Das Surren und Brummen der Drohnen liegt schon zu früher Stunde in der Luft. Gleich wird wieder eines dieser Fluggeräte in den blauen Himmel über der portugiesischen Halbinsel Tróia abheben. Derweil drängt sich in einem Container eine Gruppe von Personen beim morgendlichen Briefing. Hier wird gerade die Mission für den Tag ausgegeben. Die Vertreter des deutschen Rüstungsunternehmens Stark Defence hören aufmerksam zu. Heute steht die Eskortierung eines Schiffes auf dem Programm zum Schutz vor feindlichen Einheiten.
Ein Einsatz für Vanta: So heißt das neue, unbemannte Boot, das Stark auf den Markt bringt. Günstig soll es sein – laut Stark nur „einen Bruchteil einer Fregatte“ kosten – und eine Reichweite von bis zu 900 Seemeilen haben. Hier in Portugal kann es schon vor der Markteinführung unter nahezu realen Bedingungen getestet werden. Das angreifende „Team red“ ist dabei nicht zu unterschätzen: Es sind Truppen aus der Ukraine, gehärtet durch Einsätze an der Front. Nach dem Briefing geht es zügig zurück zum Stark-Zelt, das als Kommandozentrale dient. Die Aufgaben für den Tag müssen besprochen werden, die Zeit läuft.
Tróia ist eigentlich eine typische Touristenregion mit weiten Sandstränden und idyllischen Pinienwäldern. Ruinen zeugen von der einstigen Präsenz der Römer, später prägte die Fischverarbeitung die Gegend. Mit der Fähre kann man nach Setúbal übersetzen, die nördlich gelegene Hauptstadt Lissabon ist so in einer guten Stunde zu erreichen. In der Hochsaison sollen sich hier besser betuchte Urlauber wohlfühlen, auch wenn der Betoncharme der Hotelanlagen gewöhnungsbedürftig ist.
Alles, was das Marineherz begehrt
An der Spitze der Landzunge liegt jedoch ein besonderer Ort: CEOM, ein portugiesisches Akronym, das man übersetzen kann als Versuchs- und Operationszentrum der portugiesischen Marine. „Wir dürfen hier Versuche machen mit bemannten und unbemannten Systemen in unterschiedlichen Umfeldern“, erklärt der zuständige Kapitän Palmeiro Ribeiro, das sei in dieser Form einmalig. Tatsächlich bietet das 2600 Quadratmeter große Areal mit seiner 300 Meter langen Start- und Landebahn, seinem Hubschrauberlandeplatz, einem Kai für bis zu 80 Meter lange Schiffe und 160 Betten nahezu alles, was das Marineherz begehrt. Dazu kommt eine enge Zusammenarbeit mit nationalen wissenschaftlichen Instituten.
Vor 15 Jahren wurde hier erstmals eine gemeinsame Übung mit NATO-Partnern gestartet, die unter dem Namen REPMUS bekannt ist und den großflächigen Test unbemannter Systeme ermöglicht. Also von Drohnen zu Lande, in der Luft, auf dem und unter Wasser. Drohnen gelten in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz als „Gamechanger“ für die moderne Kriegsführung: Sie können schneller, in größeren Mengen und günstiger hergestellt werden als konventionelles Kriegsgerät, zudem schonen sie personelle Ressourcen. Die Ukraine verdankt nicht zuletzt dem Einsatz moderner Drohnentechnik, dass sie dem Aggressor Russland bis heute standhält.
Viele deutsche Start-ups wie Helsing, Arx Robotics oder eben Stark entwickeln und testen Kamikazedrohnen oder Minipanzer auf ukrainischen Schlachtfeldern in Echtzeit. In der Heimat ist das Testen wegen der reglementierten Zulassungsverfahren jedoch schwieriger. Außer bei REPMUS. Um dessen Stellenwert zu verdeutlichen, zeigt Kapitän Ribeiro auf ein Schaubild: 2023 kamen bei der Übung noch 90 unbemannte Systeme zum Einsatz. In diesem Jahr waren es 276. REPMUS gilt als „Sandbox“, als Sandkasten für die Drohnentechnologie. In der Privatwirtschaft werden damit Formate bezeichnet, um neue Technologien spielerisch zu testen und Erfahrungen zu gewinnen. Auf Tróia geht es am Ende aber auch um die Frage von Leben und Tod.
