El Menchos Drogenkartell in Mexiko war überraschend bürokratisch organisiert: Für Mitarbeiter des Mafia-Bosses gab es feste Gehaltsstrukturen. Die sind nun öffentlich geworden.
Kartellbosse wie El Chapo, El Mayo – oder jüngst El Mencho – können nicht allein lukrative Drogen-Netzwerke aufbauen. Auch ein Mafioso braucht Personal. Aber warum entscheiden sich Menschen in Mexiko dafür, für ein Drogenkartell zu arbeiten? Die Antwort liegt häufig in den sozialen und wirtschaftlichen Realitäten des Landes. In vielen Regionen Mexikos herrschen Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Legale Jobs sind schlecht bezahlt, unsicher oder schlicht nicht vorhanden.
Vor diesem Hintergrund sind kriminelle Organisationen wie El Menchos „Cártel Jalisco Nueva Generación“ (CJNG) für junge Menschen ohne Zukunftschancen immerhin ein Arbeitgeber, der regelmäßiges Einkommen, Zugehörigkeit und sogar sozialen Aufstieg verspricht. Und wenn Freunde oder Verwandte bereits involviert sind und der Einstieg niedrigschwellig erscheint, ist der Sog solcher Strukturen besonders stark.
El Menchos Kartell in Mexiko zahlte feste „Gehälter“
Im Fall des CJNG zeigen jüngste Enthüllungen über eine sogenannte „Narconómina“, also eine interne Gehaltsliste des Kartells, wie El Mencho seine Gefolgsleute systematisch entlohnt hat. In den Unterlagen werden wöchentliche Zahlungen für unterschiedliche Funktionen aufgeführt. Späher, sogenannte „Halcones“, die Bewegungen von Polizei oder Militär beobachten, sollen demnach rund 3000 Pesos (170 Euro) pro Woche erhalten haben.
Bewaffnete Kämpfer, die an gewaltsamen Aktionen teilnehmen und womöglich eines Tages Menschen töten müssen, verdienten umgerechnet 220 Euro pro Woche, Kommandanten mit Führungsverantwortung 330 Euro. Am Ende kommen selbst für Kartellmitglieder, die die gefährlichsten Tätigkeiten übernehmen, „Monatsgehälter“ von deutlich unter 2000 Euro heraus. Im Vergleich zum mexikanischen Durchschnittslohn sind diese jedoch hoch – der liegt bei 700 bis 900 Euro monatlich.
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Die Aufzeichnungen deuten außerdem darauf hin, dass feste Summen für Bestechungszahlungen vorgesehen waren. Das Bild, das daraus entsteht, ist das eines fast bürokratisch durchorganisierten Unternehmens mit klaren Zuständigkeiten und festen „Gehältern“ – nur, dass es sich eben um ein hochgradig kriminelles Netzwerk handelt.
Es drohen Tod, Gefängnis und Gefahr für die Familie
Die Tätigkeiten innerhalb eines solchen Kartells reichen von scheinbar einfachen Aufgaben bis hin zu schwersten Straftaten. Ein „Halcón“ steht oft stundenlang an Straßenecken oder strategischen Punkten und meldet verdächtige Bewegungen. Andere transportieren Drogen, bewachen Verstecke oder treiben Schutzgelder ein. Wer als „Sicario“ arbeitet, beteiligt sich direkt an Entführungen, Erpressungen oder Morden. Mit jeder Stufe steigen Verantwortung, Bezahlung – und Gefahr.
Und das Risiko für Leib und Leben ist allgegenwärtig: Rivalisierende Gruppen bekämpfen sich in Mexiko brutal, Polizei und Sicherheitskräfte gehen gegen Kartelle vor, und auch interne Machtkämpfe sind keine Seltenheit. Viele Beteiligte sterben jung oder landen für Jahrzehnte im Gefängnis.
Auch wenn das Geld kurzfristig verlockend ist, ist die finanzielle Sicherheit letztlich trügerisch. Die „Karriere“ in einem Kartell endet fast immer abrupt – durch Verhaftung, Verletzung oder Tod. Oft zerstört die Beteiligung am organisierten Verbrechen nicht nur das eigene Leben, sondern auch das der Familie. Angehörige geraten ins Visier rivalisierender Gruppen oder werden gesellschaftlich stigmatisiert. Ferner trägt jede Mitarbeit dazu bei, die Gewaltspirale und Korruption weiter anzutreiben, wodurch ganze Regionen destabilisiert werden.
Nachhaltige Alternativen – Bildung, legale Arbeit, funktionierende Institutionen – wären entscheidend, um zu verhindern, dass kriminelle Organisationen weiterhin als vermeintlich verlockende Arbeitgeber auftreten können. Doch Mexiko tut sich hier, wie viele andere Länder mit ähnlichen Problemen, seit Jahrzehnten schwer. Zu tief scheinen die Kartellstrukturen in Politik und Gesellschaft verwurzelt zu sein. Der Fall El Mencho zeigt aber auch, dass selbst die mächtigen Anführer der großen Kartelle nicht unangreifbar sind.
wt
Source: stern.de