Im Hafen der nordwestrussischen Stadt Wyborg ist offenbar ein eisfähiges Patrouillenboot des Inlandsgeheimdiensts FSB durch einen ukrainischen Drohnenangriff beschädigt worden. Ukrainische Telegramkanäle veröffentlichten am Mittwoch Fotos, die ein schräg liegendes Boot zeigen. Demnach heißt es „Purga“; dagegen handelte es sich laut dem russischen Kriegsblogger Wladimir Romanow um ein Patrouillenboot des Namens „Dserschinskij“, nach dem im FSB ungebrochen verehrten Gründer der sowjetischen Geheimpolizei.
2024 hatte sich der ukrainische Militärgeheimdienst HUR zwei Brandanschläge auf russische Kriegsschiffe im Ostseehafen von Baltijsk (Pillau) in der Exklave Kaliningrad zugutegehalten. Jetzt dürfte sich um den ersten Fall handeln, in dem eine ukrainische Drohne ein für den Einsatz in der Ostsee vorgesehenes russisches Schiff beschädigt hat.
Russische Blogger offenbarten die Schäden
Offiziell zugegeben wurde der Vorfall in Russland nicht. Alexandr Drosdenko, der Gouverneur des Leningrader Gebiets, in dem Wyborg liegt, schrieb am frühen Mittwochmorgen auf Telegram, insgesamt seien über dem Gebiet 56 Luftdrohnen zerstört worden. In Wyborg sei das Dach eines Wohnhauses beschädigt worden. Zudem werde auf dem Gelände des für den Rohstoffexport wichtigen Hafens von Ust-Luga unweit der Grenze zu Estland ein Brand „lokalisiert“, schrieb Drosdenko. Der Blogger Romanow verbreitete allerdings ein Video, das zeigen soll, wie hohe Flammen aus einer Gasanlage des russischen Konzerns Novatek schlagen.
Schon in der Nacht auf Montag hatte es laut Drosdenko einen Angriff ukrainischer Drohnen auf das Leningrader Gebiet gegeben. Mehr als 70 seien abgefangen worden, hatte der Gouverneur dazu geschrieben. Im für den Ölexport bedeutenden Ostseehafen Primorsk sei ein Behälter mit Treibstoff beschädigt worden, ein Feuer sei ausgebrochen und werde gelöscht. Zudem war in der Nacht auf Montag der Flughafen von Sankt Petersburg stundenlang für Starts und Landungen gesperrt gewesen, wie es in Russland bei Drohnenalarm üblich ist.
In der Nacht auf Mittwoch kamen allerdings offenbar mindestens drei der ukrainischen Drohnen vom Kurs ab und gelangten nach Estland und Lettland. In Nordostestland, nahe der Stadt Narva an der Grenze zu Russland, traf eine Drohne den Schornstein des Kraftwerks von Auvere.
Das Betreiberunternehmen Enefit Power teilte mit, dass das Ölschieferkraftwerk nicht direkt beschädigt worden sei und dass der Vorfall die Stromversorgung nicht beeinträchtige. Im äußersten Südosten Lettlands ging eine Drohne in der Ortschaft Dobročina im Bezirk Krāslava nieder, der an Belarus grenzt. Nach Behördenangaben detonierte dabei eine Sprengladung, ohne Schäden anzurichten. Demnach drang eine weitere Drohne in den Luftraum des Landes ein, drehte dann aber wieder „in Richtung Russland“ ab.
Litauen: Kiews Drohnen „Folge des russischen Krieges“
Lettlands Präsident Edgars Rinkēvičs sprach von einer angemessenen Reaktion aller beteiligten Behörden. Die auf lettischem Gebiet niedergegangene Drohne sei Teil der ukrainischen „Operation gegen Objekte in Russland“ gewesen. Die wichtigste „Herausforderung“ bleibe es, die Luftverteidigung zu stärken. „Leider können wir nicht ausschließen, dass sich solche Vorfälle in Zukunft wiederholen.“ Die lettische Ministerpräsidentin Evika Siliņa hob es als gutes Zeichen hervor, dass die Drohne von der Luftverteidigung ihres Landes bemerkt worden sei. Der lettische Verteidigungsminister Andris Sprūds teilte mit, wegen des Vorfalls einen Besuch in Kiew abzubrechen.
Schon am Montag war eine Drohne auf litauischem Gebiet niedergegangen, ohne Schäden anzurichten. Litauische Behörden waren auch in diesem Fall davon ausgegangen, dass es sich um eine ukrainische Drohne handelte, die durch Störfunk vom Kurs abgekommen sei.
Mit Blick auf die Vorfälle in allen drei baltischen Staaten äußerte der litauische Verteidigungsminister Robertas Kaunas am Mittwoch, „all das ist eine Folge des russischen Krieges“. Die Luftverteidigung sei eine Herausforderung für die gesamte NATO. Im September waren russische Drohnen teils weit in den polnischen Luftraum eingedrungen.
Source: faz.net