Eltern-Kolumne „Schlaflos“: Mama, sind Männer besser denn Frauen?

„Mama, sind die Männer immer besser als die Frauen?“

Das ist die Erkenntnis meiner Tochter Tilda – sie ist viereinhalb – nach einer halben Stunde Olympia im Fernsehen.

„Nein!“, rufe ich. „Wie kommst du darauf?“

„Der Mann hat die Frau so hoch geworfen“, sagt sie mit großen Augen, die noch erleuchtet vom Eiskunstlaufen sind. In solchen Momenten bleibt mir fast das Herz stehen. Wir liegen im Bett, sie soll jetzt eigentlich schlafen, aber manchmal, nachdem schon fünf Minuten Stille war, ihre kleine Hand, die sich um meinen Daumen schlingt, hat etwas Druck nachgelassen, kommen dann noch mal die großen Fragen im Halbdunkeln. Die, für die im Alltag nicht genug Zeit und Ruhe war. Wie viel Macht wir Eltern doch haben – sie würde mir jetzt alles glauben.

Bild: F.A.Z.

Lena Sommer und Paul Brandt

haben eine Tochter, sind Anfang 20 und leben in wilder Ehe. Sie treiben sich viel auf Spielplätzen und in Hörsälen herum und fühlen sich gelegentlich einsam. Eine gleichberechtigte Elternschaft gehört zu ihrem Selbstverständnis, klappt aber nicht immer. Hier schreiben sie unter Pseudonym.

Ich versuche, meine Worte mit Bedacht zu wählen.

„Also, bei den Snowboardern hast du ja gesehen, da sind erst die Männer gestartet und dann die Frauen, und die waren auch megaschnell.“

„Ja, stimmt.“ Tilda nickt zufrieden, dreht sich um, und ich höre an ihrem Atem, dass sie nicht mehr nachdenkt, sondern langsam einschläft.

Aber hat sie nicht den Finger in die Wunde gelegt? Wie kann eine Vierjährige so gut benennen, wogegen ich mich so wehre?

„Echtes Fußball, nicht mit Frauen!“

Im Sommer gab es einen ähnlichen Vorfall. In unserem Haushalt wird gerne Fußball geschaut. Bundesliga, ein Männerverein wird besonders verehrt – von den Männern in der Familie, wohlgemerkt. Die Frauen fiebern mal mehr oder weniger mit, es gab Saisons, wo ich schon mitgetippt, in einer App jede Woche Ergebnisse vorausgesagt habe, aber wenn ich ganz ehrlich mit mir bin: Mein Männerfußballinteresse ist begrenzt.

Aber dann packte unser Freundeskreis das Fieber: Europameisterschaft der Frauen, Ann-Kathrin Bergers Paraden – grandios!

Und meine Tochter? Die stapfte vom Spielen herein, sah den Fernseher, drehte sich zu mir und sagte stirnrunzelnd: „Das ist ja gar kein echtes Fußball! Mama, ich will echtes Fußball, nicht mit Frauen!“

Dieses sagenumwobene „Besser“

Wütend drehte ich mich zu meinem Freund um: Da sah er, was er angerichtet hatte! Das kommt davon, wenn man ausschließlich Männern zuschaut. Ich verstehe, dass die Liebe zum Fußball groß ist, so groß, dass von Montag bis Sonntag entweder Bundesliga, Champions League, Premier League, Nations League oder zweite Bundesliga läuft. Dass auch die Damenbundesliga live übertragen wird, ist noch nicht durchgedrungen. So groß kann die Liebe zu dieser Sportart dann doch nicht sein, vielleicht ist es eigentlich eine Liebe, Männern beim Sportmachen zuzuschauen. So wie bei der Tour de France, über die drei Wochen lang täglich diskutiert wird. Die weibliche Ausgabe wird dann später auch ab und an schuldbewusst gestreamt, ruft aber nicht solche Begeisterung hervor.

Wer jetzt die körperliche Überlegenheit der Männer als Argument heranträgt, jaja, bla, bla, hab ich alles schon gehört, meinetwegen, dann sollen beim Eiskunstlauf zukünftig aber bitte die Männer auch andere Männer hochschmeißen.

