Einwanderung und integration: Was lernen wir von den Russlanddeutschen?

Deutschland glaubt gern, wie kaum ein anderes Land aus den Fehlern seiner Geschichte gelernt zu haben. Auch aus den Versäumnissen der frühen Gastarbeiterpolitik oder aus dem Umgang mit libanesischen Bürgerkriegsgeflüchteten der Siebziger- und Achtzigerjahre, deren Auswirkungen bis heute diskutiert werden.

Im Umgang mit Aussiedlern und Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion, Rumänien oder Polen wollte man daher den Beweis für die neue Hypothese in der Migrationspolitik des ausklingenden vergangenen Jahrtausends erbringen. Die lautete: Sprechen Eingewanderte die Sprache und fühlen sich – in diesem Fall durch Abstammung – deutsch, gelingt die Integration ohne Probleme.

Wer ist „deutsch genug“?

Wer wie ich als Deutsche aus Kasachstan nach Deutschland eingewandert ist, musste in der Regel irgendwann feststellen, dass es neben den offiziellen Inte­grationsanforderungen – Sprache, Arbeit, Rechtschaffenheit – noch eine ganze Zahl unausgesprochener Hürden gab und gibt. Und nach jeder übersprungenen Hürde, so scheint es mir, wird man mit einer weiteren, noch höheren konfrontiert. Der Weg, um irgendwann „deutsch genug“ zu sein, ist schlecht beschildert und hat keinen Endpunkt. Integration ist das Versprechen, Assimilation der Preis.

Dieses Problem liegt nach meiner Ansicht vielleicht weniger im deutschen Wesen begründet als vielmehr bereits in der Gründungshypothese des demokratischen Nationalstaats, wie man ihn seit dem 19. Jahrhundert kennt. In diesem dürfen Staatsbürger zwar miteinander um die beste Lösung streiten. Allerdings ging man zumindest implizit wohl immer davon aus, dass dieses „Volk“ sprachlich, kulturell und ethnisch homogen ist.

In einer multiethnischen Gesellschaft

Doch welche Folgen hat es, wenn es in der modernen Zuwanderungsgesellschaft der Bundesrepu­blik eine nicht kleine Zahl Deutscher gibt, die nicht in Deutschland geboren wurden, die sich anders an den Nationalsozialismus erinnern und die nicht Teil des Wirtschaftswunders oder der Wiedervereinigung waren? Von all den Nichtdeutschen, die dauerhaft hier leben, gar nicht erst zu reden.

Was muss man also tun, wenn man ein Interesse daran hat, dass eine multiethnische und multireligiöse Gesellschaft, wie wir sie Deutschland inzwischen vorfinden, gelingt? In der Politik wird beim Thema Migration oft nach Problemen und Schuldigen gesucht. Die Lösungsdiskussion wird bislang vor allem in akademischen Zirkeln geführt. Dabei müsste man nur einen nüchternen Blick auf die größte Einwanderungsgruppe des Landes werfen: die Russlanddeutschen. Ihre kaum bekannte Geschichte und Gegenwart bieten wertvolle Hinweise für das Gelingen künftiger Integrationspolitik.

Gelungene wirtschaftliche Integration

Russlanddeutsche sind so etwas wie die Lieblinge der quantitativen Integrationsforschung. Für die rund 2,4 Millionen Menschen und ihre Nachkommen, die aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten in die Bundesrepublik eingewandert sind, zeichnet die bislang größte Analyse des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2022 nämlich ein ausgesprochen positives Bild: Aussiedler und Spätaussiedler haben nur selten keinen Schulabschluss, sind überdurchschnittlich häufig erwerbstätig, besitzen vergleichsweise oft Wohneigentum und identifizieren sich stärker mit Deutschland als viele andere Zuwanderer. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen und bescheinigen eine „alles in allem zufriedenstellende wirtschaftliche, soziale und kulturelle Integration“.

Auch für die Zukunft gibt sich die Forschung optimistisch. Eine Erklärung für die rosigen Aussichten liefert Jannis Panagiotidis, 2014 bis 2020 Juniorprofessor für Migration und Integration der Russlanddeutschen an der Universität Osnabrück: „Die Bundesregierung hat in Bezug auf die Russlanddeutschen, vor allem im Vergleich mit anderen Migrationsgruppen zur selben Zeit, relativ viel richtig gemacht.“

„Deutsche unter Deutschen“ und „kriminelle Russen“

Doch wie passen diese Erkenntnisse damit zusammen, dass über Russlanddeutsche seit Jahrzehnten fast ausschließlich als Problemgruppe gesprochen wird? In den Neunzigerjahren wurde über sie häufig in Zusammenhang mit Gewalt und Drogen berichtet. Von einer „russlanddeutschen Parallelwelt“ wird heute noch geschrieben, von Sprachbarrieren, religiöser Abgrenzung, von Elternhäusern, die staatlichen Institutionen misstrauten.

