Eine Zeitabschnitt geht zu Ende

Die Buchbranche zeigt sich protestfreudig. Die erratische Kommunikation des Kulturministers nicht nur zum Buchhandlungspreis gab dazu auch Anlass. Allerdings gibt es andere Probleme in der Branche. Sie zu übersehen, wäre fatal.

Dass es keine gewöhnliche Buchmesse werden würde, stand schon vor der Eröffnung fest: Es werde Demonstrationen geben, erzählte man sich im Literaturbetrieb, und Störungen von Veranstaltungen, bei denen Wolfram Weimer, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, auftreten wolle. Etwa bei der feierlichen Eröffnung im Leipziger Gewandhaus, dem Händeschütteln in den Messehallen oder einer Diskussion zum Thema Meinungsfreiheit.

Grund der Empörung war, zumindest vordergründig, der Ausschluss von drei Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis und die Absage der Verleihung. Das Haber-Verfahren, das es Ministerien erlaubt, Informationen über Personen und Organisationen einzuholen, die Fördermittel beantragen, habe verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse über die Buchhandlungen zutage gefördert, so Weimer. Was den linksalternativen Buchhandlungen konkret vorgeworfen wurde, blieb, wie bei dem Verfahren üblich, unbekannt.

Der Fall war von einer seltsam schlingernden Kommunikation Weimers begleitet, ähnlich wie im Fall der Beinahe-und-dann-doch-nicht-Abberufung der Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle. So hatte Weimer vor Tagen auch dem Ausbau der Leipziger Stelle der Deutschen Nationalbibliothek erst eine Absage erteilt, um sich später zu korrigieren. Der Effekt war in etwa so, als hätte er gesagt, ein Museum könne Exponate auch digital zeigen, statt sie auszustellen oder jeder sich seine Bücher doch selbst runterladen, wenn er lesen wolle. Von einem Schöngeist, der Thomas Mann verehrt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit vom „Gehäuse“ spricht, hatte man mehr intellektuellen Takt erwartet. Für weite Teile der Kulturszene jedenfalls steht spätestens jetzt fest: Weimer ist eine Fehlbesetzung im Amt, wacht aber ärgerlicherweise über Gelder, auf die sie angewiesen ist.

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Fest steht allerdings auch, dass der Literaturbetrieb sich in einem Transformationsprozess befindet, dessen Ausmaße noch nicht abzuschätzen sind; nicht nur, aber auch wegen stetig sinkender Leserzahlen. Es vollzieht sich ein Generationenwechsel, mit dem die spätbundesrepublikanische Ära – symbolisiert durch den Tod von Jürgen Habermas vor ein paar Tagen – endgültig an ihr Ende gekommen ist – und damit auch ihre Konventionen und ökonomischen Sicherheiten.

Das Misstrauen bleibt

In Leipzig zeigte sich der Literaturbetrieb wie üblich protestfreudig. Zu sehen waren die bekannten Formen von folkloristisch (rote Karten gegen „Gesinnungsschnüffelei“) bis intellektualisiert (Reden über die widerständige Macht des Wortes und die Wichtigkeit des Buches für die Demokratie).

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Wo es um aktive Förderung mit Steuergeld geht, hat der Staat eine Sorgepflicht, so Weimer. Das ist richtig. Nur: wenn unbekannt ist, was den ausgeschlossenen Buchhandlungen konkret vorgeworfen wird, bleibt das Misstrauen, der Staat mische sich eben doch in mehr ein als nur in die Frage, wen er fördert und wen nicht.

Weimer täte der Branche einen Gefallen, ließe er sich auf den Vorschlag des Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, ein: ein unabhängiges Gutachten in Auftrag zu geben. Es wäre ein Befreiungsschlag: für sein Amt und für den Literaturbetrieb, der vor lauter Weimer-Wut etwas zu fest die Augen zukneift und nicht sieht, welche Umwälzungen vor ihm liegen. 

Source: welt.de

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