Seit einem Jahr beschäftigt Donald Trump die Weltwirtschaft mit seinen Zöllen. Deutsche Unternehmen hatten große Sorgen vor Exportverlusten und Gewinneinbrüchen. Es ist anders gekommen als erwartet.
Der Hafen von Charleston ist einer der wichtigsten Handelsumschlagplätze an der US-Ostküste. Tausende Container kommen hier täglich aus Europa an. In South Carolina haben sich deshalb auch einige deutsche Firmen niedergelassen, so etwa das Tübinger Unternehmen Zeltwanger.
Vor ein paar Wochen brachte ein Containerschiff zwei Anlagen für die Auto- und Pharmaindustrie in die USA – in Einzelteilen. Die Anlage wird nun hier wieder zusammengebaut, wichtige Komponenten werden am US-Standort eigens angefertigt. „Die Maschine wird dann veredelt und für die amerikanischen Kunden zur Auslieferung fertiggestellt“, sagt Zeltwangers Geschäftsführer Manuele D’Aversa.
Da zwei Drittel der Anlage noch aus Deutschland stammen, fallen Zölle an. Bei einer Anlage, die eine halbe Millionen Euro kosten soll, mache das circa 150.000 Euro aus, so D’Aversa.
US-Kunden zahlen die Zölle
Vor Einführung der hohen Zölle vor einem Jahr war die Sorge groß, dass deutsche Unternehmen in den USA nicht mehr wettbewerbsfähig sein würden, die Zölle sich direkt auf Margen und Aufträge auswirken könnten.
Die Exporte in die USA gingen zwar von Januar bis November 2025 um 9,4 Prozent zurück, doch eine Umfrage der Deutschen Auslandshandelskammer AHK unter 240 deutschen Firmen mit Standorten in den USA zeigt: Mehr als die Hälfte geben die erhöhten Zölle direkt an ihre amerikanischen Kunden weiter. Knapp 40 Prozent teilen sich danach die Zölle mit ihren Kunden, und nur ein kleiner Teil der Unternehmen gibt an, die Kosten selbst zu tragen.
Wettbewerbsfähigkeit deutscher Firmen kaum beeinträchtigt
Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen in den USA habe kaum gelitten, meint Roland Rohde, Wirtschaftsexperte von Germany Trade & Invest. In vielen Branchen würden deutsche Produkte besonders wettbewerbsfähig bleiben. „Einheimische US-Wettbewerber produzieren noch immer nicht in der gleichen Qualität, wie es deutsche Unternehmen tun,“ so der Experte.
Vor wenigen Wochen hat der Supreme Court, das höchste US-Gericht, Trumps Sonderzölle zwar für unzulässig erklärt. Der US-Präsident hat allerdings direkt neue Zölle eingeführt, die derzeit 150 Tage gelten sollen. Sich ständig ändernde Zolltarife, Veränderungen von Zolltarifnummern – besonders für kleinere deutsche Mittelständler mit US-Exporten ein Problem.
Mitarbeiter müssen Durchblick behalten
„Gefühlt steht man jeden Tag auf und es gibt irgendeine Zoll-Veränderung. Meine Mitarbeitenden müssen viel Zeit investieren, damit wir in die USA exportieren können“, sagt Alexandra Kohlmann, Geschäftsführerin beim Familienunternehmen ROWE. In Worms stellt die Firma mit rund 300 Mitarbeitenden High-Tech Motorenöle, Kühlmittel und Bremsflüssigkeiten „Made in Germany“ her, die auch bei US-Kunden und Liebhabern deutscher Automarken sehr gefragt sind.
Die Unternehmerin kann die Zölle kaum an ihre US-Kunden weiterreichen, weil sie in Konkurrenz mit US-Unternehmen steht. „Das heißt, die Marge schrumpft, die Fixkosten bleiben und damit auch weniger unterm Strich für uns“, so Kohlmann. Dennoch möchte sie am US-Markt festhalten und plant mit einem deutlichen Wachstum.
Laut einer Studie der Außenhandelskammer AHK blicken exportierende Unternehmen in diesem Jahr etwas positiver in die Zukunft. Dennoch sehen derzeit so viele wie nie zuvor Handelshemmnisse als Risikofaktor.
Neue Märkte – Neue Kunden
Neue Handelsabkommen wie mit den Mercosur-Staaten, Indien oder Australien könnten neue Impulse für die deutsche Exportwirtschaft setzen und so ein Gegengewicht zur künftigen Zoll-Unsicherheit der USA bilden.
Weitere negative Auswirkungen der Trump-Zölle könnten sogar überkompensiert werden, so Lisandra Flach vom ifo Zentrum für Außenwirtschaft. „Wenn die EU neue Handelsabkommen schließt, könnten deutsche Exporte um circa vier Prozent steigen.“
Local-for-local – es fehlen Fachkräfte
In Charleston setzt der Zeltwanger-Chef D’Aversa auf die sogenannte „local-for-local“-Strategie. Vor Kurzem hat er eine neue Halle in Betrieb genommen: mehr Maschinen, mehr Produktionskapazitäten. Das Unternehmen kann nun mehr Anlagen in den USA produzieren, ist schneller am Markt bei seinen Kunden und kann so auch die Zölle umgehen.
„Wir sind happy mit der Strategie,“ so Manuele D’Aversa, „Ich denke, diese Alternative sorgt dafür, dass wir in der heutigen Weltwirtschaft agil und flexibel bleiben, Opportunitäten nutzen.“ Der Erfolg hat sich mittlerweile herumgesprochen. Andere deutsche mittelständische Unternehmen fragen beim Tübinger Unternehmen an, ob man mit Zeltwanger zusammenarbeiten könne.
An Aufträgen und Möglichkeiten in den USA mangelt es Zeltwanger nicht, allerdings an Fachkräften. Besonders in den USA sucht D’Aversa dringend nach qualifizierten Mitarbeitenden – inzwischen sogar schon in Europa. Erst kürzlich habe er einem neuen Mitarbeiter aus Deutschland ein Visum besorgt und in Charleston eingestellt, sagt der Zeltwanger-Chef.
Source: tagesschau.de