In seinem Job, sagt Sascha, wisse man nie, was einen erwartet. „Wichtigstes Ziel für uns ist es, jeden Tag gesund nach Hause zu kommen.“ Auch wenn es ein ruhiger Tag ist, irgendetwas passiert immer. Beleidigungen zum Beispiel. Sascha bekommt sie so gut wie jeden Tag zu hören. Sie sind hier am Frankfurter Hauptbahnhof Teil des Alltags, wie die Züge, die Verspätungen, die Hunderttausende Reisenden, aber auch die Bettler, die Trinker und die Drogenabhängigen.
„Wenn man von einem Junkie beschimpft wird, gehört das irgendwie dazu“, sagt Sascha. Aber es sind eben nicht nur die Abhängigen, die ihn beschimpfen. Es sind auch „ganz normale Leute“, die ihre Wut und ihren Frust bei Bahnmitarbeitern wie ihm abladen.
Martin Burkert, der Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, spricht davon, dass Beschäftigte in den Zügen und an Bahnhöfen zunehmend zur „Zielscheibe einer sich verrohenden Gesellschaft“ würden – bedroht, bespuckt und angegriffen. Im Februar starb ein Zugbegleiter nach einem Angriff. Jeder zweite Bahnmitarbeiter hat laut einer Umfrage der Gewerkschaft bereits einen körperlichen Übergriff erleben müssen. Verbale Übergriffe wie Beleidigungen oder Bedrohungen haben sogar schon 85 Prozent der Befragten erlebt.
27.818 Gewalt- und 2209 Sexualdelikte
Sascha ist da keine Ausnahme. Dabei sieht er aus, wie jemand, mit dem man sich nicht anlegen möchte. Kräftig wie er ist, mit der Glatze und dem Bart, könnte er in jedem Wikingerfilm mitspielen. Er ist hier am Hauptbahnhof, um für Sicherheit zu sorgen, für die der Bahnmitarbeiter und die der Reisenden – und weil das nicht allen passt, steht in diesem Text nur sein Vorname.
In Zeiten, in denen die Gewalt im öffentlichen und auch im digitalen Raum immer weiter zunimmt, braucht selbst einer wie Sascha Schutz. Für ihn sind üble Beleidigungen auch eine Form von Gewalt. „Vieles prallt an uns ab, man bekommt ein dickes Fell.“ Wenn es aber ernst wird, werde jeder Fall von Beleidigungen und Angriffen angezeigt.
Im vergangenen Jahr erfasste die Bundespolizei laut vorläufigen Zahlen der Polizeilichen Eingangsstatistik an Bahnhöfen und in Zügen mehr als 208.000 Straftaten, darunter 27.818 Gewaltdelikte und 2209 Sexualdelikte. Die meisten Straftaten wurden in den Hauptbahnhöfen von Köln, Hamburg, Hannover, Leipzig und eben Frankfurt verübt. Allein in Frankfurt gab es im vergangenen Jahr 520 registrierte Gewaltdelikte.
Bei der Bundespolizei ist mit Blick auf den Frankfurter Hauptbahnhof von einer „hohen Kriminalitätsbelastung“ die Rede, bei der insbesondere Gewalt- und Eigentumsdelikte im Fokus stünden: „Neben dem sehr hohen Reisendenaufkommen ist er auch Aufenthaltsort verschiedener Personengruppen und Milieus, wodurch regelmäßig komplexe Einsatzlagen entstehen.“ Das habe unter anderem mit den ausgeprägten sozialen Problemlagen im unmittelbaren Umfeld zu tun.
Was die Bundespolizei hier zurückhaltend formuliert, drückte eine englische Zeitung einmal so aus: Das Frankfurter Bahnhofsviertel sei „Zombieland“, Deutschlands gefährlichster Slum, eine No-Go-Area, bevölkert von Junkies und Dealern.
Hemmschwelle für Gewalt sinkt
Die Bahn selbst betont zwar, dass das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, sehr gering sei – bei täglich 20 Millionen Reisenden in den rund 5700 Bahnhöfen des Landes. Aber: „Mehr Konflikte und Übergriffe gibt es im öffentlichen Verkehr leider genauso wie bei Polizeien, Feuerwehren, Rettungsdiensten und in Behörden mit Bürgerkontakt“, so eine Sprecherin.
Anspannung und Respektlosigkeiten in der Gesellschaft nähmen zu, die Hemmschwelle für Gewalt sinke. Im Bahnhof würden „all jene Konflikte ausgetragen, die auch auf Plätzen, in Parkanlagen, in öffentlichen Einrichtungen und auf Straßen überall in Deutschland stattfinden“.
Sascha und sein Team sollen das verhindern. Er ist Einsatzleiter der Mobilen Unterstützungsgruppe der Deutschen Bahn, kurz MUG. Das ist die Eingreiftruppe. Sascha und seine Leute sind da, wenn eine Streife aus zwei Sicherheitskräften nicht mehr ausreicht. Wer der Gruppe angehören will, braucht nicht nur Erfahrung, sondern muss auch physisch und psychisch fit sein, Aufnahmetests bestehen, erzählt Sascha.
