„Ein Wolf ist kein Kuscheltier“

Erstmals seit der Wiederansiedlung hat ein Wolf in Deutschland einen Menschen angegriffen. Ein Experte sieht darin auch die Folge eines verfehlten Naturschutzes. Warum wir zu keinem Tier ein so widersprüchliches Verhältnis haben – und was wirklich hinter „Rotkäppchen“ steckt.

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Am Samstag, den 28. Februar, wurde das Tier erstmals gesehen, in Hamburg-Blankenese, im Sven-Simon-Park und auch am Falkensteiner Ufer. Am Sonntagvormittag gingen bei der Polizei Meldungen vom S-Bahnhof Othmarschen ein. Es folgten Fotos und Videos, die zeigten, wie es über Zäune sprang, und durch Gärten der Elbvororte streifte. Ein Hund, so die besorgten Bürger, sei das nicht. Ein Wolf?

Keine öffentliche Reaktion. Keine Warn-App. Keine Infos an die Medien. Keine Aufforderung, Kinder nicht unbeaufsichtigt draußen spielen zu lassen. Erst am Montag meldete sich die Hamburger Umweltbehörde und gab in einer Pressemitteilung bekannt: Ein Wolf ist in der Stadt. Ein Wildtierexperte habe das nach Auswertung der Aufnahmen bestätigt.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit handele es sich um einen Welpen, der sich in der Abwanderungsphase von seinem Rudel auf der Suche nach einem eigenen Revier verirrt und jetzt Probleme habe, den Weg in die Natur zu finden. Im Falle einer Begegnung mit dem scheuen Tier sei durchaus Vorsicht geboten. Klatschen. Abstand halten. Ansonsten: Hunde anleinen und nur die Ruhe bewahren. Von dem Tier, so hieß es, „geht nach derzeitigem Stand keine Bedrohung aus.“

Wenige Stunden später überschlugen sich die Ereignisse – und die Emotionen.

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Der Wolf, der ungestört bis in die Innenstadt wandern konnte, tauchte am Abend des 30. März in einem Einkaufszentrum in Hamburg-Altona auf. Wie Polizei und Augenzeugen berichten, fiel er eine 65-jährige Frau an, die dem verängstigten Tier, das immer wieder gegen eine Glasscheibe lief, helfen wollte, den Weg nach draußen zu finden. Dabei wurde sie verletzt. Der Wolf stürzte sich auf die Frau, riss sie zu Boden und biss ihr ins Gesicht. Lebensgefährlich war die Verletzung nicht. Noch am selben Abend konnte sie das Krankenhaus wieder verlassen.

Bedenklich bleibt: Die blutige Begegnung im Einkaufszentrum von Hamburg-Altona gilt als erster Wolfsangriff auf einen Menschen seit der Wiederansiedlung des Raubtieres in Deutschland 1998. Gut 150 Jahre lang galt er bei uns als ausgerottet. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kamen die ersten Tiere über Polen nach Deutschland zurück. Heute leben in 282 Wolfsterritorien 219 Rudel, 48 Paare und 15 Einzeltiere. Insgesamt wurden zuletzt 1636 Tiere gezählt.

Der Vorfall in Hamburg hat die Debatte über das Zusammenleben von Mensch und Wolf wie kein anderes Ereignis befeuert. Dass Wölfe sich menschlichen Siedlungen nähern, ist längst nicht mehr außergewöhnlich. Erst im Dezember verfolgte die Polizei einen Wolf durch Lüdenscheid. Irgendwann war das Tier verschwunden. So wie bisher all seine Artgenossen auf Stippvisite in menschlichen Siedlungen. Der jetzige Fall aber führte schockartig vor Augen, was es tatsächlich bedeuten kann, wenn instinktgetriebene Natur und Zivilisation aufeinander prallen.

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Hamburgs Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) zeigte sich auf einer Pressekonferenz sichtlich betroffen. Die Vorstellung, der Wolf wäre auf einen Schulhof oder in eine Kita gelaufen – „das ist eine Situation, die ich mir nicht verzeihen würde“, sagte sie. In den sozialen Medien kursieren indes Theorien, die der Ehrenrettung des Wolfs dienen sollen. Danach soll die Frau gar nicht gebissen, sondern nur gekratzt worden sein. Der Wolf habe sie auch nicht angefallen, sondern umgerannt.

Wie schätzen Experten die Situation ein? „Der Hamburger Fall ist zunächst einmal für die Betroffene eine sehr unangenehme Situation“, sagt Sven Herzog, Leiter des Lehrstuhls für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden. Sollte sich alles so zugetragen haben, wie mit Berufung auf die Polizei aktuell berichtet wird, dann hätte die Reaktion des Tieres „etwas relativ Normales“.

