Sportlich gesehen waren diese Olympischen Spiele ein bitteres Karriere-Ende für Biathletin Franziska Preuß. Im letzten Rennen schießt sie gleich siebenmal daneben. Am Ende ist Preuß das egal. Ihre finale Zielgerade und die Momente danach sind besonders.
Es ist der letzte Anstieg in der Karriere der Franziska Preuß. Dann ihre letzte Zielgerade. Angereist zu den Winterspielen mit einem großen Traum, dem erstmaligen Gewinn einer olympischen Einzelmedaille, geriet das Großereignis für sie zu einer Enttäuschung. Auch dieses finale Biathlon-Rennen brachte nicht die Kehrtwende: sieben Schießfehler und damit sieben Strafrunden. Sportlich ein bitterer letzter Akt einer besonderen Karriere. Doch jetzt, auf der Zielgeraden des Massenstartrennens und auf der Zielgeraden ihrer Karriere hat die 31-Jährige mit den Olympia-Resultaten aus Antholz abgeschlossen. Sie lächelt, sie strahlt und winkt ins Publikum. Die Zuschauertribüne ist prall gefüllt, Familie, Freunde, deutsche und internationale Biathlon-Fans – sie jubeln ihr zu, schwenken Fahnen und halten Plakate hoch.
Als dann die letzte Starterin das Massenstartrennen beendet hat, dürfen Preuß und Italiens Biathlon-Idol Dorothea Wierer (35) noch einmal zurück auf die Strecke. Für beide war dies das letzte Rennen ihrer Karriere – gemeinsam und mit der jeweiligen Flagge ihres Landes laufen sie nun noch einmal an den Zuschauern vorbei. Beide gewannen in ihrer Karriere WM-Gold und den Gesamtweltcup, beide gewannen bei diesen Spielen eine Medaille in der Mixed-Staffel, gingen aber ansonsten leer aus – im Moment des Abschieds aber ist das egal. Sie werden gefeiert.
Zurück im Zielbereich stehen dort neben den deutschen Teamkollegen nun auch die Eltern von Preuß – und nehmen sie lange in den Arm. Als Wierer kurz danach eine Rede vor heimischer Kulisse hält und zum Ende kommt, läuft Preuß mit einer Krone auf dem Kopf und einer Champagnerflasche in der Hand auf die Italienerin zu und badet sie in Schampus.
Ein würdiger Abschied im Ziel
Danach gönnt sich die 31-Jährige einen kräftigen Schuss aus der Flasche. Sportlich waren diese Spiele bei Weitem nicht das Ende, das sie sich erhofft hatte und das ihre Karriere verdient gehabt hätte – doch diese Momente seit dem Einbiegen auf die Zielgerade bilden einen würdigen wie emotionalen Abschied.
„Als ich von der Ehrenrunde mit Doro zurückkam und meine ganze Family dort stand – das war der emotionalste Moment für mich. Eigentlich wollte ich heute nicht mehr weinen, aber da war es zu spät“, sagt Preuß kurz danach. „Ich muss sagen: Eigentlich habe ich es ab dem ersten Fehler relativ gelassen gesehen. Es war halt auch egal, was da herauskommt. Ich wollte alles noch mal aufsaugen, und das ist mir gelungen. Es war jetzt wirklich ein cooler Abschluss.“
In der 31-Jährigen aus Ruhpolding beendet damit eine Sportlerin ihre Karriere, die das deutsche Team in den vergangenen Jahren geprägt hat, die das Gesicht des deutschen Biathlons war. Eine Athletin, die früh als großes Talent galt, deren Karriere aber eine Achterbahnfahrt war – vor allem, weil Preuß immer wieder gesundheitliche Rückschläge wegstecken musste und fast keine Saison ohne Pause durchziehen konnte. Erst spät, im vergangenen Winter, war sie dann in der Form ihres Lebens und feierte mit dem Gesamtweltcupsieg den größten Erfolg ihrer Karriere.
