Wie endet die Demokratie, und wie beginnt ein autoritäres System? Schleichend und zunächst mit Worten, sagt Klementyna Suchanow. Als 2015 in Polen die nationalistisch-konservative PiS die Regierung übernahm, seien politische Gegner als Feinde bezeichnet worden. Sie habe das an den in den dreißiger Jahren in Dresden tätigen Romanisten Viktor Klemperer erinnert, der in seinem Werk „LTI“ die herabsetzende und ausgrenzende Sprache beschrieben hatte, sagt Klementyna Suchanow.
Als Jude hat Klemperer die schlimmsten Folgen erfahren müssen. So weit dürfe es nie mehr kommen, sagt die 52 Jahre alte Frauenrechtlerin am Sonntag in der Semperoper Dresden, wo sie den Dresdner Friedenspreis erhielt.
Einer größeren Öffentlichkeit wurde Suchanow bekannt, als die PiS 2015 eine drastische Verschärfung des in Polen ohnehin strikten Abtreibungsrechts plante. Das Gesetz sah vor, Abtreibungen praktisch vollständig zu verbieten, selbst nach einer Vergewaltigung. Dagegen formierten sich Zehntausende Frauen in Polen zum landesweiten „Frauenstreik“. Suchanow wurde zur Anführerin und zum Gesicht der Bewegung, die das Vorhaben schließlich zu Fall brachte.
Frauenbewegung wurde zu Plattform für Protest gegen Regierung
Als die PiS 2020 abermals versuchte, das Abtreibungsrecht zu verschärfen, gingen Hunderttausende dagegen auf die Straße. Die Frauenbewegung wurde zu einer Plattform für Massenprotest gegen die Regierung. Bei den Parlamentswahlen 2023 verlor die PiS schließlich die Macht, auch weil vor allem Frauen gegen sie gestimmt hatten.
„Klementyna Suchanow brachte Hunderttausende auf die Straße, um gegen den Abbau des Rechtsstaats, für Meinungsfreiheit und gegen das faktische Abtreibungsverbot in Polen zu protestieren“, sagte der frühere luxemburgische Außenminister Jean Asselborn in seiner Laudatio. Das sei ein großer Sieg gewesen.
Er schilderte, wie in jener Zeit Polen und das von Viktor Orbán geführte Ungarn in ihren Ländern Medien, Justiz und staatliche Institutionen unter ihre Kontrolle gebracht und sich dabei gegenseitig vor Konsequenzen durch die EU geschützt hätten. So sei der Rechtsstaat schleichend erodiert. „Wir müssen gegenhalten, damit unser Kontinent nicht in den Sog autoritärer Bestrebungen hineingezogen wird“, warnte Asselborn.
Sie erlebte die Befreiung Polens als 15 Jahre altes Mädchen
Suchanow schilderte, wie ihre Familiengeschichte sie geprägt habe. Die Großmutter, die von den Nazis zur Zwangsarbeit verschleppt wurde, der Großvater, der sich für ein freies Polen einsetzte, und ihr Vater, der zweieinhalb Jahre im Gefängnis war, weil er einem Porträt des sozialistischen Generals Jaruzelski einen Hitler-Schnurrbart verpasst hatte. Sie selbst erlebte die Befreiung Polens und Rückkehr zur Demokratie als 15 Jahre altes Mädchen. All das habe ihr Gespür für grundlegende Veränderungen geschärft.
In ihrem 2020 erschienenen, investigativen Buch „Das ist Krieg“ zeigt sie, wie erzkonservative, extremistische, frauen- und fremdenfeindliche Kräfte weltweit Netzwerke knüpfen mit dem Ziel, liberale Demokratien zu Fall zu bringen. „All die Angriffe auf die Justiz und Wahlen zielen letztlich darauf ab, das System in die Anarchie zu stürzen und die Europäische Union zu zerschlagen.“
Suchanow ist der PiS und der Katholischen Kirche ein Dorn im Auge. Jüngst beschuldigten parteinahe Medien die Aktivistin belegfrei, illegale Migranten ins Land geschmuggelt zu haben. Suchanow wies die Vorwürfe als Diffamierung zurück und verklagte diese Medien auf Unterlassung und Schadenersatz. Das alles sei Teil einer „hybriden Kriegsführung“ der PiS gegen sie. Die Initiatoren des Dresdner Friedenspreises, ein Verein Dresdner Bürger und die Klaus-Tschira-Stiftung, berichteten von verstörenden E-Mails und Anrufen, mit denen die Preisverleihung verhindert werden sollte.
Seit 2010 wird der mit 10.000 Euro dotierte Preis an Persönlichkeiten vergeben, die sich für Frieden und Völkerverständigung einsetzen. Zu den Geehrten zählen unter anderem Michail Gorbatschow, James Nachtwey und Alexej Nawalny. Klementyna Suchanow sagt, das sei ihr erster Preis überhaupt. Sie sehe ihn als Ansporn, weiter entschlossen auch zu ungewöhnlichen Mitteln zu greifen, um einen Rückfall in barbarische Zeiten entgegenzutreten.
Source: faz.net