„Drawing Now“ in Paris: Zeichnen kann man jetzt zweitrangig mit den Augen

Das Wörterbuch der Académie française lässt sich zwar zeitgemäß digital konsultieren, doch nicht jede Begriffsdefinition haben die stets vierzig „Immortels“ – wie die Wächter über die französische Sprache seit Kardinal Richelieu genannt werden – auf den neuesten Stand gebracht. Laut Dictionnaire ist eine Zeichnung „die Darstellung eines Wesens oder eines Objekts, sei es real oder imaginär, die mit einem Bleistift, einer Feder oder einem Pinsel auf einer Oberfläche ausgeführt wird“. Wer dieser Tage die Messe „Salon du Dessin“ im Palais Brongniart besucht, mag zugestehen, dass die Definition auf vielleicht 80 Prozent der Exponate zutrifft. Manches mehr als 100 Jahre alte abstrakte Werk schließt sie allerdings schon nicht mehr ein – ganz zu schweigen von der Zeichenkunst der Gegenwart, auf die sich die parallel stattfindende Messe „Drawing Now“ konzentriert.

Vielfalt der Materialien, Techniken und Ausdrucksformen

Dort lässt sich das gesamte Spektrum der zeitgenössischen Zeichnung entdecken, die mit einer außerordentlichen Vielfalt der Materialien, Techniken und Ausdrucksformen längst den dreidimensionalen und digitalen Raum erobert hat. Die französische Künstlerin Chloé Vanderstraeten, in diesem Jahr Preisträgerin der Messe, lässt sich von biologischen Darstellungen, astronomischen Karten und städtebaulichen Plänen zu hybriden Werken inspirieren, die trotz ihrer papierweißen architektonischen Strukturiertheit eine phantasievolle Lebendigkeit ausstrahlen. Am Stand der Pariser Galerie Traits Libres lässt Vanderstraetens fünf Meter lange „Colonne II“ an eine Raupe denken, die zugleich schon Schmetterling ist.

Bei Templon: Nazanin Pouyandeh, „Sans titre“Nazanin Pouyandeh / Templon / Laurent Edeline

Bei der Galerie Wagner (Paris) faszinieren Blätter von Michel Paysant. Der französische Künstler lässt von einer Digitalbrille die Bewegungen seiner Pupillen tracken – und zeichnet mit dem Blick im Moment der Betrachtung. Eine Software übersetzt die kaum wahrnehmbaren Augenbewegungen, die ein Roboterarm auf Papier überträgt. So entstanden ist eine Serie mit Blütenzeichnungen auf aquarellierten Blättern, die von Claude Monets Garten in Giverny beeinflusst sind (6000 bis 12000 Euro). Für Yann Bagot, den die Pariser Galerie Berthet-Aittouarès vorstellt, wird die Natur zur Mitschöpferin. Seine Blätter entstehen im Wald oder am Meer. Wenn der in der Bretagne geborene Künstler die Oberfläche des von Wellen gekräuselten, im Sonnenlicht blitzenden Meeres erfassen möchte, greift er zu Materialien, die er am Motiv vorfindet: Er arbeitet mit Meerwasser, Salz oder Schiefergestein (2000 bis 5000 Euro).

Preisträgerin: Chloé Vanderstraeten mit eigenen WerkenSay Who – Michael Huard

Die 19. Ausgabe von „Drawing Now“ versammelt im Carreau du Temple 71 Galerien aus 13 Ländern und etwa 300 Künstler von allen Kontinenten. Manche mussten aus ihrer Heimat fliehen, andere entstammen zwei Kulturen und haben das Land gewechselt. Gerade für sie ist das flexible Medium der Zeichnung eine ideale Ausdrucksform.

Im Stil persischer Miniaturen

Faszinierende Arbeiten der in Paris lebenden Iranerin Nazanin Pouyandeh zeigt die Galerie Templon (Paris, Brüssel, New York). In Selbstporträts bemalt Pouyandeh Kopf und Körper mit Tätowierungen im Stil persischer Miniaturmalerei, die von Krieg und Unterdrückung der Frau erzählen (4500 Euro). Bei der Galerie Maubert (Paris) teilen sich friedlich der Iraner Payram und der israelische Künstler Micha Laury den Stand. Payram floh 1983 vor der islamischen Revolution nach Paris. Über Jahre hinweg fotografierte er mit einer Polaroid-Kamera endlich entspannt schlafende Landsleute, die nach der Flucht eine erste Unterkunft bei ihm fanden. Die Fotos bemalte er so, dass kleine Bildwerke entstanden, deren Stil an Auguste Renoir oder Gustav Klimt erinnert (je 4900 Euro).

Zwischen Skulptur und Zeichnung: D.E. May, „Sans titre“ aus Karton bei der Galerie PDX ContemporaryPDX Contemporary Art

Während der Pariser „Woche der Zeichnung“ mit ihrem umfangreichen Messe-, Auktions- und Ausstellungsprogramm wird auch der Preis für zeitgenössische Zeichnung der Stiftung Florence und Daniel Guerlain verliehen – allerdings beim „Salon du Dessin“, wo Werke der drei Nominierten präsentiert werden, obwohl ihre Galerien bei „Drawing Now“ ausstellen. In diesem Jahr geht die Auszeichnung an die Holländerin Renie Spoelstra.

Die Pariser Galerie Papillon zeigt eine große Arbeit von Cathryn Boch, die mit Faden und Nähmaschine auf Landkarten oder Satellitenbildern imaginäre Geographien zeichnet. Zu den Nominierten gehört auch Simon Schubert bei der Galerie Martin Kudlek aus Köln (5300 bis 7500 Euro). Er bearbeitet blütenweiße Papierbögen mit feinen Faltungen, die Linien aus Licht und Schatten entstehen lassen. In anderen Werken zeichnet er mit Graphitmine und Pigmentreibungen menschenleere Zimmerfluchten. In ihrer latenten Melancholie erinnern sie an Gemälde von Vilhelm Hammershøi, durch ihr Licht an Interieurs holländischer Meister.

Drawing Now, Carreau du Temple, Paris, bis zum 29. März, Eintritt 16 Euro

Source: faz.net