24 Teilnehmerländer, 13 Beobachterstaaten und 3700 Teilnehmer
REPMUS 2025 erfreut sich großen Zulaufs: 24 Teilnehmerländer, 13 Beobachterstaaten und 3700 Teilnehmer. Das Ganze erinnert an eine große Freiluftmesse mit Demoveranstaltungen. Hier posiert ein Militär vor der imposanten Barracuda-Drohne, dem selbst entwickelten Stolz der portugiesischen Marine, dort wird eine Delegation Anzugträger über das Gelände geschleust. Oberleutnant zu See Julia Singer ist die Koordinatorin der deutschen Delegation. Sie muss die rund 15 Systeme verschiedener Anbieter zu einem großen Bild zusammenbringen. Die täglichen Einsätze sind unterschiedlich: Mal geht es um Seeminenabwehr, ein anderes Mal um die Überwachung des Seeraums. Weiter draußen auf See werden Kamikazedrohnen gezielt abgeschossen – ein Thema, das nicht erst seit den jüngsten Vorfällen in Dänemark und Norwegen hochaktuell ist.
Zwar kommt es immer mal wieder vor, dass die Anwohner der Region Teile von Wehrtechnik finden. Sichtbarer Widerstand ist in diesen Tagen jedoch nicht auszumachen. Ob solche Tests mit einem derart hohen Anforderungsprofil auch in Deutschland, etwa in der Kieler Förde mit ihrem hohen Verkehrsaufkommen, vorstellbar werden? Julia Singer winkt ab: „Mit Sicherheit nicht.“
Fregattenkapitän Stefan Pahl leitet die aus 260 Personen bestehende deutsche Delegation. REPMUS nennt er „eine Leistungsschau der Industrie“, die heute wichtiger sei denn je. Pahl ist schon lange dabei. In der guten, alten Zeit habe man ein Schiff mit Menschen darauf gehabt, die hätten alles erledigen können. „Damals hieß Interoperabilität: Ein Mensch schickt einem anderen Menschen eine Nachricht. Heute müssen sie Roboter zusammenbringen.“ Und das könne man nirgends besser als am südwestlichen Zipfel Europas, weil hier alle Beteiligten über vier Wochen in engem Austausch stehen.
„Morgens hast du plötzlich eine neue Funktion für die Waffe“
Ein Soldat schildert es anschaulich: „Abends besprichst du mit den Unternehmen, was verbessert werden könnte, dann wird die halbe Nacht programmiert, und morgens hast du plötzlich eine neue Funktion für die Waffe.“ Für Militärs, die normalerweise lange Anforderungskataloge schreiben müssen, sind das nahezu traumhafte Bedingungen. Auch der erfahrene Delegationsleiter Pahl konstatiert mit Blick auf die aktuelle Entwicklung: „Eine solche Dynamik habe ich bisher noch nicht erlebt.“
Auch im Stark-Team geht es dynamisch zu. Das Team hat zwei seiner neuen Vanta-Bootstypen mit nach Tróia gebracht, eine Variante ist vier Meter lang, die andere sechs. Am Ende des einmonatigen Einsatzes sitzen die meisten Abläufe und Handgriffe sicher. Wenig später sind die Fahrzeuge im Einsatz und eskortieren das Übungsschiff wie geplant. Die Mission läuft erfolgreich, wie die Auswertung auf den Bildschirmen des Stark-Teams zeigen. Im großen Lagezentrum der NATO fließen wiederum die Daten aller Tests und Anbieter zu einem großen Bild zusammen. Vernetzung ist das Schlagwort dieser Tage.