Denn das, was er und seine Kollegen Tag für Tag erleben, steckt nicht jeder weg. Auch sie tun das nicht immer. Manchmal wird man die Bilder nicht mehr los. Auch nicht, wenn man wie Sascha schon einmal im Rettungsdienst gearbeitet hat.
Da ist zum Bespiel der März vor drei Jahren. Damals wurde ein zwölf Jahre alter Junge außerhalb von Frankfurt von einem Zug erfasst. Sie waren als Erste vor Ort, mussten die Unfallstelle absperren. „Die Bilder bleiben in dir drin“, sagt Sascha. Ein anderer Sicherheitsmann wird später erzählen, dass er versuche, alles Erlebte nicht mit nach Hause zu nehmen. Es vorher aus dem Kopf zu löschen, da man es ansonsten nicht aushalte.
„Wir sind immer da, wo es brenzlig wird“, sagt Sascha. Das ist der Fall bei sogenannten Sonderlagen wie etwa Demos, Fußballspielen oder Großveranstaltungen. Aber auch wenn es um Körperverletzungen oder Vandalismus geht. Und jeden Tag sind sie am Frankfurter Hauptbahnhof, hier beginnt ihr Tag, und hier endet er.
Erst Bundeswehr, dann Begleitschutz
Normalerweise sind Sascha und sein Team zu zehnt unterwegs. Das hat einen einfachen Grund. Beleidigt werden sie zwar immer wieder. Aber weiterzugehen, das traut sich dann doch kaum noch jemand. An diesem Tag aber ist Sascha nur in Begleitung von Mario: ebenfalls Glatze, noch größer, noch breiter und wie Sascha seit etlichen Jahren in der Sicherheitsbranche unterwegs.
Sascha war früher unter anderem bei der Bundeswehr. „Danach kam ich ins Sicherheitsgewerbe, Begleitschutz, Geldtransport und anderes.“ 2021 heuerten er und Mario bei der Bahn an. Im Jahr darauf absolvierten sie beide die Aufnahmeprüfung für die MUG. Sascha wird in diesem Jahr 47. „Mit den vielen Jobwechseln ist jetzt Schluss“, sagt er.
Sascha und Mario machen ihre Runde durch den Bahnhof. Einmal an den Gleisen entlang. An Gleis 1 herrscht wieder Ruhe. Wenige Minuten zuvor hatte dort ein Mann auf dem Boden gelegen, das Gesicht auf den kalten Steinen, und gebrüllt. Polizei und ein Team von der DB Sicherheit hatten ihn überwältigt, zu zweit hatten sie auf ihm knien müssen, um ihn ruhig zu halten. „Das ist dann das, was die Leute sehen“, sagt Sascha. „Das, was vorher alles passiert, das sehen sie nicht.“
Am Abend drängt das „Zombieland“ in die Halle
Mit ihren neongelben Schutzwesten sind Sascha und Mario wie zwei Leuchttürme in der Rushhour. Hin und wieder fragt sie jemand nach dem Weg oder nach dem nächsten Zug. Dafür sind sie da, auch wenn Handschellen, Abwehrspray und Einsatzstock – so nennen sie den Schlagstock, der nur als letztes Mittel der Eigenverteidigung genutzt werden darf – nicht danach aussehen. Doch oft sind sie die ersten Ansprechpartner für Reisende.
Sobald die beiden in Sichtweite auftauchen, suchen die Drogenabhängigen und Bettler das Weite. Die sind typisches Klientel hier am Frankfurter Hauptbahnhof, vor allem am Abend. Dann drängt das Elend aus dem „Zombieland“ in die Halle und die Gänge des Bahnhofs. Aber nicht nur das örtliche Milieu macht Probleme, sondern auch „überregional agierende, professionell organisierte Tätergruppierungen“, die laut Bundespolizei im Bahnhof agieren.
Sind Sascha und Mario wieder weg, sind die Vertriebenen wieder da. Es ist das tägliche Katz-und-Maus-Spiel. Auf beiden Seiten wird an der Taktik gefeilt. Es gebe Bettler, erzählt Sascha, die hätten Kinderwagen dabei, weil sie wüssten, dass sie dann nicht verfolgt werden. „Wir müssen die Bettler in Aktion erwischen“, sagt Sascha. „Sonst haben wir keine Handhabe.“ Manchmal kommen die Männer und Frauen der MUG deshalb von allen Seiten oder sind in Zivil unterwegs und nicht als leuchtender „Hummelhaufen“.
