Obwohl eigentlich alles wie immer ist, tut sich die aktuelle Staffel der Erfolgsshow bisher schwer – auch quotenmäßig. Liegt es an den extrem vielen Werbeblöcken? Oder doch an den Kandidaten?
Zu Beginn gab der Ansager der vierten Show des 2026er-Jahrgangs von „Let’s Dance“ ein Versprechen. Voller Inbrunst rief die animierende Stimme aus dem Off in das „Coloneum“ in Ossendorf bei Köln und all die Haushalte der Republik: „Wir machen den Sonntag zum Freitag!“ Das war das Ziel. Oder besser gesagt: die Hoffnung.
Denn Freitagabend ist für den RTL-Zuschauer, das muss man allen Nicht-so-tief-Drinsteckenden erklären, seit vielen Jahren in jedem Frühjahr „Let’s Dance“-Zeit. Ende Januar ist Dschungel, danach wird getanzt. Das weiß der Zuschauer, der noch lineares Fernsehen schaut. Da ist er ganz Gewohnheitstier.
„Let’s Dance“, das bedeutet seit vielen Jahren Gute-Laune-Garantie am Freitag von 20.15 Uhr bis Mitternacht, manchmal auch darüber hinaus. Man muss dran bleiben, weil man in der Live-Show bis zum Ende jede Woche per Telefon bestimmen kann, wer bleibt – und damit auch der Jury um den strengen Herrn Llambi noch das zuvor von ihnen gefällte Urteil vermiesen kann. Dass die Show gestern um 0.15 Uhr erst entschieden wurde, wäre an einem normalen Freitag der „Let’s Dance“-Gemeinde egal, denn dann wäre ja: Wochenende! Und in das tanzt man gern rein. Wenn schon nicht (mehr) selbst, dann wenigstens stellvertretend durch andere, die es eigentlich auch nicht so gut können, sich aber mit kräftiger Hilfe von Profis und sehr viel Ehrgeiz jede Woche für ebendiesen Freitagabend einen Tanz und eine Choreografie draufschaffen.
Mit der Zeit findet man dann seinen Liebling und fiebert mit ihm oder ihr mit – bis zum großen Finale. Das ist das Erfolgsrezept von „Let’s Dance“. Welches aber aktuell nur noch mittelgut funktioniert. Die Quoten der Kennenlernshow waren noch sehr ordentlich, mit 3,19 Millionen Zuschauern insgesamt und knapp 18 Prozent Marktanteil in der für die Werbungsverkäufer von RTL wichtigen Zielgruppe. Es waren aber auch schon mehr als vier Millionen, die den „Opener“ sahen, also für so eine Erfolgsshow eher solide. In den folgenden Shows schrumpfte die Zuschauergemeinde jedoch zusehends – zuletzt von Show zwei auf drei um eine halbe Million. Und nicht nur die „beim RTL“ fragen sich: Was ist da los?
Da vom Rahmen her alles exakt so fest betoniert ist, wie die Haare von Jorge González, alles auch 2026 äußerst professionell vor sich hinschnurrt – von der 3er-Jury mit crazy Jorge, der immer lauter kreischenden „Ich muss es fühlen“ Motsi Mabuse und dem strengen Herrn Llambi, der immer mehr zum gespielten Herrenwitz mutiert, dazu der „freche“ Daniel Hartwich auf der Tanzfläche und die bei den Kandidaten routiniert Empathie-simulierenden Victoria Swarovski als Moderatoren, ja selbst die Tanzfläche im „Coloneum“ und weitestgehend auch die coachenden und choreografierenden Profitänzer, muss es an etwas anderem liegen. Nur woran? Ist es schlichte Abnutzung? Natürliche Formatalterung? Kann eigentlich, siehe Dschungelcamp, kein Grund sein.
Schaut man in die Social-Media-Kanäle, also in die sogenannte Community, die seit Jahren mit sehr viel Spaß jeden Tanz und jedes Details kommentiert, dann ist ein Grund für die bisher überschaubare Begeisterung für Staffel 19 vor allem: Dass die „beim RTL“, bekanntlich gerade wie alle Privatsender angesichts der allgemeinen Werbeflaute klamm (Massenentlassungen!), wirklich so viele Werbeunterbrechungen einbauen wie möglich. Gestern waren es acht, bei elf Kandidaten.
Und wenn dann auch noch hinzukommt, dass „Show 4“ mit dem Motto „Idols Night“ eben nicht Freitag gesendet werden konnte (Länderspiel der Fußball-Männer schlägt sogar ein Unterhaltungsdickschiff wie „Let’s Dance“), dann fragt sich etwa ein User mit dem X-Namen „Avialle“ bereits nach der zweiten Werbepause, die zuverlässig nach dem zweiten Tanz kam: „Alter. Morgen ist Montag. Ich muss arbeiten. Aber ne, schon nach jedem Tanz Werbung.“ Und derselbe ein paar Stunden später: „Macht hinne Leute. Ich will ins Bett.“
Doch, wie sagte es Moderator Daniel Hartwig einmal an diesem Abend, der die ganzen vier Stunden als Andre Agassi Double im hochgeschlossenen Trainingsanzug und mit 80er-Jahre-Perücke ausharren musste: „Da kennst Du ‚Mein RTL‘ schlecht.“
Bleibt also die Frage, woran es liegt, dass die Staffel noch nicht richtig ins Rollen kommt. An dem frühen Ausscheiden von prominenten Gesichtern wie der Moderatorin Sonya Krauss, deren Gesicht mancher Zuschauer aber nach allzu viel liebevoller Behandlung kaum mehr erkannt haben dürfte oder von „Ekat“ Leonova, dem weiblichen Star unter den Profitänzern, die diesmal kein zweites Ingolf-Lück-Wunder mit dem staksigen und auf der Tanzfläche seltsam gehemmten Comedian Simon Gosejohann hinbekam. Oder liegt es schlicht daran, dass der weitere Weg sehr vorgezeichnet ist. Seit Sendung eins ziehen vier „Promitänzer“ ziemlich einsam ihre Kreise, vom strengen Juror Llambi wurden drei davon bereits ins Finale gequatscht.