Ein Wolf, der sich in die Ecke gedrängt fühlt, der in Panik gerät, der werde sich verteidigen und wie ein Hund zubeißen. Daraus würde Herzog erst einmal keinen Rückschluss auf eine erhöhte Gefahr für den Menschen durch Wölfe ziehen. Bei dem Ereignis in Hamburg bestätige sich aber auch, was Wildbiologen wie er seit 25 Jahren immer wieder bekräftigen: „Große Raubtiere in der Kulturlandschaft haben immer ein Restrisiko. Ein Wolf ist kein Kuscheltier.“

„Problemwolf“ zerrt Kind in den Wald

Herzog, der in seinem Buch „Die Sache mit dem Wolf“ (Kosmos) aus wissenschaftlicher Sicht Vorschläge für ein langfristig gelingendes Miteinander von Mensch und Wolf macht, betont im Gespräch: „Wir haben in Deutschland im Wolfsmanagement Fehler gemacht, die zu einer Situation wie in Hamburg geführt haben.“ Der Wolf habe für mehr als zwei Jahrzehnte „unter nahezu bedingungslosem Totalschutz“ gestanden, sodass die Tiere über die Generationen gelernt haben, dass Menschen harmlos sind.

Die Auswirkungen, so Herzog, werden von Jahr zu Jahr gravierender. Wie weit sie reichen können, zeige der Wolfsangriff, der sich im vergangenen Jahr in den Niederlanden ereignete: Bei einem Familienausflug zur Pyramide von Austerlitz wurde ein Sechsjähriger beim Spielen plötzlich von einem Wolf gepackt und in den Wald gezogen.

„Im Gegensatz zu dem aktuellen Fall in Hamburg wurde der Vorfall relativ wenig beachtet, man kann auch sagen: unter den Teppich gekehrt“, sagt Herzog. Diesen Angriff hält er bei der Frage nach dem weiteren Umgang mit dem Wolf für wesentlich bedenklicher. Zwei Männer konnten das Tier vertreiben und so das Kind retten, das mit Schürfwunden, Krallen- und Bissverletzungen im Krankenhaus behandelt werden musste.

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Anders als bei dem Tier in Hamburg, handele es sich bei dem aggressiven Exemplar in den Niederlanden um einen sogenannten Problemwolf, „der bis zum Exzess genau das gelernt hat, was die meisten Wölfe gerade lernen: Menschen sind harmlos.“ Diese Tiere würden die Nähe zu Menschen suchen, um sich Nahrung zu verschaffen.

Als sich die ersten Wölfe wieder in Deutschland ansiedelten, gab es eine Reihe von Wissenschaftlern, die das Narrativ verbreiteten, der Wolf werde sich nie in die Nähe des Menschen begeben. Herzog sagt, dass damals einige Experten eine Deutungshoheit für sich beansprucht hätten, die nicht neutral, sondern teilweise aktivistisch pro Wolf agierten. Und deren Erfahrungen mit Wölfen eher begrenzt war.

Im Gegensatz zu Herzog und den anderen Wissenschaftlern von der Abteilung Wildökologie an der TU Dresden. „Wir sind seit Langem im Austausch mit Kollegen in Polen und Russland und haben sehr früh darauf hingewiesen, dass es anders kommen wird“, sagt Herzog, „dass sich der Wolf auf Dauer nicht von der Zivilisation fernhalten wird.“

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Wolfsangriffe auf Menschen ließen sich generell in drei Kategorien einteilen. Neben Erkrankungen wie der mittlerweile sehr unwahrscheinlichen Tollwut sind es Paniksituationen, die ein Tier aggressiv machen. Ein nach dem Zusammenstoß mit einem Auto am Straßenrand liegendes Tier könne ebenso aufgrund seines verängstigten Zustands angreifen wie ein Wolf, der sich in einer Einkaufspassage verirrt hat.

Daneben stehe der heute extrem seltene Fall, dass ein Wolf im Menschen eine Beute entdecke. Dass das bei dem Angriff in den Niederlanden der Fall war, darüber besteht für Herzog kein Zweifel. Der Wolf hat das Kind an der Schulter gepackt und weggezogen. Das spreche eindeutig für ein Prädationsverhalten, für ein Erbeuten, nicht für ein ängstliches Verteidigungsverhalten.