In der Bahnhofsvorhalle kauert ein Mann auf einem Betonblock, verschorfte Wunden im vom Alkohol gezeichneten Gesicht. Sascha und Mario sprechen ihn an. „Do you speak english?“ Irgendwann reagiert der Mann, lallt etwas, Daumen hoch. Ein Rettungswagen, sagt Sascha, würde den Mann nicht mitnehmen. Dafür ist er zu ansprechbar. Auch ein Fall für die Polizei ist er nicht.
„Wir können ihn aber auch nicht rausschicken.“ Zumindest nicht an diesem Tag, bei kaum mehr als zehn Grad und Regen. Also lassen sie ihn auf dem Beton kauern. „Wenn er alkoholisiert ist und aggressiv auftritt, dann müssen wir etwas machen“, sagt Sascha. Solange heißt es aufpassen, dass der Mann sich nicht Richtung Gleise aufmacht. Sascha sagt, es sei immer eine schmale Gratwanderung zwischen menschlich bleiben und seinen Job machen. Obdachlose würden sie beispielsweise nicht wecken, um sie zu ärgern, sondern oft, um zu schauen, ob sie überhaupt noch lebten.
Sie unternehmen auch nichts, wenn jemand ihnen Essen zusteckt. „Aber wenn man ihnen Geld gibt, dann wandert das direkt in die Lunge oder in die Vene. Das sehen wir jeden Tag und versuchen, den Leuten zu erklären, warum sie nichts Gutes tun, wenn sie Geld geben.“ Es ist vor allem Crack, das das Bahnhofsviertel zum „Zombieland“ gemacht hat. Fast immer, wenn es Probleme gibt, hat das mit Drogen, viel auch mit Alkohol zu tun, dem Tetrapack „Pennerglück“. Hausverbote helfen hier nicht. „Wenn ich einem Junkie ein Hausverbot gebe, juckt es den nicht“, sagt Sascha.
Mit Messer, Schere und völlig von Sinnen
Draußen auf dem Vorplatz erzählen Mario und er von den 300 Gramm Kokain, die sie hier mal gefunden haben. Von dem Typen, der mit Messer und Schere vor Mario auftauchte, völlig von Sinnen, sich nicht einmal von Pfefferspray stoppen ließ. „Die Hände“, sagt Sascha, „haben wir nie in der Hosentasche. Man muss stets agieren können.“ Gewalt sei dabei immer das letzte Mittel. Über vieles könne man reden. In Saschas Team sprechen sie viele Sprachen, allein sein Stellvertreter beherrscht sieben. Das macht vieles einfacher. Aber: „Es kann immer eskalieren.“
Gewalt, nicht nur verbale, sagen Sascha und Mario, erlebten sie immer wieder. Aber längst nicht so viel wie die Männer, die alltäglich in Zweiergruppen unterwegs sind und nicht wie sie in der Truppe. Sechs dieser Zweiergruppen vom Sicherheits- und Ordnungsdienst sind am Frankfurter Hauptbahnhof rund um die Uhr im Einsatz.
Seit vergangenem September gibt es zudem eine Kooperationsvereinbarung zwischen Bahn, Stadt Frankfurt, Landes- und Bundespolizei sowie der Verkehrsgesellschaft Frankfurt, um die Sicherheit unter anderem am Hauptbahnhof zu verbessern. Geschehen soll das etwa durch gemeinsame Sicherheitsstreifen an sogenannten neuralgischen Punkten.
Einer aus den Zweierteams der DB Sicherheit ist Alexander. Er sagt, er sei froh über seine Arbeit, könne sich nicht vorstellen, in einem Büro rumzusitzen. „Ich muss draußen sein und mich bewegen.“ Aber er sagt auch: „Du siehst Elend, das tut im Herzen weh.“ Ein Klassenkamerad von einst ist heute suchtkrank, manchmal sieht Alexander ihn hier, wie die Drogen ihn zerfressen. Auch Alexander sagt über seine Arbeit: „In 99 Fällen geht es gut, aber dann kracht es.“
Wenn es kracht, hat er am meisten Angst vor den Krankheiten. Er zieht sich dann ein Tuch vor den Mund. Manchmal hilft auch das nicht. Einem Kollegen wurde in den Arm gebissen. So gut wie jeder Sicherheitsmann hat solche Geschichten erlebt. Sei es ein Angriff mit einer Spritze, einer abgebrochenen Bierflasche oder einer Machete, die ein Jugendlicher unter der Jacke hervorzieht.
An diesem Tag immerhin bleibt es ruhig. Keine Bisse, keine Gewalt, nur das Übliche. Sascha sagt, auch er schätze an seiner Arbeit, dass er nie allein ist und mit Menschen zu tun hat. „Kein Tag ist wie der andere, und nie kommt Langeweile auf. Dass wir Menschen helfen können, ist ein schönes Gefühl.“ Er erlebt auch Dankbarkeit. Aber sie sei „seltener geworden“. In Erinnerung geblieben ist Sascha ein älterer Herr, der mal als Dankeschön ein paar Croissants vorbeibrachte. Man weiß eben nie, was einen erwartet.
Source: faz.net