„Ein kleinster Teil breitbeiniger sich zeigen“ – Watzkes Verhaltenstipps zum Besten von seine Nachfolger

Präsident Watzke fordert öffentlich „breitbeinige“ Auftritte der Verantwortlichen beim BVB. Warum die Worte jetzt fallen und was sie für Dortmund bedeuten.

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Yeehaw, Borussia! Breitbeiniges Stehen und Cowboy-Moves wurden auf Nachfrage dieser Tage nicht in den Dortmunder Geschäftsführer-Büros von Carsten Cramer und Lars Ricken trainiert. Trotzdem wird nach einem biblisch langen Interview von Präsident Hans-Joachim Watzke (Lesezeit: ca. 30 Minuten) seit Tagen im und um den BVB intensiv über das Thema Auftreten diskutiert …

„Wir dürfen nicht zu leise werden. (…) Wir müssen als Borussia Dortmund, an vorderster Front dann Carsten Cramer und Lars Ricken, die müssen schon auch mal in den Kampf ziehen. Manchmal musst Du auch ein bisschen breitbeiniger auftreten, damit alle anderen ein gewisses Maß an Respekt vor Dir haben“, erklärte Watzke in den „Ruhr Nachrichten“.

Darf ein Präsident seinen Nachfolgern öffentlich Verhaltenstipps geben? Grundsätzlich ja, wenn die Frequenz solcher Forderungen am Ende begrenzt bleibt. Im gleichen Gespräch spricht er Cramer und Ricken zudem sein 100-prozentiges Vertrauen aus. Die Frage, die die BVB-Fans trotzdem weiter umtreibt: Warum macht Watzke das via Interview?

Der Antrieb: Sorge um sein Dortmund-Erbe. Er will rechtzeitig wachrütteln, sensibilisieren und davor bewahren, dass der BVB seinen Status als zweiter Bundesliga-Leuchtturm verliert. Borussia soll eine starke Stimme in der Fußballwelt bleiben. Der Präsident wählte nach gut fünf Monaten im Amt den Weg über die Öffentlichkeit, damit später niemand bei Borussia sagen kann, er habe den Weckruf nicht mitbekommen.

Watzke wählt die Adressaten gezielt

Mit Cramer und Ricken adressiert er sein Anliegen dabei gezielt und stellvertretend an die charakterstärksten Macher im Verein, die Klubspitze. Im Hintergrund spielt dabei auch eine Kritik von Chefberater Matthias Sammer, der wiederholt öffentlich bemängelt hatte, dass der BVB „zu harmoniesüchtig“ sei, eine Rolle. Watzke, Cramer und Co. sollen deshalb vereinbart haben, intern in Zukunft mehr Konfrontation, konstruktive Kritik und Diskussion zuzulassen, um weiter an Stärke, Schärfe und vor allem Geschlossenheit zu gewinnen: Weg von der Wellness-Oase BVB, hin zu einer Immer-alles-wollen-Einstellung. In der Kabine genau wie in der Chefetage. Grundhaltung: das Selbstvertrauen eines Champions-League-Dauergastes.

Titel-Gier-Qualitäten, die Rekordmeister Bayern (35 Mal Meister) übrigens seit Jahrzehnten von Triumph zu Triumph treiben. Glaubt das wer in Dortmund nicht? Einfach auf kurzem Dienstweg mal bei den Ex-Bayern Niko Kovac oder Sammer fragen …

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Das Signal zur neuen Leistungskultur im Klub hat Watzke (er kann über den BVB-Präsidialausschuss die Besetzung der Geschäftsführung bestimmen) gegeben. Künftige Ratschläge dieser Art sollten aber zwingend intern bleiben. Die Gefahr sind ansonsten selbstproduzierte Unruhe und unnötige Risse. Watzke ist das klar, er weiß: Nur, wenn er sich öffentlich zurückhält, können Cramer und Ricken zeitnah ihren eigenen Führungsstil etablieren. Nur so können Cramer und Ricken sich weiter vom Ex-Boss emanzipieren. Nur so können Cramer und Ricken gemeinsam mit dem neuen Sportdirektor Ole Book und Trainer Kovac eigene Visionen umsetzen, mutige Transfers tätigen und vielleicht Titel gewinnen.

Es geht auch leise, Bekanntheit aber hilft

Breitbeinig und wortgewaltig hatte sich Watzke selbst einst mit den Bayern-Bossen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge angelegt und es so vom Unternehmer aus dem Sauerland zu Deutschlands wichtigstem Fußballboss gebracht. Ex-BVB-Präsident Reinhard Rauball hielt sich dabei stets gentlemanlike im Hintergrund.

Haltung und Einfluss gehen heutzutage im Fußball natürlich auch mit schmaler Schrittstellung und innovativen Ideen. Meinungsstärke und ein gewisser Bekanntheitsgrad sind jedoch hilfreich: in der Konfrontation mit Gegnern genauso wie, um weiter Gehör in der Liga, bei Medien oder gegenüber Schiedsrichtern zu behalten.

Cramer und Ricken haben die Interview-Botschaft zur Kenntnis genommen und öffentlich dazu geschwiegen. Auf der Tribüne in Hoffenheim präsentierte sich die Dortmunder Chefetage als Einheit. Schrittstellung bei Watzke und Co. trotz der 1:2-Niederlage? Friedlich.

Source: welt.de

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