Wie viel es bald kosten wird, den Kölner Dom zu besichtigen, steht noch nicht fest. Vielleicht zwölf Euro, wie eine Kinokarte? Knapp acht Euro, wie für eine Tageskarte im öffentlichen Nahverkehr in Köln? Oder eher 16 Euro, wie für viele Museen? Kostenlos wird es jedenfalls nicht mehr sein. Ab der zweiten Jahreshälfte wird Eintritt fällig. So hat es Dompropst Guido Assmann vor einigen Wochen bekannt gegeben: Die laufenden Kosten seien sonst schlicht nicht mehr zu decken, die Rücklagen bald aufgezehrt.
Der Kölner Dom ist damit nicht allein. In einigen evangelischen Kirchen gibt es bereits eine Eintrittsgebühr, zum Beispiel im Berliner Dom oder in der Marienkirche in Lübeck. Die großen katholischen Kirchen verzichten bisher darauf – zumindest in Deutschland. Im europäischen Ausland verlangen dagegen viele monumentale Kathedralen Eintritt oder eine „Erhaltungsgebühr“, wie es mancherorts genannt wird. Die Sagrada Família in Barcelona zu besuchen, kostet mindestens 26 Euro, in den Wiener Stephansdom kommt man für acht Euro, teurer wird es, wenn noch Katakomben und Türme besichtigt werden.
Die Nachricht aus Köln wurde heftig diskutiert, auch ohne die Höhe des Eintritts zu kennen. Die Frage, ob Kirchen Eintritt verlangen sollten, dürfen oder sogar müssen, scheint viel grundsätzlicher zu sein. Der Dom werde dadurch abgewertet, dass man jetzt dafür zahlen soll, sagte die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner im Interview mit der „Zeit“. Etwas flapsiger formuliert es der Schauspieler und frühere Messdiener Hape Kerkeling, in dessen neuem Horst-Schlämmer-Film der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki einen Gastauftritt hat: „Die Zeiten ändern sich – aber Eintrittsgeld für den Dom? Wer hat sich das denn ausgedacht?“ Zuspruch kommt hingegen von Gerhard Richter, der im Dom ein großes Fenster gestaltet hat. So werde es schließlich auch bei anderen Sehenswürdigkeiten wie dem Mailänder Dom schon praktiziert.
Eine Meinung zu dem Thema hat fast jeder. Das Kölner Wahrzeichen ist schließlich nicht irgendein Bauwerk, sondern die wohl berühmteste Kirche Deutschlands. Sie thront direkt neben dem Hauptbahnhof, mehr als 600 Jahre hat es gedauert, sie zu vollenden. Seit 30 Jahren darf sich der Dom UNESCO-Weltkulturerbe nennen. Das ist immer noch ein Titel mit Strahlkraft, obgleich ihn inzwischen mehr als 950 Stätten auf der Welt tragen. Rund sechs Millionen Menschen besuchen den Kölner Dom jedes Jahr. Bei Google bewerten den Dom 97.203 Nutzer mit durchschnittlich 4,8 Sternen. Damit liegt er knapp vor der Pariser Kathedrale Notre-Dame und gleichauf mit dem Petersdom in Rom, der allerdings fast doppelt so viele Bewertungen zählt. Aber von Sternchen bei Google lässt sich ein Dom nun einmal nicht für die Nachwelt erhalten.
Eine Kirche zu pflegen, kostet sehr viel Geld, zumal eine so große wie den Kölner Dom. Mit 38.000 Euro an jedem einzelnen Tag schlägt der Unterhalt des Kölner Doms laut seiner Homepage zu Buche. Allein die Reinigung soll im Jahr 2024 rund 187.000 Euro verschlungen haben. Auch weil die vielen Touristen im Winter so viel schädliches Streusalz in die heiligen Räume brächten, wie Domrendant Clemens van de Ven sagt. Gott bewahre, dass da noch größere Renovierungsarbeiten anfallen, Dach, Leitungen, Mauerwerk alle paar Jahrzehnte erneuert und ausgebessert werden müssen! Aber Gott bewahrt nicht davor, nicht einmal die Gotteshäuser. „Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo wir sehen, die Rücklagen sind in absehbarer Zeit aufgezehrt“, sagt van de Ven. 240.000 Euro betrug das Defizit im Jahr 2024, das sind knapp zwei Prozent der Gesamtkosten von rund 14 Millionen Euro.
Das will auch das Erzbistum Köln nicht ausgleichen. Bisher decken die Zuschüsse des Erzbistums knapp zwölf Prozent der jährlichen Gesamtkosten für den Dom. Er gehört aber nicht der Diözese, sondern als Körperschaft öffentlichen Rechts „sich selbst“. Einen fast doppelt so großen Beitrag zum Erhalt leistet der gemeinnützige Zentral-Dombau-Verein mit seinen mehr als 19.000 Mitgliedern. Weitere Mittel kommen zum Beispiel aus Spenden, Mieteinnahmen sowie vom Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Köln. Auch Eintrittsgelder für den Turm und die Domschatzkammer sind wichtig. Hierfür muss man schon heute bezahlen.