Da ist zum einen der superfitte, supersportliche und superglatte Schweizer „Ninja Warrior“-Sieger Joel Mattli, der gestern mit seiner Profi-Partnerin Malika – es war „Idols Night“, er war als Elvis Presley verkleidet, für seinen Jive als erster in dieser Staffel die volle Jurypunktzahl von 30 (dreimal volle 10 Punkte) bekam. Dann ist da der Schwiegermuttertraum und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“-Mime Jan Kittmann, ein begabter Tänzer, aber wenig interessant in der Selbstverkaufe, der mit der aktuell besten Choreografin der Show, Kathrin Menzinger, von der Jury unverdient „nur“ 26 von 30 Punkten bekam.
Als Frau im Quartett strahlt äußerlich die sehr ehrgeizige, auch tänzerisch sehr begabte Schlager-Sängerin Anna-Carina Woitschack, die es diesmal mit ihrem Profipartner Evgeny Vinokurov als eine Britney Spears auf Steroiden zu „Hit me, Baby“ auf verdiente 27 Punkte brachte. Aber emotional, man merkt es an den Reaktionen, keinen so richtig „abholt“, wie man heute sagt. („Ich fühl’s nicht“, heißt das dann im Netz). Und dann gibt es noch einen kleinen, drahtigen Jungen namens Milano, von dem die meisten sicher auch nach vier Sendungen nicht wissen, was er genau macht als Sänger. Aber er hat eine gute Körperbeherrschung und genießt so etwas wie Welpenschutz. Mit seiner Partner Marta („Die Maschine“, Daniel Hartwig) schaffte er es zu Queens „We will rock you“ wie Jan Kittmann auf 26 Punkte.
Alle anderen Kandidaten, wenn es ums Tanzen geht, spielen zwar das gleiche Spiel, aber sichtbar in einer anderen Liga. Doch, und da liegt das Problem: Es geht eben nicht nur ums Tanzen.
Bester Satz Joel Mattli: „Sich selber treu zu bleiben, das verbindet mich schon ein wenig mit Elvis.“
Bester Satz Anna-Carina Woitschack: „Aufgeben ist keine Option.“
Bester Satz Jan Kittmann: „Als Schauspieler kann ich ohne Text die Szene nicht fühlen. Hier sind die Schritte der Text.“
Bester Satz Milano: „Ich mach‘ alles für meine Mama.“
Man könnte sagen: RTL, wir haben ein emotionales Problem. Oder, wie es die vierjährige Tochter eines Kommentators auf X nach ein paar Minuten treffend fragte: „Wo ist Diego?“
Fürs Emotionale sind bei „Let’s Dance“ oft die weniger begabten Tänzer zuständig, das ist auch diesmal so. Das sieht man vor allem daran, dass Tokio Hotel-Schlagzeuger Gustav Schäfer, der einen erbarmungswürdigen Contemporary zu Phil Collins „In the air tonight“ hinhüpfte, immer noch dabei ist. Warum? „Du bist so eine coole Socke!“ (Joachim Llambi). Auch das „Überleben“ von Influencer Willi Banner ist anders nicht zu erklären. Joachim Llambi in seinem noch milden Urteil für dessen „Stampfo-Doble“ zu „Let me entertain you“: „Du bist da rausgegangen wie ein Metzger …“
Was fehlt: Sympathieträger, die auch richtig gut tanzen können.
Worauf hätte man verzichten können: die „Boys vs Girls Challenge“. 30 Minuten mehr Sendezeit für nichts.
Beste Sprüche: „Du hast geschaut wie der Zauberer von Oz. Sagen wir, wie es ist: Das war nicht Dein Tanz.“ (Juror Joachim Llambi zu Gustav)
„Wir fragen einfach die beste Jury der Welt. (Pause) Oder die, die gerade da ist.“ (Daniel Hartwich)
„Singst Du eigentlich noch?“ (Victoria Swarovski zu No Angel-Nadja Benaissa)
Wer musste gehen: das ehemalige GNTM-Model Betty Taube. Ein wenig überraschend, da gab es schlechtere Auftritte (Gustav, Willi, siehe oben). Lange deutete es auf Esther Schweins hin („Wo ein Wille ist, ist ein Gebüsch“), die mit zwei gebrochenen Rippen einen Slow Fox zusammen mit Massimo Sinató hinlegte, der schlechter wegkam bei der Jury als sie es verdient hatte. Ihr Durchhaltewille aber, sie war vor der Entscheidung um 0.15 Uhr letzte, wurde von den Zuschauern belohnt.
Wie geht es weiter: „Karfreitag ist Tanzverbot“, zumindest live, wie Llambi streng feststellte. Deshalb gibt es eine „Best-of“-Show mit den 30-Punkte-Tänzen aus 18 Staffeln. Regulär geht es dann weiter am 10. April um 20.15 Uhr. Nicht nur RTL wird dann sagen: Thank God it’s Friday.
Source: welt.de