Eigentlich sollten wir stolz gen den Sozialstaat sein: Stoppt endlich die Sparpolitik!

Was wäre, wenn Politiker wie Friedrich Merz klare und ehrliche Kommunikation pflegen würden? Wie Sprache Hoffnung geben kann und warum der deutsche Sozialstaat mehr Wertschätzung verdient


Sich gegenseitig unter die Arme greifen? Kein Teil des Kanzler-Vokabulars

Illustration: der Freitag


Stellen Sie sich vor, Friedrich Merz würde im Bundestag sagen: „Ich habe sehr lange über meine Verantwortung als Bundeskanzler nachgedacht und muss mich bei Ihnen allen entschuldigen. Ich habe schlecht kommuniziert und möchte Ihnen ein paar Lösungen für die Probleme in unserem Land erläutern.“ Wären Sie da überrascht?

Kommunikation spielt in unserem Leben eine große Rolle. Wie wir sprechen, beeinflusst unser Denken und unser Umfeld. Sprache kann Hoffnung geben oder zerstören. Wie über Menschen geredet wird, hat einen großen Einfluss auf unser Empfinden. Sprache schafft Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit.

Klartext statt leerer Phrasen

Die meisten Medien haben verstanden, dass Armutsbetroffene nicht „sozial schwach“, sondern finanziell schwach sind. Das Wort „armutsbetroffen“ wird jetzt oft verwendet. Das macht mich sehr glücklich. Sprache verändert sich, und ich bin froh, dass sie inkludiert.

Ich würde mir sehr wünschen, dass die Kommunikation der Politiker im Bundestag bürgernäher wäre. Das, was dieses Land braucht, sind Hoffnung und ein sinnvolles Ansprechen der Probleme sowie die Lösungsansätze, um sie anzugehen. Wir haben sehr viele Probleme im Land: fehlender sozialer Wohnungsbau, die Bekämpfung armer Menschen statt Armutsbekämpfung, Fachkräftemangel, ein Gesundheitssystem, das reformiert werden muss, die Stärkung der Demokratieförderung gegen den Rechtsruck und die Defizite in unserem Bildungssystem. Von der Modernisierung der Infrastruktur, der Schulen und Universitäten ganz zu schweigen.

Es hilft niemandem, wenn die Probleme der Bevölkerung ignoriert oder schöngeredet werden. In dieser Welt voller Krisen, Kriege und Skandale brauchen Menschen Hoffnung. Sie brauchen Zuversicht – und Sicherheit. Das könnte erreicht werden, wenn Leute wie Friedrich Merz und seine Mitregierenden klar und ehrlich kommunizieren würden. Ich vermisse die Fehlerkultur, den Mut, zu sagen: Ich habe da etwas falsch gemacht und lebe mit den Konsequenzen. Mir fallen zum Beispiel etliche Politiker:innen ein, die hätten zurücktreten sollen, als Konsequenz für Fehler.

Wir sollten den Sozialstaat feiern!

Hinzu kommt, wie wir in diesem Land über den Sozialstaat reden. Man hört meist: zu teuer, zu aufgebläht, eine zu unübersichtliche Bürokratie. Der Sozialstaat wird sehr oft mit negativen Worten in Verbindung gebracht. Er werde nur ausgenutzt, Sparen sei unumgänglich.

In Spanien dagegen wird der Sozialstaat von den Bürgern mit Stolz gesehen: Wenn ein Mensch bedürftig ist, wird er von allen anderen aufgefangen, weil sie alle in das System einzahlen. Es wird einem das Gefühl gegeben, dass die Gemeinschaft für den einzelnen Menschen da ist. Haben wir hierzulande verlernt, unser Sozialsystem wertzuschätzen? In der politischen Debatte vergeht keine Woche, ohne dass menschenfeindliche Sparmaßnahmen vorgeschlagen werden: sei es die Abschaffung der Mitversicherung von Ehepartnern in der Krankenversicherung oder der Vorschlag, den Freibetrag beim Zuverdienst bei der Grundsicherung zu streichen.

Wie wäre es, wenn wir in Deutschland mal etwas ganz Verrücktes ausprobieren: Statt zu sparen, investieren wir in politische Bildung, in die Kinder- und Jugendarbeit, in die Infrastruktur. Es gäbe mehr Sicherheit für viele Projekte. Und kaum einer müsste sich Sorgen machen, wie es weitergehen soll. Die Demokratie sollte uns dieses Geld wert sein.

Janina Lütt ist armutsbetroffen. Sie schreibt im Freitag über ihren Alltag

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