Endlich Freitag: Arbeit, ÖPNV und ein Musik-Tipp

Deutschland diskutiert über Teilzeit – wir auch. Außerdem wichtig: Israel und die deutsche Linke, Mikroplastik, das vielleicht doch nicht so gefährlich ist und ein Musik-Tipp für eine Auszeit. Das sind die „Freitag“-Themen des Tages

Hallo,

herzlich willkommen zu Endlich Freitag! Ich bin Maxi Leinkauf, Redakteurin im Kultur-Ressort des Freitag und schreibe künftig die Mittwochsausgabe dieses Newsletters.

Wir hier in der Redaktion diskutieren weiter darüber, wie wir in Zukunft arbeiten wollen. Als Journalistin, Frau und Mutter, die mal in Vollzeit, mal in Teilzeit tätig war, kommt man selber um die Frage, wie wir in einer Gesellschaft arbeiten und leben sollen und wollen nicht herum. Und es ist – wie alles – ambivalent. Wer wie ich in Ostdeutschland groß geworden ist, der kann sich keine andere Mutter als eine, die in Vollzeit arbeitet, vorstellen. Die Kinderbetreuung war ja gesichert. Mittlerweile ist es komplizierter und die Entscheidung, ob Teilzeit oder Vollzeit meist keine freie, keine romantische, sondern Folge privater oder beruflicher Umstände.

Dann kommt Marx ins Spiel und seine Idee einer Gesellschaft à la „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. So weit sind wir noch nicht. Aber sollten wir uns nicht endlich fragen, was wir machen, wenn den Menschen die Arbeit ausgeht? Wenn sie durch Roboter und KI ersetzt werden? Ist dann mehr Zeit, den Vögeln nachzuschauen oder rumzustreunen, nur ohne Geldsorgen? Man wird ja wohl noch träumen dürfen…

1. Heute wichtig

2. Made My Day

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Die Tram in Berlin fährt wieder! BVG – made my day. Wer hätte das gedacht. Der Straßenbahnverkehr war komplett eingestellt wegen Eis, das hat es in Berlin noch nie gegeben, seit Ende des 19. Jahrhunderts die weltweit erste elektrische die Tram ans Netz ging. Nun mussten die vereisten Oberleitungen Meter für Meter manuell bearbeitet werden. Nachts! Respekt! Wussten Sie, dass das Straßenbahnnetz mit 200 Kilometer Strecke das drittgrößte der Welt ist?

Mir fällt da ein Vers ein, den wir als Kinder oft gehört haben:

„Icke, dette, kieke mal
Oogen, Fleesch und Beene
Die Baliner Straßenbahn
Fährt von janz alleene.“

Jaaa! Der Spruch muss entstanden sein, als Pferdebahnen durch elektrische Wagen ersetzt wurden.When Tram went Electric. Kurz darauf beschrieb Kurt Tucholsky in seinem GedichtDer Kontrollierte(1913) die deutsche Untertanenmentalität. Alle bekommen sofort einen roten Kopf als es heißt: „Die Fahrscheine bitte!“

3. Kultur-Tipp

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➜ Gut zu hören: Jetzt nicht! ist ein Song auf dem neuen Album Lieder der Punkband Acht Eimer Hühnerherzen. Sie kennen solche Tage, wo man nicht erreichbar, nicht ständig verfügbar sein will. „Du, ich kann jetzt nicht telefonieren, ich muss dringend erstmal schweigen. Du, ich kann heut nicht mit Dir spazier’n, kann wo lang heut nicht entscheiden.“ Sängerin Vega trifft damit nicht nur meine, sondern bestimmt auch Ihre Winterstimmung.

Auf die Band bin ich übrigens bei meinem Gespräch mit Milan Peschel gekommen. Und er spielt auch im Video mit, läuft durch einen herrlich abgerockten Ostberliner S-Bahnhof (ÖPNV!), der proletarische Macker: Lederjacke, Jogginghose, Basecap, Silberkette, immer am Handy. Genervt, weil er die Frau einfach nicht erreichen kann.

Zum Musikvideo

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4. Lese-Empfehlung

Was sagt uns Frederick die Maus? Auch Freitag-Chefredakteurin Elsa Koester widmet sich in ihrem Kommentar dem Thema Teilzeit. Sie fordert das Recht auf Poesie. So wie Frederick, die Außenseiter-Maus in dem berühmten Kinderbuch. Alle anderen sammeln Vorräte für den Winter, nur Frederick sitzt da und träumt vor sich hin. „Was sammelst Du?“, fragen die anderen Mäuse. Als es kalt wird, grau, die Stimmung trüb, fängt er an, ihnen von den Farben zu erzählen, die er gesehen und gespeichert hat. „Du bist ja ein Dichter!“, rufen die anderen verblüfft. Was man nicht alles aus einem guten Kinderbuch lernen kann.

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Dies wird ein Lob auf die Teilzeit – geschrieben von einer Vollzeit-Arbeitenden. Ich habe immer wieder Teilzeit gearbeitet, und es waren die schönsten und wichtigsten Zeiten meines Lebens, in denen ich Kreativität gefunden und gelebt habe. Es waren freie Phasen, in denen ich zu Poesie gefunden habe – und zu Widerstand.

In denen ich Zeit hatte für die Farbe des Himmels und wie sie sich sekündlich verändert, Zeit, die Menschen um mich herum zu beobachten, spielende Kinder auf dem Hof, Hunde, die ihre Menschen Gassi führten, und manchmal setzte ich mich sogar vor einen Ofen und beobachtete, wie sich die Kartoffeln langsam, ganz langsam in Pommes verwandelten. Teilzeit arbeiten war in meinem Leben die Zeit, die es erlaubte, Poetin zu werden.

zum ganzen Text

Das war’s von mir für heute, Sie sind über’n Berg, die Woche schwankt Richtung Ende. Und vergessen Sie nicht die kleinen Auszeiten!

Viele Grüße,

Ihre Maxi Leinkauf

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Und wo sitzen Sie gerade? In der Tram oder gehören Sie eher zu den Spaziergängern und Spaziergängerinnen? Ich freue mich jedenfalls über Ihr Feedback – per Mail an m.leinkauf@freitag.de

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