Es ist mir ganz gleich, dass bei Olympia die sportliche Leistung in Geschlechter getrennt aufgeteilt ist. Was mir nicht egal ist: Wenn ein kleines Kind schon mit vier Jahren denkt, dass Männer nicht nur stärker oder schneller oder was weiß ich sind, sondern eben auch „besser“? Was macht man da? Das ist mir nicht egal. Aus diesem sagenumwobenen „Besser“ wird so vieles abgeleitet und gerechtfertigt.

Die Welt, wie sie nun mal gerade ist

Dass Frauen eben „anders“ sind als Männer und deswegen auch 20 Prozent weniger Lohn für ihre Arbeit verdienen, aber dafür bitte doppelt so viel unbezahlte Care-Arbeit machen sollen, weil die Männer ja stark sind, und die Frauen sind liebevoll.

Ich will meine Tochter beschützen vor diesen ganzen Zuschreibungen, vor diesem Käfig, vor den Linien, die man nicht übertreten darf, wenn man als „gutes Mädchen“ gelten will in unserer Gesellschaft.

Ich will ihr alle Möglichkeiten geben, sie soll selbst entscheiden können, was sie werden will, eine Frau, ein Mann, irgendwas dazwischen oder ganz ohne. Ob sie bei Olympia antreten will oder Kinder bekommen, viel arbeiten oder wenig arbeiten, oder mal so, mal so.

Noch weniger will ich aber die Welt, wie sie nun mal gerade ist, vor ihr verschweigen.

Plötzlich nimmt das Selbstbewusstsein vieler Mädchen ab

So tun, als gäbe es keine Unterschiede dazwischen, wie Jungen und Mädchen bewertet werden, hat mich in meiner Kindheit und Jugend oft verwirrt. Mir wurde gesagt, ich sei klug, ich sei stark, ich sei gut so, wie ich war, aber ich spürte auch oft eine Abwertung – unterschwellig, schwer zu greifen: mal in Form von Sprüchen – „Ihhh, du bist wie ein Mädchen“ – oder eben weil man als Kind ja auch beobachtet. Weil man lernt: Die Frauen sind öfter zu Hause, die Frauen sind aufwendiger geschminkt und angezogen, das Aussehen von Frauen wird häufiger kommentiert, Frauen werden öfter unterbrochen. Studien zeigen, dass das Selbstbewusstsein vieler Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren plötzlich deutlich abnimmt. Jungen erleben einen solchen Einbruch nicht.

Wie soll man das einordnen, wenn man selbst Kinder hat? Ich gehe seitdem ja auch nur den Weg, den man eben gehen kann. An manchen Tagen ziehe ich mich schick an, an manchen nicht, manchmal bin ich laut und lasse mich nicht unterbrechen, manchmal zucke ich zu einem sexistischen Spruch nur die Achseln und denke mir meinen Teil.

Das Glück bei meiner Tochter

Man fühlt ja, dass es eben einen Unterschied gibt, aber wenn die Erwachsenen einem sagen, es sei ganz egal, dann will man das glauben.

Meiner Tochter diese Ambivalenz zu erklären, ist meine schwierigste Aufgabe bis jetzt.

Ich will ihr die Werkzeuge in die Hand geben, klar benennen zu können, wenn subtil oder auch ganz direkt gesagt wird, dass Männer etwas Besseres sind. Und Frauen und weibliche Attribute abgewertet werden. Denn das überhaupt als solches in Situationen erkennen zu können, hat mir schon viel geholfen.

Also müsste ich auf die Frage von Tilda eigentlich sagen: „Die Männer sind nicht besser, aber sie werden oft als besser bewertet. Deswegen musst du als Mädchen noch besser die Anforderungen erfüllen, um die gleiche Anerkennung zu bekommen. Am besten fängst du jetzt schon damit an, diese Anforderungen abzulehnen.“ Zum Glück hat meine Tochter bisher keine Probleme mit dem Neinsagen.

Source: faz.net