Dr. Frankenstein hätte diesen Film aus Leichenteilen geschickter zusammengenäht

Es ist „feministisch“ und oft grottenpeinlich.: Regisseurin Maggie Gyllenhaal plündert für „The Bride“ den Friedhof der Horrorfilmgeschichte. Jessie Buckley und Christian Bale sollen den Monstern Leben einhauchen.

Wann genau ist es eigentlich „feministisch“ geworden, zu reden als hätte man Tourette-Syndrom? Und warum müssen „empowerte“ Frauen in Filmen, Comics, auf Bühnen und in Unterhaltungsmusikvideos heute immer auftreten wie grimassierende Horrorclowns? Das sind so Fragen, die man sich stellt, wenn man während der viel zu langen zwei Stunden von „The Bride! – Es lebe die Braut“, immer mal peinlich berührt vom Overacting der Hauptdarstellerin Jessie Buckley und vom Bedeutungs-Overfrachting der Regisseurin Maggie Gyllenhaal die Augen zuhält.

Buckley ist entschuldigt. Ihr Gezappel – ganz weit oben auf der Karl-Maria-Brandauer-in-seinen-schlechtesten-Tagen-Skala – ist eine Überreaktion auf das, was Regie und Drehbuch ihr aufbürden: Sie soll eine von einer anderen Frau Besessene spielen, die gestorben ist, dann durch eine geniale Wissenschaftlerin von den Toten wiederauferweckt wurde, ihr Gedächtnis verloren hat, die Partnerin eines anderen Untoten (Christian Bale spielt das Geschöpf des Dr. Frankenstein) werden soll, aber erst mal in einer Art Fetischclub sexuell und femo-politisch zu sich selbst findet. Im weiteren Verlauf schläft sie dann tatsächlich (aber weil sie es will – nicht, weil sie dafür geschaffen wurde!) noch mit dem Monster (hier amerikanisch lässig „Frank“ genannt) und tötet mehr oder weniger versehentlich zwei Polizisten – was dann eine große Frauenrevolte durch Nachahmungstäterinnen, die sich schminken wie „The Bride“, auslöst.

Wenn das klingt, als hätten es sich zwei angeschickerte Feministinnen, die mal ein richtig krasses Zeichen gegen das Patriarchat setzen wollten, spätnachts am Telefon ausgedacht, dann liegt es wahrscheinlich daran, dass es genauso war. Nur dass Maggie Gyllenhaal als Regisseurin im Inneren ihres Kopfes immer mit der Drehbuchautorin Maggie Gyllenhaal telefonierte. Logisch, dass dann keine Seite auf die Idee kam, der anderen zu raten: „Lass mal ein paar von den vielen Ideen, die dir durch die Birne rauschen, weg! Deinem Film wird es guttun!“

Lesen Sie auch

Vordergründig wird vor allem diese Geschichte erzählt: Im Jahre 1936 kommt Dr. Frankensteins Monster, das 117 Jahre nach seiner Erschaffung immer noch lebt, zu der genialen Wissenschaftlerin Dr. Euphronius (Annette Bening) und überredet sie, ihm eine Gefährtin zu schaffen. Die junge Frau, die die beiden dafür aus einem frischen Grab stehlen, entwickelt aber mehr und mehr eigene Ideen. Gemeinsam mit Frank macht sich die Braut auf einen Roadtrip durch Amerika, bei dem sie wie Bonnie und Clyde von der Polizei gehetzt werden – der legendäre Todestanz des Gangsterpärchens, während sie von Kugeln durchsiebt werden, aus dem „Bonnie und Clyde“-Film von 1969 wird zitiert.

Die Hauptzitierreferenz ist aber „Frankensteins Braut“ aus dem Jahr 1932. Mit dieser Fortsetzung schlossen der Regisseur James Whale und sein Titeldarsteller an den Erfolg ihres ein Jahr zuvor veröffentlichten „Frankenstein“-Films an, der für das ganze 20. Jahrhundert den Mythos des Monsters und sein Aussehen definierte. Genauso ikonisch wurde das Aussehen der „Braut“ von 1932. Gyllenhaal selbst kam auf die Idee, ihren „Bride“-Film zu drehen, als sie ein Tattoo mit dem Antlitz der Monster-Gefährtin auf einer Party sah. Diese hatte – anders als der Titel versprach – nur ganz am Ende des Films fünf Minuten Leinwandzeit, aber es wurden fünf Minuten für die Ewigkeit. Ein ähnlich langer Nachruhm wird Gyllenhaals „The Bride“ nicht vergönnt sein.

Die Anfangsszenen beider Filme definieren schön die Unterschiede und Gemeinsamkeiten: 1932 sitzt Mary Shelley, die Autorin des ursprünglichen „Frankenstein“-Romans, mit den beiden Dichtern Lord Byron und Percy Bysshe Shelley (ihrem Ehemann) in einer Gewitternacht zusammen und wird von ihnen aufgefordert, ihre Geschichte noch weiter fortzuspinnen. Es dauert höchstens zwei Minuten, bis ein Blitz die dunkle Nacht zerreißt und die Haupthandlung losgeht.

Lesen Sie auch

2026 begegnen wir Mary Shelley in einem düsteren Nachtod-Zwischenreich, in dem sie seit 200 Jahren gefangen ist. Genauso lang kommt einem diese Szene vor, in der sie fluchend ankündigt, von einer Lebenden Besitz zu ergreifen und einen neuen Mythos zu schaffen, der noch schockierender sein wird als der erste. In beiden Filmen werden Mary Shelley und die Braut von der gleichen Darstellerin gespielt. 1932 war es Elsa Lanchester, diesmal Jessie Buckley.

Das hätte alles eine zugleich gruselige und berührende Gothic-Horror-Story werden können – über zwei Liebe suchende Monster, die menschlicher sind, als die meisten ihrer Verfolger. Vor allem Bale ist regelrecht berührend, wie es einst Boris Karloff war. Aber auch Jessie Buckley hat solche Momente – etwa, wenn die Braut selbst andeutet, dass sie darunter leidet, von der mordlustigen, rachgierigen obszönen Schreckschraube Shelley besessen zu sein.

Aber Gyllenhaal wollte nicht nur einen Film drehen, sondern viele: eine plakative weibliche Rebellionsgeschichte, ein grausames Mafia-Märchen, ein Musical, ein Buddy-Movie über zwei Ermittler (Peter Sarsgaard und Penélope Cruz), ein paar coole Clips – alles, was man so auf dem Friedhof der Filmgeschichte, dort wo die halbguten Ideen begraben sind, zusammenraffen kann. Leider hat sie die Teile für ihren Film nicht so geschickt ausgewählt zusammengenäht wie einst Dr. Frankenstein für sein Monster.

Source: welt.de

BaleChristianGyllenhaalKinoMaggieMary (1797-1851)Shelley