Die Nähe zu Gott darf nichts kosten
Generell eine Gebühr zu erheben, geht aber deutlich weiter. Der Plan wirft schwierige Fragen auf – zum Beispiel ob auch diejenigen zahlen sollen, die schon Kirchensteuer entrichten. Der Widerspruch dagegen drängt sich auf: Da hält man der Kirche sogar noch die Treue, anders als viele Mitbürger, und dann soll nicht einmal der Kirchenbesuch inklusive sein?
Das Prüfen von Steuerbescheiden am Eingang ist allerdings keine realistische Option. Und glaubt man Pastor Robert Pfeifer, dessen evangelische Marienkirche in Lübeck schon seit vielen Jahren Eintritt nimmt, kommt man mit dem Steuergeld auch gar nicht weit. Nur rund 80.000 Euro stehen seiner Gemeinde pro Jahr aus der Kirchensteuer zu. Viel zu wenig für die Instandhaltung. Und dann sind da noch Sanierungsvorhaben in Millionenhöhe. Daher gibt es in Lübeck den Marientaler, der anfangs zwei Euro je Besuch kostete, dann vier und mittlerweile fünf.
Der Unterhalt von Bauten und Verwaltung erfordert nun einmal ganz weltliche Gegenleistungen. Trotzdem hat die Verquickung von Geld und Religion schnell etwas Anrüchiges. „Das Haus meines Vaters ist doch keine Markthalle!“, soll Jesus gesagt haben, als er die Händler aus dem Tempelbezirk Jerusalems jagte – das hinderte die Kirche bekanntlich so wenig am Ablasshandel (der zu einem guten Teil den Bau des Petersdoms finanzierte) wie heute an den Souvenirshops.
Mittlerweile hat sich die Ansicht durchgesetzt: Der Kern des Glaubens, die Nähe zu Gott – die dürfen nichts kosten. Für Pastor Pfeifer hat der Besuch besonders prächtiger und berühmter Kirchen „eine doppelte Funktion“. Bei ihm in Lübeck wird es gehandhabt wie in vielen eintrittspflichtigen Kirchen und bald auch im Kölner Dom: Wer beten will, wer die Zwiesprache mit Gott sucht oder die innere Einkehr, wer dem Gottesdienst beiwohnen oder eine Kerze anzünden möchte, darf ganz ohne Obolus eintreten – das dürfte auf Kirchensteuerzahler tendenziell etwas häufiger zutreffen als auf andere. Bezahlen sollen all diejenigen, die vor allem Interesse haben an den Bauten selbst, an der Architektur, der Geschichte und den Kunstschätzen. „Wer das Gebäude touristisch nutzt, beteiligt sich an dessen Erhalt“, argumentiert Pfeifer.
Gebühr schreckt Touristen nicht ab
Dass beim Eintritt nach dem Motiv des Besuchs unterschieden wird, schafft eine Hierarchie: Hier diejenigen, die die Kirche entsprechend ihrer wahren Bestimmung nutzen; dort diejenigen, die bloß Sightseeing machen wollen. Bezeichnend ist ein Satz, den der Kölner Dompropst Assmann im Domradio sagte: „Wir gehen davon aus, dass die neue Besichtigungsgebühr den Tagesbetrieb im Dom deutlich beruhigt und dabei hilft, den Dom wieder stärker als Gotteshaus und sakralen Raum erfahrbar zu machen.“ Eine gewisse Abschreckung bestimmter Besucher ist also durchaus gewünscht.
Es ist wahrscheinlich, dass die Eintrittsgebühr tatsächlich Leute davon abhält, den Dom zu besuchen, sagt Tom Koch, der Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Emden/Leer ist und die Preispolitik im Kulturbetrieb analysiert hat. „In der Regel ist der Effekt, den Eintritt einzuführen, sogar viel größer, als ihn abzuschaffen.“ Die Frage ist jedoch, wer tatsächlich fernbleibt. „Die Touristen sind nicht so preissensibel wie die lokale Bevölkerung“, sagt Tom Koch. „Die lassen sich von ein paar Euro nicht abhalten, ein Weltkulturerbe zu sehen, wenn sie schon mal in der Stadt sind.“ Es ist also noch nicht ausgemacht, wie viel andächtiger es im Dom dank dem Kassenhäuschen wirklich zugehen wird.
