Indexpolicen wurden einst als Zukunft der Anlage gefeiert. Versprochen war attraktive Rendite bei garantierter Sicherheit. Ein Jahrzehnt später bleibt von der Rendite nichts, dafür allerdings hohe Kosten.
„Du kannst nicht verlieren, du kannst nur gewinnen. Wer möchte das nicht?“ So wird dem Hanauer Holger Brill eine sogenannte Indexpolice vorgestellt. Gemeinsam mit seiner damaligen Lebenspartnerin Julia Stroh will er im Jahr 2011 für ihren neugeborenen Sohn vorsorgen. Gedacht ist das Geld für in knapp 20 Jahren, das Kind soll zur Volljährigkeit genug für ein Studium oder ein eigenes Auto haben.
Ein enger Freund der jungen Familie arbeitet als örtlicher Berater für die Sparkassenversicherung, eine Tochter der Sparkassengruppe. Speziell auf Versicherungen zugeschnitten, vertreibt die SV Klassiker der Altersvorsorge wie Riesterverträge und Rentenversicherungen. Der Berater hat ein neues Produkt im Angebot, sagt er. Einen „SV IndexGarant“, dieser sichere eingezahlte Beiträge, und erzielte Gewinne blieben dauerhaft erhalten. Der Vertrag sei außerdem flexibel kündbar.
Wenn Sicherheit zum Verkaufsargument wird]
Die Beratung macht Eindruck, das Elternpaar wähnt sich schnell auf dem richtigen Weg. Holger Brill erinnert sich: „Uns wurden Grafiken gezeigt mit zweistelligem Kurswachstum pro Jahr.“ Der Vertrag wirkt wie sprichwörtliche Wunderwaffe für Kapitalaufbau.
Was Julia Stroh und Holger Brill nicht wissen: Hinter dem Begriff „IndexGarant“ verbirgt sich kaum mehr als eine klassische Rentenversicherung, allerdings mit besonderer Vertragskonstruktion. Und die hat es in sich: In der Theorie versprechen indexgebundene Rentenversicherungen, garantierte Beiträge und Börsenrendite verbinden zu können. Ein Teil wird sicher, ein anderer Teil in ertragsstarke Börsenfonds investiert. Das ist allerdings irreführend.
Langfristige und sichere Anlage
Zentral wie bei allen Rentenversicherungen ist die langfristige Anlage in festverzinstes Sicherungsvermögen. Dies ist aus Sicht der Versicherungsgesellschaft langfristig, planbar, aber für Anlegerinnen und Anleger auch wenig ertragsstark. Lediglich die Überschüsse können auf Wunsch in Optionen auf einen Index wie den DAX investiert werden. Damit liegt der spekulative und somit ertragsreiche Anteil der Anlage bei einem Anteil von nur wenigen Prozent pro Jahr. In Summe ergibt sich eine Rentenversicherung, garniert mit dem Gefühl eines Wertzuwachses durch Aktien und Fonds.
Dies ist allerdings kaum möglich, wie Wirtschaftswissenschaftler Andreas Hackethal von der Frankfurter Goethe-Universität erklärt: „Es landet nur ein überschaubar großer Anteil am Kapitalmarkt. Und von den Erträgen kommt nur ein kleiner Teil bei den Kundinnen und Kunden an.“ Von einem im Namen suggerierten „Index“ könne nicht wirklich die Rede sein.
Die Kosten als Killer
Hinzu kommen komplexe Mechanismen wie jährliche Gewinndeckelungen der Optionen, auch als „Caps“ bezeichnet. Diese verhindern zwar, dass der Anlagesumme Minusrenditen am Markt negativ zu Buche schlagen, dafür ist das Wachstum nach oben ebenfalls begrenzt. Dies verhindert den für Wertentwicklung so wichtigen Zinseszinseffekt geradezu vollständig. Was in guten Börsenjahren nach oben begrenzt ist, wirkt in schwachen Jahren stabilisierend. Unterm Strich bleibt die Wertentwicklung jedoch oft hinter den Erwartungen zurück.
Im Fall des Hanauer Elternpaares fällt ein Detail erst Jahre später auf: Der Vertrag läuft 39 Jahre lang, die maximale Laufzeit. „Spätestens da hätte ich gesagt: Sie haben wohl den falschen Vertrag, wir haben keine neununddreißig Jahre Laufzeit“, zeigt sich Brill später bestürzt. Beide hadern mit der Laufzeit des Vertrags, die sei nicht mitgeteilt worden.
