Ein Ort deutscher Selbstbegegnung ist wieder zugänglich

91 Sarkophage sind auf 1. 400 Quadratmetern in der Hohenzollerngruft zu besichtigen. Jetzt wurde sie wiedereröffnet. Dass Deutschland weder Verklärung noch Verdammnis des Gewesenen benötigt, betonte ein besonderer Festredner. Er erklärte auch, was wir stattdessen brauchen.

Manchmal darf man es eben doch erleben in Berlin, dass etwas rundherum gelingt. Das etwas feierlich und formvollendet begangen wird. Dass es würdevoll ausfällt, ohne steif zu sein. Dass Traditionsbewusstsein die Sache grundiert, ohne in konventionelle Steifheit auszuarten. Kurzem, dass es einfach ein Fest für Geist und Seele und die Sinne ist. Solches ereignete sich am Sonntag im Berliner Dom. Der größten protestantischen Kirche auf deutschem Boden. Der Grab- und Hofkirche der Hohenzollern.

Und wie es bei uns Christen nun einmal zugeht: Die Handlung vollzog sich mit Gebet und Musik. Vor allem mit Gesang! Aber es schmetterten auch die Bläser, es jubelte die Orgel. Die Predigt fand ebenfalls den richtigen Ton. Und die Magie des Raumes tat ihr Übriges: „Berlin, nun freue Dich!“ sprach jede Geste, jedes Wort und jeder Klang.

Seit zwei Tagen geht das schon so. Am Samstag waren es fast 12.000 Menschen, die lange Schlangen und stundenlanges Warten in Kauf nahmen, um einen der wichtigsten, prächtigsten, aber eben auch zwiespältigen deutschen Gedächtnisorte wiederzusehen, in ihm nicht zuletzt auch sicher selber zu begegnen. Ja, zwiespältig, denn auch das gehört eben zu uns, zu unserer Geschichte und zu unserem Volk: Ein ungemischtes Vergnügen im Blick auf die Vergangenheit ist bei uns nicht zu haben, und wir hatten es auch nie. Die Spaltung der Gesellschaft, heute so wortreich wie ermüdend beklagt, dass man es kaum noch hören kann, diese Spaltung gab es immer. Offenbar konnten und können wir gar nicht anders. Umso schöner, wenn wir uns dann doch hin und wieder finden. Zum Beispiel im Gedenken. Oder auch im Vorbeidefilieren an denjenigen, die unsere Geschichte einst gestaltet haben, im guten und eben auch im schlechten Sinne.

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Und wahrlich, es gibt wenige Gelegenheiten, die sich für eine deutsche Selbstbegegnung so sehr eignen wie ein Rundgang durch die Gruft jenes Herrscherhauses, das 500 Jahre lang in der Gestaltung ganz vorn mitgespielt hat. Es ist nicht so alt wie dasjenige, dessen Grablege sich in der Urform gotischer Kathedralen, in der Basilika von St. Denis bei Paris, befindet. Und es ist auch nicht so intensiv literarisch verklärt worden wie sein Wiener Pendant, die Kapuzinergruft. Aber es ist eben unsere Variante, und immerhin gehört sie, nimmt man noch das Escorial in Madrid dazu, zu den vier bedeutendsten dynastischen Grablegen Europas.

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1999 erst war sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Nun wurde sie sechs Jahre lang saniert. Was einst den Hohenzollern allein gehörte, was erst der unvergessene Louis Ferdinand, Großvater des amtierenden Chefs des Hauses Hohenzollern, erlaubte, dass nämlich alle Deutschen sich in diesem Andachtsraum bewegen können, das haben nun Bund und Berlin mit Hilfe herausragender Fachleute wieder glanzvoll hergestellt. Wieder herstellen müssen, nachdem die jährlich 750.000 Besucher, die zwischen 1999 und 2019 hier ein und aus gegangen sind, vor allem mit ihrem Atem Spuren hinterließen, die eine grundlegende Überholung nötig machte.