Kaum eine Veranstaltung zum Thema kommt ohne die Frage aus, warum denn „alle Russlanddeutschen die AfD wählen“. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hat sich diese Zuspitzung weiter verschärft. Der „Merkur“ zitierte im April 2024 einen ehemaligen BND-Chef mit dem Hinweis, russische Geheimdienste hätten es besonders leicht, „Putin-Sympathisanten“ in Deutschland zu rekrutieren; gemeint waren Russlanddeutsche. In Kommentarspalten unter solchen Beiträgen wird offen über „Abschiebung“ diskutiert.

Besucher der Jarmarka Messe in Bad Salzuflen, die sich als „interkulturelles Festival für Menschen mit Wurzeln in Ländern der ehemaligen Sowjetunion“ verstehtAliona Kardash/laif

Die positiven Integrationsindikatoren und langfristigen Trends der Forschung verblassen hinter dem Bild einer vermeintlich abgeschotteten, illoyalen, politisch radikalisierten Gruppe, die sich dem demokratischen Konsens entzieht und ein sicherheitspolitisches Risiko für Deutschland darstellt. „Russlanddeutsche sind in der öffentlichen Wahrnehmung bereits in den Neunziger­jahren in kürzester Zeit von ‚Deutschen unter Deutschen‘ zu ‚kriminellen Russen‘ geworden, später dann von ‚auffällig unauffälligen Mustermigranten‘ zu ‚Putins fünfter Kolonne‘“, sagt Jannis Panagiotidis, der heute an der Universität Wien forscht. Doch warum wird eine statistisch erfolgreiche Integration gesellschaftlich zunehmend als gescheitert erzählt?

Verspätete Wiedergutmachung

Alles hatte doch so gut begonnen, als die Sowjet­union im Sterben lag und Deutschland seiner moralischen Verpflichtung gegenüber den „Deutschen im Osten“ nachkommen konnte. Einer Verpflichtung, die sich aus der weniger glorreichen deutschen Geschichte speiste. Während des Zweiten Weltkriegs hatte das stalinistische Regime 1,2 Millionen Deutsche in der Sowjetunion kollektiv als „Volksfeinde“ nach Sibirien und Zentralasien deportieren und Zehntausende ermorden lassen.

Die Aufnahme der Russlanddeutschen war daher ein Akt verspäteter Wiedergutmachung. In Deutschland erhielten sie sofort die deutsche Staatsangehörigkeit, eine Arbeitserlaubnis, Zugang zu Sprachkursen und andere Eingliederungsleistungen. Die Regierung schien die richtigen Weichen für eine gelungene Integration zu stellen und feierte die neuen Deutschen als „Gewinn für unser Land“.

Als Mitte der Neunzigerjahre neben der großen Zahl von Spätaussiedlern zusätzlich auch viel Asylsuchende aus dem zerfallenden Jugoslawien nach Deutschland kamen, hatten einige den Eindruck, das „Boot“ werde schnell zu voll: Für Russlanddeutsche wurden Kontingente eingeführt, Zugangshürden erhöht und Leistungen gekürzt – etwa bei den Sprachkursen, genau dann, als der Bedarf am höchsten war. „Dafür gibt es ökonomische Gründe, aber man weiß ja, dass anfängliche Integrationsversäumnisse später irgendwie bezahlt werden müssen, und zwar mit Aufpreis“, sagt Panagiotidis.

Qualifikationen wurden nicht anerkannt

Die Regierung von Bundeskanzler Kohl leistete sich weitere strukturelle Versäumnisse: Rund 90 Prozent der mitgebrachten Qualifikationen aus der (Ex-)UdSSR wurden in Deutschland nicht anerkannt. Ingenieure landeten am Fließband, Buchhalterinnen am Wischmopp – Fachkräfte, die Deutschland scheinbar nicht wollte. Zudem versäumte es die Politik jener Zeit, die Aufnahme dieser speziellen Gruppe jenen Bürgern zu erklären, die den deutschen Pass schon immer besaßen. Selbst Politiker wie Oskar Lafontaine oder Norbert Blüm stellten öffentlich die deutsche Herkunft der „Heimkehrer“ infrage. Dass mich Kinder damals als „Russin“ beschimpften, ist aus heutiger Sicht wenig verwunderlich.