Gegen Abend zieht Philipp Lockwood Fazit. Der Einsatz sei gut gelaufen, man könne durch die Auswertung aber sicher wieder einiges lernen und verbessern. Seit Februar ist Lockwood zuständig für das internationale Geschäft von Stark. Zuvor hat der Jurist mehr als vier Jahre im Innovationsteam der NATO gearbeitet, die meiste Zeit als dessen Leiter. Für den langjährigen Generalsekretär Jens Stoltenberg baute Lockwood den Innovationsfonds mit auf, der vom Deutschen Klaus Hommels geleitet wird. Der Fonds wiederum gehört auch zu den Geldgebern von Stark Defence, ebenso wie der umstrittene US-Investor Peter Thiel oder die Investmentfirma Sequoia Capital. Zu den Investoren gehört auch Döpfner Capital von der Familie von Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner.
„Hey Phil, wo können wir denn investieren?“
Als ihn die Anfrage von Stark erreichte, habe er noch nicht viel über das Unternehmen gewusst, gibt Lockwood zu. „Aber ich dachte mir, wenn die in wenigen Monaten eine Angriffsdrohne in der Ukraine in die Luft bekommen, dann müssen sie was können.“ Außerdem habe er in der kanadischen Armee selbst genug Erfahrung mit schlechter Ausrüstung machen müssen. Zeit, etwas zu ändern. „Als ich anfing, haben mich meine Bekannten aus der amerikanischen Wagniskapitalszene noch ausgelacht“, erinnert sich Lockwood. 28 verschiedene Märkte in Europa, das sei alles zu fragmentiert. Doch mittlerweile haben die Amerikaner längst gemerkt, wie viel Geld durch das 3,5-Prozent-Ziel der NATO im europäischen Markt zu holen ist. „Jetzt rufen mich einige an und fragen: ,Hey Phil, wo können wir denn investieren?‘.“
Stark Defence ist erst Anfang 2024 gegründet worden. Im August schloss das Unternehmen eine Finanzierungsrunde über 62 Millionen Dollar ab, nun wird es mit rund 500 Millionen Dollar bewertet. Dahinter steckt der ehemalige Luftwaffenoffizier Florian Seibel, der auch zum Gründerteam von Quantum Systems gehört. Weil der Münchner Drohnenhersteller aber aufgrund seiner Eigentümerstruktur keine reinen Angriffswaffen herstellen darf, wurde damals Stark ins Leben gerufen. Denn klar war, dass die Bundeswehr und andere Armeen solche Systeme brauchen und etwa der Münchner Rivale Helsing schon ein entsprechendes Produkt im Angebot hatte. Die Pläne für die Kampfdrohne Virtus dürften ohnehin schon in Seibels Schublade gelegen haben. Nun sind beide Systeme, von Helsing und Stark, im Testeinsatz der Bundeswehr. Mit einer Kaufentscheidung wird noch bis Jahresende gerechnet.
Zugekaufte Marineexpertise
Mögen die Flugdrohnen noch auf der Hand gelegen haben, stellt sich beim Schiffbau aber die Frage, woher die nötige Expertise kommen soll. Stark-Manager Lockwood lacht. Einer seiner ersten Aufgaben sei es gewesen, auf einer Fachmesse in Helsinki nach möglichen Partnern für dieses Projekt Ausschau zu halten. Dabei sei er mit JD Marine International in Kontakt gekommen. Das Team um Gründer Dom Mee hatte sich spezialisiert auf die Entwicklung ultraleichter unbemannter Boote. Die Verhandlungen verliefen zügig, wenig später war die Übernahme vollzogen.
Die komplette Mannschaft wechselte zu Stark und brachte die Hardware für Vanta mit. Gesteuert werden die Boote, die von sofort an in Großbritannien produziert werden sollen, über Starks Software Minerva, die auch in den Flugdrohnen zum Einsatz kommt. Mit diesem Herzstück soll es möglich sein, koordinierte Einsätze zu steuern. Es gehe darum, die maritime Sicherheit schnell zu verbessern, sagt Lockwood. „Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, uns verwundbar zu machen.“
Diese Gefahr hat auch die deutsche Marine auf dem Radar. Beschädigte Unterseekabel, Ankerschäden durch Schiffe der russischen Geisterflotte, Spionagedrohnen – längst ist die Bedrohung real. Zur kritischen maritimen Infrastruktur zählen auch Häfen, über die 90 Prozent des Welthandels abgewickelt werden. Marc Fetting leitet in Tróia die Hafenschutzeinheit. Das geschieht aus einem Containermodul heraus, in dem bis zu zehn Leute Platz finden und auf zahlreichen Bildschirmen das Geschehen überwachen. Hier laufen alle Daten rein, die von den verschiedenen Sensorsystemen der Hafenanlage erhoben werden. Der Container kann mit einem Spezialfahrzeug transportiert werden, wie es das NATO-Konzept vorsieht, erklärt Fetting. Entwickelt und gebaut wurde der Prototyp innerhalb von „zwei Jahren harter Arbeit“ vom deutschen Rüstungsriesen Rheinmetall , wie ein Unternehmensvertreter erklärt. Dabei sei die Softwarearchitektur offen, um Produkte anderer Anbieter zu integrieren; das müsse man sich so ähnlich vorstellen „wie mit Apps im Applestore“.