Dennoch plädiert Herzog dafür, die Gefahren für den Menschen ins Verhältnis zu setzen: „Wenn wir uns alle Risiken angucken, sind die viel, viel geringer, als wenn wir beim Brötchenholen mit dem E-Bike oder beim Wechseln einer Glühbirne verunglücken.“

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Als sich in den vergangenen Jahren Tiere flächendeckend über Europa ausbreiteten, war die Gefahr fraglos eine andere. Der Heidelberger Rechtshistoriker Andreas Deutsch, der seit Jahren das Zusammenleben von Mensch und Wolf erforscht, hat die dramatischen Ausmaße herausgearbeitet. „Solange die Anzahl der Tiere durch Bejagung und Fallen begrenzt war, gab es durchaus eine friedliche Koexistenz von Mensch und Wolf“, sagt er.

Schwierig wurde es, wenn die Population überhandnahm. Das war vor allem in Kriegszeiten der Fall, wenn die Bevölkerung von den Kriegshandlungen und deren Folgen zu stark beansprucht war, um die Population zu begrenzen. Die Folge waren Wolfsplagen, die eine andere Tatsache beförderten: Durch die Toten auf den Schlachtfeldern und am Straßenrand hätten die Tiere ein übergroßes Nahrungsangebot gehabt – und sich an den Geschmack von Menschenfleisch gewöhnt.

Die Folge waren vermehrte Angriffe auf Menschen, vor allem auf Kinder. Als Beispiel nennt er die Wolfsattacken im Winter 1814/15 in Posen, in dem historischen Aufzeichnungen zufolge 28 Kinder durch Wölfe zu Tode kamen. Damals zogen die Reste von Napoleons Grande Armée bei ihrem Rückzug aus Russland durch Europa, gefolgt von zahlreichen Wölfen.

Deutsch vermutet, dass in das „Rotkäppchen“-Märchen reale Ereignisse eingeflossen sind. So sind etliche Fälle von Bauernmädchen überliefert, die auf dem Heimweg nach einem abendlichen Treffen zum Handarbeiten von Wölfen getötet wurden. Davon zeugen bis heute Gedenkkreuze.

„Die genaue Zahl der von Wölfen attackierten Menschen lässt sich für das von Kleinstaaterei geprägte Deutschland nicht nachweisen“, sagt Deutsch. Für das zentralistische Frankreich konnten 10.000 Wolfsangriffe auf Menschen nachgewiesen werden. Da das historische Deutschland in etwa der Fläche Frankreichs entsprach, könnte von ähnlichen Zahlen ausgegangen werden.

Heute sind vor allem Weidetiere bedroht. Die Zahl der Risse ist von 40 im Jahr 2006 auf rund 4300 Tiere im Jahr 2024 gestiegen. Wildölologe Herzog verweist auf die damit auch verbundenen Tierschutzprobleme: Wölfe fressen ihre Opfer oft bei lebendigem Leib.

Für den Herdenschutz gebe es effektive Maßnahmen wie Zäune oder Hunde. Er sei aber auch wichtig, aktiv die Scheu vor Menschen zu befördern, beispielsweise mit nicht-tödlichen Gummigeschossen zur Verschreckung der Tiere. Seiner Ansicht nach sei auch die Bejagung ein Management-Instrument. Der Wolf sei in einem günstigen Haltungszustand, Wölfe breiten sich aus. „Es spricht also nichts dagegen, sie auf Basis strenger Nachhaltigkeitskriterien und lokal auch zu bejagen.“

Im März stimmte der Bundesrat darüber ab, den Wolf länderübergreifend ins Jagdrecht aufzunehmen. „Ob man hinterher dann definitiv in der Fläche Wölfe bejagt oder nicht, wird man sehen“, sagt Herzog. Er würde das schon allein deshalb befürworten, um illegale Abschüsse zu vermeiden. In Italien sei es längst üblich, die Probleme mit den Wölfen so zu lösen. Tierschutz- und tierwohlgerecht seien die Methoden nicht unbedingt.

Der Wolf, der nach der Attacke im Einkaufszentrum floh und schließlich aus der Alster gezogen wurde, ist vorerst in einer Wildtierauffangstation untergebracht. Für ein Tier, das die Freiheit kennt, ist das eine Qual. Noch ist nicht entschieden, ob der Wolf, mit einem Sender versehen, in die Natur entlassen – oder erschossen wird. Vielleicht wäre er nie in die Situation geraten, wenn ein gezielteres Wolfsmanagement dafür gesorgt hätte, dass er sich von Wohnsiedlungen fernhält.

Source: welt.de

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