Wenn ich meine Nachrichten-App öffne, steht seit Monaten ein Name ganz oben: mein eigener. Niemandem schreibe ich so häufig wie meinem zukünftigen Ich. Im Chat steht dann: „Jona Karnevalkostüm (Krokodil?)“, „Klopapier leer“, „Dienstplan checken“, „Geburtstagseinladung schreiben“, „Anna antworten!“.
Gedanken, die dort nicht stehen, überleben selten den Tag. Mit Freundschaften ist es ähnlich. Sie bleiben nur, wenn man ihnen Raum gibt.
Meistens lese ich meine eigenen Nachrichten erst abends. Dann denke ich: „Oh Gott, stimmt! Das muss ich noch machen.“ Automatisch priorisiere ich: Was geht schnell? Was muss ich dringend entscheiden?
Amelie Dilling
lebt mit Sohn (Jahrgang 2024) und Mann (Jahrgang 1990) nahe dem Dreiländereck von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen. Beide arbeiten Vollzeit und gelten damit als Beispiel gelungener Vereinbarkeit. In der Praxis klappt das bedauerlicherweise selten so gut: Wer ständig müde ist, endlose To-do-Listen schreibt und dabei noch glücklich sein will, fühlt bei ihr sicher mit.
Bild: F.A.Z.
„Anna antworten“ rutscht nach unten. Für die Nachrichten an Freundinnen und Freunde brauche ich einen ausgeruhten Kopf. Und dann vergehen wieder drei Wochen. Wenn ich es schaffe, werden die Texte lang: eine Zusammenfassung des vergangenen Monats. Erwischen wir uns ausnahmsweise gleichzeitig online, verlieren wir uns in Insiderwitzen und Mini-Beichten. Alles wie immer. Am Ende schiebe ich nach den Terminvorschlägen meist diesen Satz hinterher: „Kannst du an einem dieser beiden Tage? Das wäre so schön, wenn wir uns mal wiedersehen. Ich vermisse dich.“
Dieses „mal wiedersehen“ – es klingt wie bei alten Bekannten, denen man zufällig begegnet und dann sagt: „Lass uns doch ganz bald mal einen Kaffee trinken.“ Oft aufrichtig und nett gemeint. Und genauso oft bleibt es folgenlos.
Prioritäten verschieben sich – aber nicht für immer
Schon lange kämpfe ich gegen diesen Vergleich an und muss einsehen: Ein guter Gedanke allein zaubert keine Verabredung in den Kalender. Ich bin nicht mehr so spontan, nicht mehr so flexibel. Freundschaft ist nicht mehr selbstverständlich. Sie vertieft sich nicht automatisch, nur weil wir uns Updates schicken. Es ist, als lauschten wir einem Hörbuch mit Stimmen, die wir persönlich kennen, ohne selbst in den Kapiteln vorzukommen.
Mein Terminkalender quillt über, und manchmal ist die Energie schon mittags aufgebraucht. Da ist ein neuer Mensch in meinem Leben, wichtiger für mich als alles, was ich vorher kannte. Einer, der mich mehr braucht als irgendjemand sonst. Natürlich verschieben sich Prioritäten. Aber nicht für immer. Nicht 24 Stunden am Tag. Nicht sieben Tage die Woche. Das ist mir wichtig.
Raum und Zeit
Ich liebe das Mamasein, aber ich bin auch gern Freundin – mit voller Aufmerksamkeit. Deshalb sind bei manchen Treffen unsere Kinder dabei, bei vielen aber nicht. Das bedeutet keine Auszeit von Jona, sondern bewusste Zeit für Anna. Nicht immer klappt das. Wenn doch, fühlt es sich an wie eine Atempause fürs Gehirn: Zwei Stunden lang denke ich nicht darüber nach, ob mein zweijähriger Sohn gerade Hunger hat oder sich langweilt. Ich muss nicht im Blick behalten, zu wem er rennt, und ob ich sofort aufspringen muss oder diesen einen Satz vorher noch beenden kann.
Wenn wir zu zweit sind, entsteht sogar Stille zwischen manchen Sätzen. Ich suche nach den richtigen Worten, statt nur gedankenlos zu reagieren. Manche Themen brauchen genau das: Raum und Zeit. Wir sitzen im Café. Bevor ich die Tasse in Zeitlupe zum Mund führe, spüre ich, wie heiß sie noch ist. Der Milchschaum ist unversehrt. Nur die Bedienung unterbricht uns, um ein Stück Kuchen aus der Vitrine zu empfehlen.
Eine Einsicht
Eine Tasse Kaffee zeigt mir oft, ob ich gerade Ruhe habe oder nur funktioniere. Im Strudel des Alltags merke ich das sonst kaum. Im Café schon: Wenn ich wirklich da bin, dampft der Kaffee, der Milchschaum steht noch. Wenn nicht, ist er lauwarm, der Schaum zusammengefallen – weil ich ihn vergessen habe.
Ich habe nicht weniger Zeit, aber mehr Aufgaben. Und wenn die Zeit knapp ist, sparen wir zuerst bei uns selbst. Bei Hobbys. Bei Freunden. Diese Treffen müssten einen festen Platz haben. Nicht weil Freundschaft ein Programmpunkt sein sollte. Sondern weil sie sonst im Alltag so leicht zur Fußnote verkümmert.
Vielleicht ist das schon der Anfang: die Einsicht, dass Freundschaften zu meinem Glück gehören – und dass Wärme ohne Verbindlichkeit nicht reicht. Freundschaft braucht etwas Unromantisches: einen freien Slot. Und die Entscheidung, ihn nicht immer als Erstes zu opfern.
Source: faz.net