Zum Stichtag Ende Juli 2025 sind 25.200 Euro eingezahlt. Der Rückkaufswert liegt deutlich darunter. „Hätten wir das Geld die letzten vierzehn, fünfzehn Jahre unter dem Kopfkissen gelassen, hätten wir heute mehr“, so Brill. Besonders ärgert Julia Stroh die mangelnde Kommunikation des Versicherers: „Auch nach Jahren frage ich mich noch: Was haben wir hier eigentlich für einen Vertrag? Ich werfe der Sparkasse völlige Intransparenz vor.“
Für Laien kaum zu erkennen
Tatsächlich können bei solchen Verträgen Abschlussprovisionen und laufende Verwaltungskosten eine entscheidende Rolle spielen. Sie werden über viele Jahre verrechnet und schmälern gerade in der Anfangszeit das Vertragsguthaben deutlich. Die zentrale Frage beim Vergleich verschiedener Angebote lautet daher: Wie hoch sind die Gesamtkosten? Und diese sind für Laien nicht immer leicht zu erkennen. Julia Stroh und Holger Brill können sich nicht erinnern, über die Kosten aufgeklärt worden zu sein.
Ein Beratungsprotokoll, das den Ablauf der Beratung dokumentieren könnte, ist nach Angaben des Unternehmens nicht mehr auffindbar. Auf Nachfrage des Wirtschaftsmagazins mex im hr-Fernsehen verweist die Sparkassenversicherung allgemein auf die „Sicherung positiver jährlicher Wertentwicklungen zur Erhöhung der Altersvorsorge.“ Brill und Stroh fühlen sich allein gelassen, suchen aus Verzweiflung die Öffentlichkeit. „Wenn wir schon nichts für uns bewirken können, vielleicht können wir einer Familie draußen helfen“, sagt Stroh. Brill stört der in der Werbung suggerierte Eindruck: Das Produkt werde weiterhin so beworben, als bringe es nur Vorteile.
Lehren für die Altersvorsorge
Experte Hackethal rät, bei langfristigen Vorsorgeverträgen genau hinzusehen. Wie hoch sind Abschluss- und Verwaltungskosten? Wie groß ist der tatsächlich investierte Anteil am Kapitalmarkt? Und wie transparent werden Nachteile und Schwachpunkte eines Vertrages wirklich kommuniziert? Indexpolicen mögen für ganz bestimmte Sicherheitsbedürfnisse sinnvoll sein. Doch die Kombination aus langen Laufzeiten, komplexer Konstruktion und teils hohen Kosten macht sie erklärungsbedürftig. Zudem sieht nicht nur die Erfahrung von Brill und Stroh kritisch aus.
Die Stiftung Warentest rät seit Jahren ganz generell von dieser Produktklasse ab. Die Verbraucherschützer zeigen, dass die Werbung zu viele Versprechen macht, die Realität aber andere Zahlen liefert: hohe Kosten, oftmals komplizierte Indexbeteiligungen und die Tatsache, dass Kundinnen und Kunden häufig nur geringe oder gar keine Renditen erhalten. Sie führen im Test dazu, dass kein getesteter Tarif uneingeschränkt empfehlenswert war. Selbst in Jahren mit stark steigenden Börsen entwickelten viele Produkte kaum oder keine positive Verzinsung, weil Gewinne gedeckelt werden und Verluste nicht direkt weitergegeben werden dürfen – und das bei teils sehr hohen Gebühren.
Zu gut, um wahr zu sein
Deshalb empfehlen die Testerinnen und Tester stattdessen andere, transparentere Vorsorgeformen, wenn man am Kapitalmarkt einsteigen möchte. Immerhin hat sich der Versicherer inzwischen nach der Berichterstattung im hr mit der Vertragssituation beschäftigt. Brill darf sein eingezahltes Kapital zurückfordern.
Für das Hanauer Elternpaar bleibt nach 15 Jahren ertragslos eingezahltem Kapital die ernüchternde Erkenntnis: Wenn ein Finanzprodukt zu gut klingt, um wahr zu sein, lohnt sich ein zweiter Blick.
Source: tagesschau.de