Die Zweiteilung der Besucher mutet auch deshalb seltsam an, weil sie das duale Wesen der Kirchbauten verkennt. So waren sie nie bloß ein Ort zur Ausübung zeremonieller und spiritueller Praxis, ein Raum für die Erfahrung einer höheren, transzendenten Wirklichkeit. In den Gotteshäusern hat die Institution Kirche buchstäblich ihren eigenen Einfluss zementiert: indem die schiere Größe und Pracht den Gläubigen ihre eigene Unbedeutsamkeit vergegenwärtigen, indem der Geistliche hinunter spricht zur Gemeinde, um sie Demut und Ehrfurcht zu lehren, indem Kunst von unschätzbarem Wert zur Schau gestellt wird. Der weltliche Prunk gehört so gesehen zur Kirche wie der liebe Gott selbst. Da erscheint es geradezu widersinnig, ausgerechnet diejenigen abzukassieren, die nun einmal diese Eigenschaft der Kirche fasziniert. Zumal die Kirche damit ihre eigene Aura trübt: Denn welches Zeichen von Erhabenheit könnte größer sein, als den Zugang zu derartiger Opulenz nicht an profane Bedingungen wie eine Eintrittsgebühr zu knüpfen?
Kommerzialisierung der Kirche
Das Kassenhäuschen rückt das Bestaunen dieser „Architektur der Macht“ in die Nähe eines Museums- oder Denkmalbesuchs. Die Eintrittsgebühr wertet den historisch-kulturellen Charakter der Kirchen auf, weil er etwas kostet. Wer ihr religiöses Wesen erleben will, bekommt das hingegen umsonst. Vielleicht ist das konsequent in einer Zeit, in der die Menschen in Scharen aus der Kirche austreten. Der ganze Apparat ist überdimensioniert für die gegenwärtige Nachfrage nach spiritueller Führung und religiös-ethischer Orientierung. Das ist schon jedem ersichtlich, der außerhalb der Weihnachts- oder Ostertage einen Gottesdienst besucht. In den vergangenen Jahren sind in Deutschland jeweils mehrere Hunderttausend Menschen aus den beiden großen christlichen Kirchen ausgetreten. Einer aktuellen Umfrage zufolge erwägt hierzulande fast jeder vierte Katholik, es ihnen innerhalb der nächsten zwei Jahre gleichzutun. So wirkt es fast wie sonderbare Weitsicht, wenn die Kirche nun ihren Bedeutungswandel hin zum Kulturdenkmal selbst vorantreibt.
Eigentlich jedoch offenbart die Diskussion um die Eintrittsgebühr, dass die Kirche aus Sicht vieler Menschen auf einer ganz anderen Stufe steht. Sie nehmen die Eintrittsgebühr als Kommerzialisierung der Kirche wahr, sogar wenn es ja eigentlich bloß um ihre Instandhaltung geht. Es sollte nichts kosten, ein Gotteshaus zu betreten, und ist der Betrag noch so klein. Keine Privilegien für diejenigen, die mehr besitzen: Da halten die zahlreichen Kritiker eine Leitidee des Christentums höher, als die Kirche selbst es tut. Darin liegt großes Potential – würde man die Leute dazu bekommen, für diese Überzeugung freiwillig einen Beitrag zu leisten.
Mit spontanen Spenden allein wäre das nicht getan, dafür ist eine Plexiglaskiste mit Schlitz zu abstrakt. In der Marienkirche kamen vor der Einführung des Marientalers im Durchschnitt gerade einmal 20 bis 30 Cent pro Besucher zusammen, berichtet Pastor Pfeifer aus Lübeck. Und auch im Kölner Dom unterschätzen die Leute offenbar die Bedeutung ihres Beitrags. „Aber wenn man mit den Leuten ins Gespräch geht und ihnen die Situation der Kirche erklärt, leisten sie am Ende oft sogar gerne einen Beitrag“, sagt Pfeifer.
Dafür spricht auch, dass der Zentral-Dombau-Verein in der Woche nach der Ankündigung der Gebühren 500 neue Mitglieder aufnahm. Wohl nicht ganz uneigennützig, berechtigt doch die Mitgliedschaft zum Eintritt in den Dom. Aber die Leute hätten damit auch noch ein paar Monate warten können. Immerhin ein Drittel von ihnen entschied, mehr als den Mindestbeitrag von 20 Euro zu bezahlen, ähnlich viele kamen selbst nicht aus Köln oder dem Umland. Diese Erkenntnis sollten die Kirchen in einem viel breiteren Kontext als Chance begreifen. „Ich hätte mir langfristig vorstellen können, dass eine Art Stiftung oder ein Fonds eingerichtet wird, in den die Stadt Köln, das Erzbistum, das Domkapitel, Spender und Kaufleute einzahlen“, schlug die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner anstelle der Eintrittsgebühr vor.
Den Erhalt des Doms würde die Gemeinschaft tragen. Das wäre dann tatsächlich christlich.