Brauchen Sonntagabendkrimis eigentlich Hektik und Mordlust? Der neue „Polizeiruf“ handelt von einem „Goldraub“ und spielt in Potsdam. Geschwindigkeitsrekorde bricht er keine. Dafür hat er andere Qualitäten.
Es gibt so Orte, die kann man sich beim besten Willen und mit der größten Rosenheim-Cops-Vorabendkrimi-Idyllen-Erfahrung einfach nicht mörderisch und gefährlich denken. Das Holländische Viertel in Potsdam ist so ein Ort. Zumal wenn der Himmel hell und blau über ihm, seinem pittoresken Kopfsteinpflaster, seinen hyggeligen Häuschen mit den niedlichen Läden drin hängt, wie er es beinahe dauernd tut in „Goldraub“, dem neuen „Polizeiruf“.
Der heißt so, weil der neue Fall für das in Slubice ansässige deutsch-polnische Kommissariat von einem handelt. Und man sieht ihn auch am Anfang. Auf einem schwarz-weißen, grisseligen Überwachungsvideo. Zwei Männer in Clownsmasken überfallen einen Schmuckladen. Sie machen das nicht zum ersten Mal. Und haben es eilig. Damit sind sie im Folgenden ziemlich allein. Was nämlich – so will es jedenfalls das Drehbuch von Peter Dommaschk, Ralf Leuther und Felix Karolus, und so sagt es ein Insert – dann eigentlich erst drei Tage später beginnt, fährt den Pfad der üblichen Sonntagabendkrimidramaturgie ab wie ein voll analoges Hollandrad durch die Potsdamer Fußgängerzone. Sehr langsam.
Was prinzipiell nichts Schlechtes sein muss. Manche Geschichten brauchen hyggelige Geschwindigkeiten. In denen bewegt man sich dann allmählich von Plotstraßenecke zu Plotstraßenecke und entdeckt an jeder von ihnen Schönheiten, die man im Schweinsgalopp eines Hochgeschwindigkeitsthrillers natürlich nie gesehen hätte.
Drei Tage nach der grisseligen Hektik betritt der Dienststellenleiter sein „Polizeiruf“-Kommissariat. Gerade war – welch ein Zufall – in der Mordkommission die Rede von der Clownsbande. Die ist brandenburgweit und grenzüberschreitend unterwegs. Jetzt liegt – stellt der Dienststellenleiter in den milchig beleuchteten Raum – in Potsdam der Goldschmied Michalski in seinem Blut. Das ist neu. Gewalttätig waren die Räuber bisher überwiegend ausschließlich gegenüber Vitrinen und Tresoren.
Kommissar Vincent Ross, der Genderfluide, der gern Netzunterhemd trägt und Rock und Kajal um die Augen und überhaupt alles, was schwarz ist, sieht ein bisschen mitgenommen aus. Bleich ist er. Irgendwie verwackelt. Nuschelt dem besorgten Kollegen Rogov was von Beziehungsgespräch und Trennung und versteckt seine nahe am Wasser stehenden Augen hinter einer schicken Sonnenbrille.
Das stillgelegte Theatertier
Damit wären wir schon bei einer der Schönheiten dieser hyggeligen Geschichte. Es geht – was ja doch eher ungewöhnlich für einen Sonntagabendkrimi ist – um Trennungen und was das mit Menschen macht. Um die Dünnhäutigkeiten und Warmherzig- und Wahnsinnigkeiten, die sie auslösen.
Vincent Ross, der ja sowieso schon so ziemlich das Gegenteil des Theatertierirrsinns ist, den André Kaczmarczyk, der ihn spielt, berühmt gemacht hat, schaut auf die Welt mit noch mehr Zerbrechlichkeit und Empathie, als er es sowieso tut. Ist ein Witwentröster, am Ende sogar ein Mörderversteher. Ein Versöhner eher als ein Aufklärer.
Wie Kaczmarczyk diese ganz andere Männlichkeit zwischen Empathie und Ermittlungshärte zum Schillern bringt, wie er mit besorgten Blicken um sich wirft und feine Risse in seine Stimme lässt, ist schon ein bisschen magisch. Wie der knorzige Rogov (Frank Leo Schröder) und er inzwischen miteinander umgehen, ist es auch. Das ist ein bisschen wie Falke und Schimanski in der queeren Version.
Aber es gibt ja noch einen Fall. Und der kommt – wir fahren die übliche Sonntagabendkrimidramaturgie ab – ganz allmählich dem wahren Täter näher. Es stirbt jemand um die Ecke von Sanssouci. Überhaupt rückt Felix Karolus, gebürtiger Mannheimer, Potsdam derart strahlend ins Bild, dass man hinter den besenreinen, sandsteingoldstrahlenden Vedouten einen Zuschuss des örtlichen Tourismusverbandes vermutet. Aber natürlich ist dieser Glanz als Metapher für die menschliche Gier gemeint. Und als Gegenmetapher für die Gier jener, die in halbverfallenen Lauben sterben und sich in Plattenbauten mit ihren geschiedenen Partnern streiten.
Rogov und Ross fahren zwischen den Gierpunkten hin und her. Und man kann – was bei nicht vielen Kommissarpaaren inzwischen der Fall ist – gar nicht genug von der Fahrerei bekommen. Allerdings hat man trotz allem immer das Gefühl, dass es diesem Ross und dem deutsch-polnischen Kommissariat allmählich ganz guttäte, wenn aus ihm auch mal der Grenzüberschreitungsschauspieler André Kaczmarczyk herausbräche, der über jede hyggelige Idylle herfallen kann wie alle Reiter der Apokalypse zusammen.
Source: welt.de