Die Folgen dieser in Teilen von Antislawismus geprägten Politik, die aus dem Osten mitgebrachte Fähigkeiten – auch die aus der DDR – pauschal abwertete, zeigten sich trotzdem in kaum einer Statistik. Wie gesagt: Wirtschaftlich gesehen sind Russlanddeutsche gut integriert. Auch meine Eltern haben sich vor zwanzig Jahren ihren Traum vom Eigenheim erfüllt. Den „Aufpreis“, den sie dafür zahlen mussten – viele schlecht bezahlte Jobs gleichzeitig statt nur einen in ihrem gelernten Beruf –, bildet keine Statistik ab. Auch dass der soziale Abstieg für viele identitätserschütternd war und schwere seelische Verletzungen hinterließ, wurde nirgends gemessen, ebenso wenig wie das demütigende Gefühl, nicht als „richtiger“ Deutscher anerkannt zu werden.

Wem die Folgen der Demütigung nutzen

Mittlerweile zeigen sich die Folgen dieser Politik aber auch in den Statistiken: Die Hälfte aller Rentner mit russlanddeutschem Hintergrund ist heute von Altersarmut bedroht, stellen Jannis Panagiotidis und Hans-Christian Petersen in ihrem Buch „Postsowjetische Migration in Deutschland“ fest. Ein handfestes Problem, dessen sich eine Partei seit Jahren besonders annimmt: die AfD. Sie bemüht sich ohnehin wie keine andere politische Gruppe hierzulande um Russlanddeutsche: Sie adressiert sie in ihrem Wahlprogramm auf Russisch, grenzt sie als „richtige“ Deutsche rhetorisch von anderen Eingewanderten ab und verspricht Anerkennung dort, wo staatliche Wertschätzung ausblieb. Russische Staatsmedien und „Russfluencer“ hauen in dieselbe Kerbe. Gezielt sprechen sie Spätaussiedler sowie jüdische Kontingentgeflüchtete aus der ehemaligen Sowjetunion an, greifen reale Erfahrungen von Nichtanerkennung und sozialem Abstieg auf und deuten sie als Beweis für eine angeblich feindliche Gesellschaft um. Seit der „Flüchtlingskrise“ schüren sie zudem gezielt Angst vor „Migranten“ und zeichnen das Bild eines überforderten Staates.

Eine Geschichte aus dem Frankfurter Allgemeine Quarterly, dem Zukunftsmagazin der F.A.Z.

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Rechte Narrative wie das des angeblich privilegierten Geflüchteten verfangen besonders dort, wo Anerkennung ohnehin fragil ist. Die Soziologie spricht in diesem Zusammenhang von „Etabliertenvorrechten“: Eingewanderte, die ihren gesellschaftlichen Status mühsam errungen haben, reagieren sensibel, wenn nachfolgende Gruppen scheinbar schneller Zugang zu Ressourcen und Anerkennung erhalten.

Dynamiken richtig einordnen

Dieses Muster ist kein spezifisch russlanddeutsches Phänomen. Was folgt, ist deshalb kein plötzlicher „Rechtsruck“, wie er nach dem „Fall Lisa“ Anfang 2016 häufig in Zusammenhang mit Russlanddeutschen beschrieben wurde, sondern das Wiederaufleben eines gelernten Misstrauens und der Angst, erneut zu kurz zu kommen. Es speist sich aus autoritären Sozialisationserfahrungen, jahrzehntelanger Propaganda in der Sowjetunion und dem Gefühl, hier trotz aller Anstrengungen doch nur Deutscher zweiter Klasse zu sein.

Diese Dynamiken werden in der öffentlichen Debatte selten richtig eingeordnet, und damit wird ungewollt die von rechts und Russland bewusst betriebene Spaltung teilweise noch verstärkt. Dass auch die allermeisten Russlanddeutschen eben nicht die AfD wählen, geht angesichts von Schlagzeilen zu AfD-Wahlerfolgen in einzelnen Stadtteilen mit starker postsowjetischer Bevölkerung weitgehend unter. Stattdessen werden Aussiedler und Spätaussiedler ähnlich wie Ostdeutsche für Deutschlands Rechtsruck verantwortlich gemacht.

