Das wichtigste Klimaschutzinstrument der Europäischen Union (EU) hat in dieser Woche einen Preissturz erlebt. Der Preis für Kohlendioxid-Verschmutzungsrechte fiel auf den tiefsten Stand seit August 2025. Auslöser war eine von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angestoßene Debatte über eine mögliche Reform oder gar Aussetzung des europäischen Emissionshandels.
Die Forderung nach niedrigeren Preisen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit fand in anderen EU-Staaten Anklang und schickte die Aktienkurse von Ökostrom-Produzenten und Zementherstellern auf Talfahrt. Hier kommen Antworten auf die wichtigsten Fragen:
Wie funktioniert der Emissionshandel?
Das Emissionshandelssystem (ETS) belegt den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) mit einem Preis. Dafür legt die EU eine Obergrenze für den CO2-Gesamtausstoß von Kraftwerken, großen Industrieanlagen und dem innereuropäischen Flugverkehr fest. Diese Obergrenze wird jedes Jahr gesenkt, um sicherzustellen, dass die Emissionen im Laufe der Zeit fallen. Ein zweites System (ETS 2) für Gebäude und Verkehr soll folgen. Dessen Start wurde schon um ein Jahr auf 2028 verschoben.
Das im Jahr 2005 eingeführte ETS-1-System erfasst wiederum rund 40 Prozent der gesamten EU-Emissionen. Für jede Tonne CO2, die ein Unternehmen ausstößt, muss es ein handelbares Verschmutzungsrecht vorweisen, ein sogenanntes Zertifikat. Industrien wie die Stahl- und Aluminiumherstellung erhalten einen Teil ihrer Zertifikate kostenlos, wobei diese Zuteilung über die Zeit ebenfalls sinkt. Benötigt ein Unternehmen mehr Zertifikate, muss es diese zukaufen. Firmen, die weniger ausstoßen, können übrige Zertifikate verkaufen.
Warum sind die Preise gefallen?
Auslöser des Preissturzes um rund sieben Prozent waren Äußerungen von Kanzler Merz auf einem Industriegipfel in Antwerpen. Er erklärte, das ETS sei eingeführt worden, um Emissionen zu reduzieren und CO2-freie Produktion zu ermöglichen. Wenn dies auf diesem Weg nicht erreichbar sei, solle der europäische CO2-Markt überarbeitet oder verschoben werden. Vertreter anderer EU-Staaten forderten, die EU solle am CO2-Markt intervenieren, um die Preise zu senken.
Der Referenzkontrakt für CO2-Zertifikate notierte am Freitag bei rund 71 Euro je Tonne und hat damit seit Jahresbeginn fast 20 Prozent an Wert verloren. Zur Verunsicherung trug zudem bei, dass einige EU-Abgeordnete vorschlugen, das Tempo der jährlichen Kürzung der Emissions-Obergrenzen zu verlangsamen. Die EU-Kommission prüft zudem eine Überarbeitung der Unterstützung für energieintensive Industrien.
Welche Auswirkungen hat der Preisverfall auf Unternehmen?
Die CO2-Kosten sind in die Strompreise einkalkuliert, da Betreiber von Gas- und Kohlekraftwerken die Kosten für die Zertifikate auf den Strompreis aufschlagen. Niedrige CO2-Preise kommen daher Betreibern fossiler Kraftwerke zugute und wirken sich nachteilig auf Erzeuger von emissionsarmem Strom aus. So fielen die Aktienkurse des Windkraft-Riesen Orsted am Donnerstag um fast vier Prozent und die des finnischen Atomstromproduzenten Fortum um 6,5 Prozent.
Auch die Aktienkurse der Zementhersteller Heidelberg Materials und Holcim gaben nach. Analysten der Berenberg-Bank hatten die CO2-Regulierung zuvor als positiv für den Zementsektor bewertet. Sie habe zu Effizienzsteigerungen und höheren Zementpreisen geführt. Zudem entsteht für Unternehmen, die sich frühzeitig mit Zertifikaten für die Zukunft eingedeckt haben, durch sinkende Preise ein finanzieller Nachteil. Da Analysten bislang von stetig steigenden Preisen ausgingen, könnten diese Firmen nun zu viel für ihre Absicherung bezahlt haben.
Heidelberg Materials treibt zudem die Erprobung von CCS-Technologien zur Abscheidung und Speicherung von CO2 voran. Eine Aufweichung des ETS untergräbt die wirtschaftliche Grundlage für die zukunftsgerichteten, aber teuren Klimaschutz-Investitionen.
Wie reagiert die Wirtschaft?
Viele Unternehmensvertreter plädieren für eine Reform der CO2-Bepreisung, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas wiederherzustellen. Jim Ratcliffe, Gründer des Chemiekonzerns Ineos, sagte diese Woche, die Chemieindustrie werde ohne niedrigere Strom- und CO2-Kosten nicht überleben. Er forderte die EU auf, die CO2-Abgaben für fünf Jahre auszusetzen.
Andere Firmen wie Energieversorger führen dagegen ins Feld, dass eine Änderung der Vorschriften Investitionen in saubere Energie-Technologien untergraben könnte. Der Branchenverband IETA warnte vor zunehmenden politischen Eingriffen. Langfristige Investitionsentscheidungen hingen von einem glaubwürdigen und stabilen regulatorischen Rahmen ab.
Und wie geht es weiter?
Die EU plant schon eine Überprüfung des ETS. Ein Vorschlag wird im dritten Quartal erwartet. Diese Überprüfung war ursprünglich dazu gedacht, das System an das Klimaziel der EU für 2040 anzupassen und nicht, um kurzfristig zur Preisbegrenzung einzugreifen. Im Vorfeld der Gespräche wird nun mit intensivem Lobbying von allen Seiten gerechnet. Im Gespräch ist eine Verlängerung der kostenlosen Zuteilung für Zertifikate über das Jahr 2034 hinaus. Zudem soll es auch nach dem Jahr 2039 noch Zertifikate am Markt geben. Dafür setzt sich auch die Bundesregierung ein. Er sei sehr zuversichtlich, dass dies auch so kommen werde, sagte Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth schon im Oktober des vergangenen Jahres während eines Klimakongresses des Industrieverbandes BDI.