Robo-Hunde, auf Wunsch mit Waffen
Zu dem Aufklärungssystem gehört auch das amerikanische Unternehmen Ghost Robotics . Draußen demonstriert Santiago Gambón dessen hundeartigen Roboter, vollgestopft mit moderner Technik. Das Lidar-System, wie es auch für autonomfahrende Autos eingesetzt wird, stellt in Windeseile hochwertige 3D-Landkarten der Umgebung her, die durch verschiedene Sensorsysteme erfasst wird. „Es laufen permanent 25 aktive Videostreams“, erklärt Gambón. Die Robo-Hunde können um das Gelände patrouillieren oder in für Menschen gefährlichen Umgebungen eingesetzt werden
. Im zivilen Bereich werden solche Roboter von Anbietern wie Boston Dynamics zum Beispiel in der Öl-und Gasindustrie eingesetzt. Auch alte Fabriken, in denen digitale Nachrüstung schwierig ist, sind ein Einsatzgebiet für die Kontroll- und Wachhunde. Ghost Robotics bietet allerdings auch den Aufbau von Waffensystemen auf seinen olivgrünen Maschinen an, wenn es der Einsatz erfordert und der Auftraggeber will.
Über Preise für Produkte redet hier niemand der Teilnehmer gern. Im Unterschied zu gewerblichen Messen ist im Rahmen von REPMUS jede Art der Geschäftsanbahnung tabu, stellt Dirk Gärtner klar: „Wir sind hier noch nicht in einem Vergabeverfahren und machen keine Vorabsprachen für Verträge.“ Schließlich müsse man sich eng an das Vergaberecht halten. Gärtner ist Flotillenadmiral und im Marinekommando zuständig für die Zielbildung der Marine. Oder praktisch formuliert: „Wir schlagen dem Verteidigungsministerium vor, wie die Marine den Seekrieg der Zukunft gewinnen kann.“
Angesichts der hohen Innovationsgeschwindigkeit der Wirtschaft müsse man sehen, wie man mit diesen Zyklen Schritt halten und den Überblick behalten könne, sagt Gärtner. REPMUS sei dabei eine ideale Hilfe. Wie Delegationsleiter Pahl würde sich auch Gärtner eine solche Übung vor der eigenen Haustür wünschen, schließlich seien die Einsatzbedingungen an der portugiesischen Küste ganz andere als in Nord- oder Ostsee. Die Notwendigkeit sei erkannt, findet Gärtner, und mit dem Innovationszentrum in Erding gehe man in Deutschland schon einen Schritt in die richtige Richtung. Die Pläne für ein komplementäres Marinezentrum seien eingereicht.
Heute gehe es beim Einkauf neuer Waffensysteme um Schnelligkeit. „Wir werden nicht mehr Systeme für 30 Jahre rüsten, sondern vielleicht nur für zwei oder drei“, sagt Gärtner. Dann könne es schon den nächsten Technologiesprung geben, oder der potentielle Gegner habe sich so aufgestellt, dass das System keine Wirkung mehr entfalte. Am Ende, sagt Gärtner, säßen alle Beteiligten der REPMUS-Übung mit Blick auf die Bedrohung aus dem Osten bei der Beschaffung in einem Boot: „Wir müssen militärische Effekte zeigen – möglichst schnell und möglichst sichtbar.“