Diese pauschalen Zuschreibungen bleiben nicht folgenlos. Wer ständig als Problem besprochen wird, zieht sich umso mehr zurück oder sucht Zugehörigkeit dort, wo sie großzügig angeboten wird, oft also in „alternativen“, teils russischsprachigen Informationsräumen. Die emotionale Integration eines Teils der Russlanddeutschen ist also gescheitert. Die Fehler der Vergangenheit können nicht mehr ungeschehen gemacht werden, zumindest kann man aus ihnen aber für die Zukunft lernen. Und das passiert – langsam, aber sicher.

„E pluribus unum“

Die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse ist heute effizienter als in den Neunzigerjahren und häufiger von Erfolg gekrönt. Politische Bildung, differenzierte Medienberichterstattung und historische Einordnung werden zunehmend als zentrale Elemente demokratischer Resilienz verstanden. Einzelne Bundesländer wie Hessen haben die Geschichte der Russlanddeutschen als Teil bundesdeutscher Geschichte in den Bildungsplan aufgenommen. Bundesmittelfinanzierte Initiativen wie „ostklick“ und einzelne lokale Projekte wie „Brücken der Erinnerung“ in der niedersächsischen Gemeinde Bersenbrück machen postsowjetische Stimmen sichtbar.

Deutschland fehlt aber weiterhin ein Identifikationsangebot à la „E pluribus unum“, „Aus vielen eines“, sagt Jannis Panagiotidis. Das Leitmotiv ist seit dem 18. Jahrhundert Teil des Selbstverständnisses der Vereinigten Staaten und beschreibt kein homogenes Volk, sondern eine politische Gemeinschaft, die aus unterschiedlichen Herkünften und Erinnerungen entsteht. Kanada etwa verfolgt seit Jahrzehnten ein Integrationsverständnis, das Mehrfachzugehörigkeiten nicht als Problem, sondern als Ressource begreift. „Im Rahmen eines solchen Prinzips gehören Erinnerung an und gerne auch Stolz auf die eigene Herkunft genauso dazu wie ein positives Identifikationsangebot mit der neuen Heimat“, so der Migrationsforscher.

Einwanderer als Individuen

Auch Nino Aivazishvili-Gehne, die in Regensburg am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung zu Heimatvertriebenen und Aussiedlern in Bayern forscht, plädiert für Perspektivwechsel. Einwanderer seien keine unfertigen Entwürfe, die optimiert werden müssten, sagt sie. „Sie sind Individuen mit Fähigkeiten, Erfahrungen und Handlungsmacht, die jenseits von Kategorien wie ‚Russlanddeutsche‘ wahrgenommen werden müssen.“ Selbst das Misstrauen mancher Russlanddeutscher könne als wertvolle Ressource angesehen werden. Aivazishvili-Gehne spricht von ihnen als „Misstrauensexperten“ – Menschen, deren Erfahrungen mit Ausgrenzung und autoritären Systemen wertvolles Wissen darüber enthalten, wie Vertrauen verloren geht und wiedergewonnen werden kann.

Die Geschichte der Russlanddeutschen lehrt uns eine entscheidende Lektion: Gemeinschaft entsteht nur dort, wo mitgebrachte Identitäten und Lebensleistungen anerkannt werden. Politik und Gesellschaft sind gefordert, Menschen in diesem Land verstehen zu wollen: mit ihren Sorgen und auch vermeintlichen „Nischenthemen“ wie der Altersarmut unter Russlanddeutschen. Wer diese Felder vernachlässigt, überlässt sie jenen, die daraus politisches Kapital schlagen.

Eine vielfältige Gesellschaft braucht daher mehr als Sprachkurse und einen deutschen Pass. Sie braucht das verbindliche Versprechen, dass aus vielen individuellen Biographien ein tragfähiges Ganzes werden kann, ohne dass jemand dafür – wie lange Zeit auch ich – seine Geschichte ablegen muss. Wird Integration nicht länger als einseitige Anpassung begriffen, sondern als gemeinsamer Prozess, können Vertrauen wachsen und alte Brüche langsam heilen.

Die Autorin und Podcasterin Ira Peter setzt sich als Deutsche aus Kasachstan regelmäßig mit russlanddeutschen Themen auseinander, etwa im Aussiedler-Podcast „Steppenkinder“. Sie wurde mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnet, so 2025 mit einem Preis des Landes Hessen für ihr Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“. 2027 soll ihr zweites Sachbuch zum Thema sowjetische Prägung erscheinen.

Source: faz.net