Gold bei olympischen Jugendwinterspielen
Ihr letzter großer Traum von der olympischen Einzelmedaille bleibt unerfüllt, aber schon am Freitag sagte sie: „Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, fühlt sich das einfach nur unglaublich an. Als ich damals mit Biathlon anfing, hätte ich mir vieles von dem, was ich erleben und erreichen durfte, wirklich nicht erträumt. Es war eine wahnsinnig spannende Zeit mit vielen besonderen Momenten. Und vor allem mit ganz vielen tollen Menschen, die ich kennenlernen durfte.“
Einer der ersten besonderen Momente auf internationaler Bühne liegt 14 Jahre zurück: Bei den olympischen Jugendwinterspielen 2012 gewann Preuß Gold mit der Staffel sowie im Sprint, dazu Silber in der Verfolgung. 2013 legte sie bei der Junioren-WM mit Staffel-Gold und zweimal Bronze nach. Seitdem galt sie als Hoffnungsträgerin, gab im November 2013 ihr Weltcup-Debüt und gehörte 2014 zum Olympia-Team in Sotschi.
Dort aber lief es so gar nicht – die junge Frau aus Ruhpolding kam auf Plätze jenseits der 40 und erlebte dann ein Staffeldrama an jenem Tag, als Gerüchte um Dopingvorwürfe an Evi Sachenbacher-Stehle die Schlagzeilen bestimmt hatten. Preuß stand als Startläuferin im Fokus der Öffentlichkeit wie nie zuvor, stürzte nach 600 Metern, rappelte sich auf und lief zum Schießstand. Später erzählte sie: „Ich bin in einen Zweikampf geraten, habe mich mit dem Ski verheddert, dann bin ich gestürzt.“
Am Schießstand musste sie dann erst mal ihre Waffen reinigen. Während des Schießens liefen der damals 19-Jährigen Tränen übers Gesicht – umso bemerkenswerter, dass sich Preuß keine Strafrunde leistete. Das Rennen aber war für die Deutschen gelaufen.
Ein Jahr später folgte auf die Tränen von Sotschi der Triumph von Kontiolahti: WM-Gold mit der Staffel und Silber im Massenstart. Das Auf und Ab zog sich durch ihre gesamte Karriere. Ende 2021 kam im olympischen Winter auch noch Pech hinzu, als sie auf einer Treppe stürzte, sich den Fuß verstauchte und dann auch noch eine Covid-Infektion den weiteren Aufbau zunichtemachte.
„Ich wusste schon länger, dass heute mein letztes Rennen ist“
Im Winter 2025/26 zeigte Preuß dann, was dabei herauskommt, wenn sie in der Vorbereitung und in der Saison komplett gesund bleibt und ohne Infekte alles durchziehen kann: Nie war sie konstanter und stärker. Preuß gewann nach fast sechs Jahren wieder im Weltcup, danach das erste WM-Einzelgold ihrer Karriere und schließlich den Gesamtweltcup. „Das war etwas ganz Besonderes für mich“, sagte Preuß.
Nun ist Schluss. Nach zwei olympischen Bronzemedaillen mit der Staffel und elf WM-Medaillen. Bereits seit einigen Wochen war bekannt gewesen, dass dies die letzte Saison ihrer Karriere sein würde. Am Freitag hatte sie dann verkündet, dass der finale Akt noch schneller kommt, als viele angenommen hatten: nicht beim letzten Weltcup-Rennen der Saison, sondern beim Massenstartrennen dieser Winterspiele. Als am Samstag schließlich alles vorbei war, verriet sie: „Ich wusste schon länger, dass heute mein letztes Rennen ist. Schon als ich zu den Spielen fuhr. Es hätte ein Wunder passieren müssen, dass ich mich noch mal irgendwie motivieren kann. Hier bei Olympischen Spielen eine Karriere zu beenden, ist schon etwas Spezielles.“
Vergessen waren in diesem Moment die Tränen und der Frust der vergangenen zwei Wochen. Zum Start mit dem Mixed-Team war es noch Platz drei gewesen, anschließend vergab sie im Einzel, Sprint und auch in der Verfolgung jeweils beim letzten Schießen eine mögliche Medaille. In der anschließenden Staffel war es dann erneut ganz bitter: Preuß, an Position zwei des Quartetts ins Rennen gegangen, leistete sich eine Strafrunde – und die deutsche Staffel wurde am Ende Vierte.
Auch der Massenstart an diesem Samstag brachte keine Kehrtwende. Im ersten und zweiten Schießen unterlief ihr jeweils ein Fehler – und beim dritten schoss sie dann viermal daneben. Beim letzten erneut einmal. Die bitteren Momente von Antholz und die Tränen hatte sie da aber längst hinter sich gelassen. Kein Ärger, kein Frust beim finalen Zieleinlauf. Nur Genuss. „Ich freue mich jetzt einfach auf alles, was kommt“, sagte sie: „Ich bin gespannt. Und ich freue mich, dass es geschafft ist.“
Source: welt.de