Zwei Abgeordnete enthielten sich, fünf haben nicht abgestimmt. Gegenstimmen gab es keine. Eine fundamentale Kritik blieb Sören Pellmann von der Linkspartei vorbehalten. Mehr dazu in Jörg Wimalasenas Beitrag.

1. Heute wichtig

  • Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lässt Buchhandlungen vom Verfassungsschutz prüfen. Für Jörg Sundermeier, Verleger des Berliner Verbrecher Verlags, ist das ein gefährlicher Tabubruch
  • Im Bier, im Meer, im menschlichen Gehirn: Dass Kunststoffpartikel ein Problem sind, darüber ist sich die Forschung einig. Allerdings erschienen jüngst Studien mit zweifelhaften Resultaten
  • Die Großstädte sind grün-links, der Osten wählt AfD und Bayern konservativ? Der Soziologe Ansgar Hudde kommt zu einem differenzierteren Ergebnis

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2. Made My Day

Echt jetzt?Gestern schrieb meine Kollegin Barbara Schweizerhof ein Loblied auf den Kohl. Sie bezog sich auf eine schöne Kolumne von Laura Ewert im Freitag, die den Kohl zum hipsten Gemüse der Welt erklärte. Ich muss zugeben, solche Dinge wecken bei mir eine leichte Renitenz. Ich frage dann, wer ist das Opfer solcher Medienpräferenz? Wer leidet darunter, dass der Kohl den ganzen Ruhm einheimst? Es leidet zum Beispiel der Sellerie. Kein Zohran Mamdani hält keinen Bund Stangensellerie hoch, während er Wahlkampf macht (Kohl schon). Ich habe zum Zeichen der Solidarität heute früh einen Selleriesaft getrunken. Schmeckt und soll gut für Haut und Haar sein.

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3. Kultur-Tipp

➜ Gut zu lesen: Apropos Solidarität. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat drei Buchhandlungen von der Liste für den Deutschen Buchhandlungspreis gestrichen. Eine dämliche Aktion. Die Kulturwelt und die Medien zeigen sich solidarisch mit den Gecancelten und veröffentlichen giftige Texte. Gut so.

Eine schöne Form der Solidarität scheint mir, wenn man in einem der betroffenen Buchläden, sofern er denn in Reichweite liegt, schlicht und einfach seine Bücher kauft. Der Buchladen zur Schwankenden Weltkugel liegt auf meinem Arbeitsweg. Ich habe mir vorgenommen, meine Bücher künftig dort einzukaufen (weiß aber nicht, ob ich es auch einhalte). Überhaupt sollte man seine Bücher in den Buchhandlungen und nicht bei Amazon kaufen. Wer partout oder mangels Alternativen online ordern will, kann das mit gutem Gewissen zum Beispiel bei Eichendorff21 tun

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4. Lese-Empfehlung

➜ Sex: Wenn ich bisher an Dänemark dachte, dachte ich nicht zuerst an Sex. Ich dachte, nicht viel besser, zugegeben, an Lügen. Aber nach Lektüre des Artikels von Zoe Williams dürfte sich das ändern. Es ist nicht einfach ein launiges Clickbait-Stück. Die Autorin trägt ein ganzes Bündel von ernstzunehmenden Gründen bei, weshalb die Dänen und Däninnen wohl tatsächlich vergleichsweise viel Sex haben.

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Kopenhagen am Donnerstag vor Valentinstag ist berauschend romantisch. Das ist keine Übertreibung – man kann die Stimmung in der dänischen Hauptstadt förmlich einatmen und sich davon mitreißen lassen. Die Kanäle sind zugefroren, was nur etwa alle 13 Jahre vorkommt, und Paare laufen darauf Schlittschuh. Die gemütlichen Bars sind schon von weitem zu sehen, weil sie mit Lichterketten geschmückt sind – offenbar nicht nur zu Weihnachten. Alle Menschen sehen schön aus.

Aber nichts davon erklärt auch nur annähernd, warum junge Dänen in Dänemark, im Gegensatz zur Generation Z in den anderen Industrieländern, immer noch Sex haben. Der Winter ist nicht einmal ihre wildeste Jahreszeit. „Im Frühling verändert sich die Atmosphäre“, erzählt der 35-Jährige Ben, halb Brite, halb Däne. Seine Freundin Anna, ebenfalls 35 und ursprünglich Ungarin, fügt hinzu: „Nach dem Winterschlaf kann man die sexuelle Energie spüren.“

zum ganzen Text

So. Man wagt es hier ja kaum noch sagen, aber das Wetter ist immer noch schön. Genießen Sie es!

Viele Grüße,

Ihr Michael Angele

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