Der Kreml hoffte auf eine Verständigung über die Ukraine, doch Trumps Eskalation im Nahen Osten sorgt für Entsetzen. Während Medien den US-Präsident einen „Aggressor“ nennen, schwindet in Moskau die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende
Trumps Fans in Russland werden immer weniger
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Aus Moskauer Sicht ist der US-Präsident durch seinen Krieg im Nahen Osten im Begriff, von einem Hoffnungsträger zu einer Horrorfigur zu mutieren. Man hoffte auf Dr. Jekyll und steht nun vor Mister Hyde aus der Erzählung des britischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Die Freude über steigende russische Budgeteinnahmen durch erhöhte Ölpreise weicht dem Erschrecken vor einer Welt, in der Krieg auf Krieg folgt.
Konservative unter sich
In Moskau herrschte bis vor kurzem eine von der politischen Führung genährte Denkweise, Donald Trump sei die Verkörperung eines bodenständigen, konservativen und nach innen gerichteten Amerika, mit dem das gleichfalls eher konservative Russland sich pragmatisch verständigen könne – auch über den Ukraine-Konflikt. Eloquente Politologen erläuterten Zuschauern des Staatsfernsehens allabendlich, Trumps Politik basiere auf „nationalen Interessen“ Amerikas. Diese Vorstellung hat das Weiße Haus in nur wenigen Wochen noch gründlicher zertrümmert als manch iranisches Regierungsgebäude.
Konjunktur hat in Moskau derzeit jene Minderheit von Analysten, die Trump von Anfang an verdächtigten, er sei letztlich dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu mehr verpflichtet als seinen Wählern. Fjodor Lukjanow, Politologe und Professor an der Hochschule für Ökonomie, sieht Trump der Illusion erlegen, er könne „den Moment der maximalen Schwäche Teherans nutzen“. Trump habe mit diesem Krieg eine „scharfe Krise geschaffen“ auch für alle anderen Länder der Welt und nötige sie jetzt, die Kosten dafür zu tragen. Mit ihm seien die USA daran gescheitert, „ihren Willen als Hegemon anderen aufzuzwingen“.
Putin telefoniert mit Führern der Golfstaaten
Fast schon triumphal verkündet die Rossiiskaja Gaseta: „Russland ist auf der Liste: Iran öffnet die Meerenge von Hormus für Schiffe befreundeter Staaten.“ Das Blatt Moskowskij Komsomolez legt in diversen Kommentaren den Schwerpunkt darauf, dass Amerika bei traditionellen Verbündeten wie den Monarchien am Persischen Golf seit Kriegsbeginn an Ansehen verloren habe. Der Website von Wladimir Putin ist zu entnehmen, dass er mit dem Regierungschef Saudi-Arabiens, mit dem König von Bahrain und dem Emir von Katar telefoniert und für eine „politisch-diplomatische Lösung“ plädiert hat.
Durch den Angriffskrieg Israels und der USA sei Iran „zu einer Großmacht von Weltbedeutung geworden“, findet Michail Rostowskij, außenpolitischer Kommentator des Moskowskij Komsomolez. Die USA hingegen seien unter einem „Präsidenten Narziss“ wie Trump „nicht mehr in der Lage, vernünftig mit ihren Ressourcen umzugehen“.
Zudem habe Trump zugelassen, dass sich das Verhältnis zwischen dem „großen Bruder“ USA und dem „kleinen Bruder“ Israel faktisch umgekehrt habe und Netanjahu Washington die Kriegspolitik diktiere. Iran hingegen habe „alle Gründe, angesichts der Erpressung durch Washington seinen Einsatz zu erhöhen“, was vermuten lässt, dass Moskau an einer Vermittlung zwischen Teheran und Washington kein Interesse hat.
Trump, so ein Leitartikel in der Moskauer Wochenzeitung Sawtra, sei „ein Aggressor und Kriegsverbrecher“. Der – indem er den „Mord am geistlichen Führer des Iran, Ayatollah Chamenei, duldete – „Brücken verbrannt“ habe. Da würden auch keine „Deals“ helfen, um „dem Morast des Krieges“ zu entkommen.
Noch schärfer polemisiert der Schriftsteller Alexander Prochanow in einer „Sawtra“-Kolumne. Der 88-Jährige hat das bombardierte Teheran besucht. Dort habe er, darum gebeten, dass eine iranische Rakete den US-Flugzeugträger „Abraham Lincoln“ trifft und „das CIA-Zentrum in Katar zerstört“ wird. In seiner Kolumne nennt Prochanow den US-Präsidenten einen „Gangster“ und den israelischen Premier den „blutigen Henker Netanjahu“.
Dass solche Beiträge in staatsnahen Moskauer Medien möglich sind, spiegelt einen Stimmungswandel in der politischen Führung. Es wachsen die Zweifel, ob es der russischen Führung gelingen könnte, den durch den Iran-Krieg in Bedrängnis geratenen Trump für einen „Deal“ über ein akzeptables Kriegsende in der Ukraine zu gewinnen.
Trump meidet Druck auf Selenskyj
Zwar bemühte sich Präsidentenberater Juri Uschakow am 9. März nach einem Telefonat Putins mit Trump den „offenen und konstruktiven Charakter des Gespräches“ hervorzuheben. Auch habe Putin eine „positive Einschätzung der Vermittlungsbemühungen“ Trumps in der Ukraine gegeben. Zugleich verwies der russische Präsident auf den „sehr erfolgreichen Vormarsch“ seiner Streitkräfte. Dies sei ein Faktor, so Uschakow, „das Regime in Kiew dazu zu bringen, endlich den Weg einer Verhandlungslösung zu beschreiten“.
Die aber halten sowohl Militärexperten als auch Berater des Außenministeriums in den kommenden Monaten für wenig wahrscheinlich. Denn, so die vorherrschende Meinung, bisher sei nicht erkennbar, dass Trump wirklich Druck auf Selenskyj ausübe, das noch von seinen Truppen gehaltene Gebiet am Westrand des Donbass zu räumen. Der West-Donbass wird von Russland gefordert und von Trump als Sicherheitsgarantie zugunsten der Ukraine angesehen.
Der Krieg in der Ukraine, so ein erfahrener Berater für Außenpolitik in Moskau, werde trotz oder auch wegen des Krieges im Nahen Osten weitergehen, auch weil Trump an keinem der beiden Schauplätze Schwäche zeigen oder Verbündete zügeln wolle.