„Eklatanter Mandatsmissbrauch“ – Hertie-Stiftung fordert Konsequenzen nachdem Aufruf zum Israel-Boykott

Die Trägerstiftung der Hertie School in Berlin fordert Konsequenzen für einen israelfeindlichen Beschluss der gewählten Studentenvertretung der Elite-Hochschule. Die Hertie Student Representation (HSR) beschloss am Mittwoch die offizielle Unterstützung der Kampagne „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS), die eine vollständige politische, wirtschaftliche, kulturelle und akademische Isolation des jüdischen Staates fordert, wie WELT am Freitag exklusiv berichtete. Laut HSR-Vorstand ist es die erste offizielle Unterstützung der BDS-Kampagne durch ein entsprechendes Studentengremium in Deutschland.

„Der Aufruf der studentischen Vertretung an der Hertie School zur Unterstützung der BDS-Kampagne gegen Israel ist inakzeptabel“, schreibt Annette Schavan, Vorstandsvorsitzende der gemeinnützigen Hertie-Stiftung in einer Stellungnahme vom Samstag, die WELT vorliegt. „Er widerspricht dem Geist der Hochschule und konterkariert die Grundsätze und Ziele, die zur Gründung der Hochschule geführt haben.“ Der Beschluss der HSR stelle „einen eklatanten Mandatsmissbrauch dar“.

Die Hertie School versteht sich als Ausbildungsstätte für künftiges Führungspersonal in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die staatlich anerkannte Privathochschule befindet sich nahe dem Berliner Regierungsviertel und wird vor allem über die Hertie-Stiftung finanziert.

Die frühere CDU-Politikerin Schavan sitzt der Stiftung vor, von 2005 bis 2013 war sie Bundesministerin für Bildung und Forschung. Der Name der Stiftung setzt sich aus Namensteilen von Hermann Tietz zusammen, einem jüdischen Kaufmann, dessen Unternehmen 1933 durch die Nationalsozialisten „arisiert“ wurde.

Auf WELT-Anfrage distanzierte sich die Präsidentin der Hertie School, Cornelia Woll, am Freitag bereits vom Beschluss ihrer Studentenvertretung. „Dieser Beschluss wurde von der HSR getroffen und spiegelt in keiner Weise die Positionen der Hertie School als akademische Institution wider“, sagte Woll WELT. In einer Rundmail an alle Studierende der Hochschule rief sie zudem ihre Studenten zum Widerspruch gegen den Beschluss auf. Der Beschluss wurde von elf Gewählten der über 850 Studenten gefasst.

Die Jüdische Studierendenunion Deutschlands (JSUD) nannte den Beschluss „erschreckend“. Er sei ein Beleg für die Verbreitung des Antisemitismus in akademischen Räumen. JSUD-Präsident Ron Dekel forderte Konsequenzen und eine engere Kooperation mit jüdischen Institutionen: „Ziel muss es sein, eine nächste Führungsgeneration auszubilden, auf die sich Jüdinnen und Juden verlassen können.“

Schavan fordert Woll nun zum Durchgreifen auf. „Als Trägerstiftung erwarten wir, dass die Hochschulleitung eine Vollversammlung der Hertie School einberuft, auf der der Vorgang diskutiert wird vor dem Hintergrund des Selbstverständnisses der School, ihres Leitbildes und der hochschulinternen Kultur angesichts einer internationalen Studierendenschaft“, schreibt die Stiftungsvorsitzende weiter. Es müsse geklärt werden, wie eine vom Verfassungsschutz als extremistischer Verdachtsfall eingestufte Organisation durch das Studentengremium habe unterstützt werden können.

„Die Beziehungen zwischen Hertie School und Hertie-Stiftung sind durch diesen Vorfall tiefgreifend beschädigt und erschüttert“, schreibt Schavan. „Ich werde die Mitglieder des Stiftungsvorstands zu einer Sondersitzung einladen, in der über konkrete Konsequenzen beraten und entschieden wird.“

Politikredakteur Kevin Culina berichtet für WELT über Gesundheitspolitik, die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht sowie über Antisemitismus in Deutschland.

Source: welt.de

Antisemitismus (ks)ätenBerlinBildungspolitik (ks)HertieHochschulpolitik (ks)Israel-PolitikUniversit