33 Kindersärge

Und nun können wir die Sarkophage wieder bestaunen. 91 sind es an der Zahl, kleine und große, sogar ein Tischgrab ist dabei. Einfache und imposante gibt es. Solche aus Holz, öfter aus Zinn oder Marmor. Auf 1. 400 Quadratmeter verteilen sie sich. Großzügiger als zuvor sind sie nun aufgestellt, sodass man sie bequem umrunden kann. Und es gibt jetzt auch eine Medienstation, auf der man anklicken kann, wen man besuchen möchte. Dann wird einem der Weg dahin gewiesen.

Vorbei an den 33 Kindersärgen, die eindrucksvoll dokumentieren, dass die hohe Kindersterblichkeit früherer Jahrhunderte auch vor einem Herrschergeschlecht nicht haltmachte, kann man sie also jetzt schnell finden, die Damen und Herren, die hier ihre ewige Ruhe fanden. Die kluge Königin Sophie Charlotte etwa, die mit Leibniz befreundet war und noch auf dem Sterbebett beteuerte, sie sei jetzt neugierig zu erfahren, was sie dem großen Philosophen im Jenseits an Erkenntnissen über den Übertritt mitteilen könne. Oder die bemitleidenswerte Königin Elisabeth Christine, ungeliebte Gemahlin Friedrichs des Großen, der natürlich nicht neben ihr, sondern bekanntlich neben seinen Hunden auf der Terrasse von Schloss Sanssouci begraben liegt.

Jawohl, so machen Lieblingshohenzollern wird man hier vergeblich suchen, allen voran natürlich Preußens Königin der Herzen, Luise. Sie ruht in dem von Schinkel geschaffenen verwunschenem Mausoleum, das er im Park von Schloss Charlottenburg errichtet hat. Dafür befindet sich Prinz August Wilhelm, ein gleichfalls vom großen Friedrich Verstoßener, Beneideter, Missachteter in der Hohenzollerngruft. Desgleichen Friedrichs ungeliebter Neffe, der als Friedrich Wiilhelm II. die Krone Preußens trug. Oder der 99-Tage-Kaiser Friedrich. Ja, merkwürdigerweise dominieren die Benachteiligten dieser großen Familie in der Gruft! Was will uns das wohl sagen? Egal! Schauen wir schnell beim Großen Kurfürsten vorbei. Denn da hat man nun wirklich, wonach die Hohenzollern und mit ihnen die Deutschen sich doch immer so gesehnt haben: Glanz und Gloria.

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Glanz und Gloria, jawohl, sie gehören zu unserem Preußenbild. Doch hier, im Angesicht der Ewigkeit, können wir erleben, dass Preußen auch die Demut kannte. Es war Kulturstaatsminister Weimer vorbehalten, in seinem Grußwort daran zu erinnern. Weimer sprach auch aus, was vielen geschichtsbewussten Deutsche gerade bei diesem Festtagsgottesdienst das Gemüt erleichterte: Wir feiern ja die Wiedereröffnung der Gruft in einem Moment, da der lange, zähe Streit zwischen dem Haus Hohenzollern und der öffentlichen Hand beigelegt ist.

Und so war es denn auch für viele Menschen eine besondere Freude, dass er, der diesen Streit jahrelang geführt hatte, nun unter den Festgästen saß, vorn in der ersten Reihe, wie immer leutselig, bescheiden, zugewandt: Prinz Georg Friedrich. In klaren, schlichten Worten fasste er zusammen, was Sinn und Zweck dieses Festaktes sei, nämlich bewusst zu machen, dass ein Besuch der Gruft seiner Familie der Erinnerung, der geschichtlichen Bildung und der politischen Auseinandersetzung mit unserem Erbe dienen soll. Denn nicht Verklärung oder Verdammnis des Gewesenen brauchen wir. Sondern Verständnis. Und siehe da: Es war der Preußenprinz, der den stärksten Applaus bekam. Wer hätte das gedacht?

Source: welt.de

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