In der Nacht von Dienstag zu Mittwoch ist es in den Vereinigten Staaten wieder einmal zu einem Regierungsstillstand („Shutdown“) gekommen. Staatsbedienstete wurden in den Zwangsurlaub geschickt und Behörden befinden sich im Notbetrieb. Es ist das 22. Mal seit 1976, dass Republikaner und Demokraten sich in Washington nicht auf einen Übergangshaushalt einigen konnten.
In der Vergangenheit hatten Regierungsstillstände keinen dauerhaften Einfluss auf die Indizes gehabt. So hielt sich auch in dieser Woche die Aufregung darüber in Grenzen. Ein solches Ereignis sei „für die Märkte kein Zuckerschlecken“, sagt Marktanalyst Christian Henke vom Handelshaus IG. Doch der Einfluss auf die Börsen sei alles in allem recht überschaubar. Ungeachtet des beginnenden Stillstands gab es an der Wall Street am Mittwoch Rekorde. Sowohl der marktbreite S&P 500 als auch der Technologieindex Nasdaq 100 erklommen Bestmarken. Insgesamt kommt der S&P 500 auf ein Wochenplus von 0,7 Prozent, der Nasdaq 100 stieg um 0,3 Prozent und der Dow Jones erreichte ein Plus von 1,16 Prozent. Für den Monat September verbuchten alle Indizes Gewinne, was auch für das dritte Quartal gilt.
99 Prozent Wahrscheinlichkeit für Zinssenkung
Nach Einschätzung der DZ-Bank-Analystin Birgit Henseler ist die Lage vergleichsweise angespannt, weil seit Beginn des Shutdowns keine offiziellen Konjunkturdaten mehr veröffentlicht werden. „Ein Fehlen wichtiger Daten zum Arbeitsmarkt oder der Konjunktur erschwert die Entscheidungsfindung der US-Notenbank, wie es mit den Leitzinsen weitergeht“, sagt Henseler. Eine höhere Volatilität bei den Zinserwartungen könne kurzfristig für Eintrübungen an den Börsen sorgen.
Statt auf offizielle Daten schauten Anleger in dieser Woche auf die Arbeitsmarktdaten des Dienstleisters ADP, die für September schwach gewesen waren. Das lässt manchen Anleger auf weitere Zinssenkungen hoffen. Die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Senkung wird nach dem Indikator Fed-Watch-Tool inzwischen bei 99 Prozent gesehen.
Eine der gefragtesten Branchen waren in dieser Woche Technologiewerte. Der ChatGPT-Anbieter Open AI, der nach Berichten vom Finanzmarkt nun mit rund einer halben Billion Dollar bewertet wird, zog andere Aktien aus dem KI-Bereich mit sich. Hierzulande profitierte davon der Waferproduzent Siltronic. Die Aktie erreichte in dieser Woche den höchsten Schlussstand seit Oktober 2024 und gehört mit einem Plus von 16,8 Prozent zu den größten Gewinnern am deutschen Aktienmarkt.
Die europäischen Börsen ließ die Entwicklung in den Vereinigten Staaten am Mittwoch kalt. Der Leitindex Euro Stoxx 50 schloss auf Wochensicht 2,5 Prozent höher, London und Zürich verzeichneten klare Gewinne. Der Dax legte am Mittwoch knapp ein Prozent zu und stieg auf Wochensicht um 2,4 Prozent. „Die Börsen in ihrem Lauf halten weder Zölle, Kriege noch Shutdowns auf“, resümierte Jürgen Molnar, Stratege beim Broker Robo-Markets. Politische Börsen haben kurze Beine.
Source: faz.net