Menschen auf dem Dorf können sich nicht in Blasen separieren. Weil sie nun mal zusammenleben müssen in ihrer Schicksalsgemeinschaft Dorf. Und beim Bieres im örtlichen Sportverein haben selbst Welterklärer, -bändiger und -gestalter mal Pause.
Gestern waren sie doch noch die Menschen aus dem Dorf. Und auf einmal wollen sie Welterklärer, -bändiger und -gestalter sein. Das denke ich oft, wenn ich mir Politiker, Komikerinnen, Schriftsteller und Künstlerinnen anschaue.
Ich denke an den Rapper Kollegah, der mit technisch versiert und schnell gerappten Macho-Bums-Fantasien mit antisemitischen Einsprengseln zum Star wurde, aber als Karikatur eines Zigarre rauchenden Mannes mit seinem Bizeps Pelzmäntel sprengte, um die triviale Herkunft von Felix Martin Andreas Matthias Blume (so heißt Kollegah eigentlich) aus der hessischen Provinz zu überspielen. Ich denke an Annalena Baerbock, die tausend Meilen über das Meer nach New York flog, um Bagel-with-Creamcheese-Content zu liefern, um zu zeigen: Ich habe es vom TSV Pattensen 1890, meinem ehemaligen Turnverein, an die Spitze der UN geschafft.
Zwischen Eigenheim und Minirock/ Zwischen Schweinedisco, über Dörfer Fahrrad fahren
Ich denke an die weiße Fliege und den lustigen Orden von Oranien-Nassau, den Jens Spahn 2017 zum Wiener Opernball anlegte, um endlich der Tambourmajor zu sein, von dem er als Student an der Fernuniversität Hagen immer geträumt hatte. Ich denke an die Leute, die sich im „China Club“ im Hotel „Adlon“ in Berlin treffen und sich wie der große Gatsby fühlen, aber immer noch angezogen sind wie auf der Mafia-Motto-Party einer Realschule in Remscheid.
„Ich wurde hier geboren, zwischen Torf und Grog/ Zwischen Eigenheim und Minirock/ Zwischen Schweinedisco, über Dörfer Fahrrad fahren/ Mit dem ständigen Wind, der von vorne kam/ Ich habe mit Freunden gegen Zäune gepisst/ Ich schwöre ein Gefühl, das du niemals vergisst“, singt der große Musiker und Erzähler Thees Uhlmann in einem Stück über seine Heimat, die Kleinstadt Hemmoor. Anders als die oben erwähnten Gernegroß-Personen, ist Uhlmann jemand, der sich und sein Werk nie größer gemacht hat, als sie sind. Uhlmann singt: „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten/ Und ich weiß nicht wirklich, was soll es bedeuten“.
Provinz heißt Menschenliebe und echte Diversity
Als Reporter bin ich einigen Menschen nahegekommen, die etwas waren oder sind. Ich bin mit Friedrich Merz auf dem Fahrrad durch das Sauerland gefahren. Ich war mit Jens Spahn beim Matjes-Essen in Apolda, Thüringen. Und bei diesen Gelegenheiten habe ich sympathische Menschen getroffen, die den Wert eines Bieres beim örtlichen Sportverein noch schätzen.
Die Welterklärer, -bändiger und -gestalter hatten da Pause. Sie waren schlicht nicht da in diesen Momenten. In Wahrheit nämlich heißt Provinz Menschenliebe und echte Diversity. In den Vereinen, in den Gaststätten und in den Jugendzentren ist Vielfalt noch echt. Da kommen Linke, Rechte, Grüne und was sonst noch alles zusammen. Sie sind Nachbarn. Sie sind Menschen. Menschen vom Dorf, die sich begegnen und zuhören. Die Verständnis haben. Die sich nicht in ihren Blasen separieren können, weil sie nun mal zusammenleben müssen in ihrer Schicksalsgemeinschaft Dorf.
Und während deutsche Städte am Schnee verzweifeln, räumen die Menschen auf dem Dorf ihn einfach selber weg. Irgendjemand hat schon einen Traktor. Dafür braucht es dann auch keine Ausnahmegenehmigung oder einen Hilferuf an den Senat. Deswegen: Mehr Dorf wagen.
Source: welt.de